Für den neuen Stuttgart-21-Tiefbahnhof könnte es eine Ergänzung (rot umrandete Fläche) geben. Sie soll im Bahnknoten der Stadt deutlich mehr Verkehr ermöglichen. Foto: DB AG/Arnim Kilgus

Die Landesregierung möchte mit Stadt und Region Stuttgart rasch über einen Zusatzbahnhof sprechen. Bei den Plänen soll unter anderem der Klimaschutz eine Rolle spielen.

Stuttgart - Vor der Koalitionsbildung im Land zeichnet sich eine für Stuttgart und die Region spektakuläre Entwicklung ab: Bei den Koalitionsverhandlungen haben Grüne und CDU nach Informationen unserer Zeitung ein gemeinsames Bekenntnis zu einem zukunftsfähigen Eisenbahnknoten Stuttgart vereinbart, das freilich noch der Bestätigung bei der Präsentation des Koalitionsvertrags am kommenden Mittwoch bedarf. Die politischen Gräben, die beim Stuttgart-21-Komplex bisher Grünen-Politiker und Christdemokraten trennten, werden jedenfalls deutlich kleiner, vielleicht sogar komplett zugeschüttet.

 

Das gemeinsame Ziel sieht so aus: Neben dem achtgleisigen unterirdischen Durchgangsbahnhof in der Stuttgarter Innenstadt soll ein Ergänzungsbahnhof als bis zu sechsgleisiger Kopfbahnhof angestrebt werden, für den sich die Grünen und vor allem ihr Landesverkehrsminister Winfried Hermann starkgemacht hatten.

Hauptbahnhof wichtig für das ganze Land

Außerdem soll die neue Landesregierung auch den Bau eines Gäubahntunnels am Flughafen Stuttgart angehen, für den sich der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Steffen Bilger (CDU), und danach immer mehr seiner christdemokratischen Parteifreunde in der Region Stuttgart eingesetzt hatten. Zu dem vereinbarten Paket gehören überdies mehrere bereits seit Jahren erwogene Ergänzungen im Nordzulauf des Hauptbahnhofs.

Bei den am Samstag zu Ende gegangenen Verhandlungen ist damit eine grundsätzliche Weichenstellung vorgenommen worden, um bestmögliche Vorsorge für die Zukunftsfähigkeit des neuen Bahnknotens Stuttgart zu treffen. Von dessen Leistungsfähigkeit sind, weil er von zentral wichtigen Fern- und Regionalverkehrslinien durchquert wird, große Teile des Landes abhängig. Dem Ausbau des Schienenverkehrs messen die alten und voraussichtlich auch neuen Partner im Regierungsbündnis aber auch aus Klimaschutzgründen erhebliche Bedeutung bei. Die Ergänzung des neuen Bahnknotens soll Reserven schaffen, damit auch nach dem Jahr 2030 noch mehr umweltfreundlicher Verkehr und mehr Fahrgäste auf die Schienen gebracht werden können.

Strecken für den Deutschlandtakt

Der kleine Kopfbahnhof im Untergrund entlang der Landesbank (LBBW) wäre bei sechs Gleisen 210 Meter lang und 60 Meter breit und würde Züge des Regionalverkehrs sowie S-Bahnen aufnehmen. Er würde direkt an den S-21-Durchgangsbahnhof andocken. Die zuführenden Gleise will man in Tunnel legen, damit die von der Stadt geplante Bebauung auf den frei werdenden Gleisflächen möglichst wenig behindert wird. Hermann hatte vor Kurzem eine umfassende Machbarkeitsstudie vorgelegt. Das Projekt Ergänzungsbahnhof würde samt den Tunnelzuläufen dem Büro Obermeyer zufolge an die 800 Millionen Euro kosten.

Grüne und CDU setzen aber auch auf Streckenneubauten, die der Bahn künftig den Deutschlandtakt mit regelmäßigen Abfahrtszeiten in wichtigen Bahnhöfen ermöglichen sollen. In Stuttgart und der Region würden dafür zwei große Tunnelbauten nötig: von der Hochgeschwindigkeitsstrecke aus Mannheim zum Hauptbahnhof und von Böblingen zum künftigen Flughafen-Fernbahnhof. Bisher war die Anbindung des Flughafens an die Gäubahn (Singen–Stuttgart) im Projekt Stuttgart 21 über die S-Bahn-Strecke geplant. Doch der Mischverkehr schafft Konflikte und beschleunigt die Gäubahn auf ihrem Weg von Singen nach Stuttgart nicht. Deshalb wirbt Bilger für den Gäubahntunnel und den stellenweisen Ausbau der Strecke bis Singen.

Konstruktive Verhandlungen

Vor wenigen Wochen hatte Steffen Bilger die Wirtschaftlichkeitsberechnung für diesen Ausbau vorgelegt. Der rund zehn Kilometer lange Tunnel zum Flughafen wird mit Kosten von 919 Millionen Euro angegeben. Die Grünen hatten sich da noch sehr reserviert gezeigt. Nun sind sie offenbar bereit dazu, mit der CDU an einem Strang zu ziehen, um Mittel aus dem Bundesverkehrswegeplan ins Land zu lenken.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe Verkehr hätten konstruktiv und einvernehmlich verhandelt, verlautet aus beiden Parteilagern. Die Einsicht in die sachlichen Notwendigkeiten und auch das gegenseitige persönliche Verständnis seien gewachsen, heißt es auch bei den Christdemokraten, bei denen es bisher große Vorbehalte gegen die Ergänzungsstation und gegen den Grünen-Verkehrsminister gegeben hatte. Die technische Machbarkeit der Vorhaben sei inzwischen belegt, für die Realisierung müssten aber nun der Bedarf, die Wirtschaftlichkeit der Ergänzungsstation und die Finanzierbarkeit der gemeinsamen Ziele nachgewiesen werden. Dafür nehme man sich jedoch einen engen Schulterschluss vor. Dabei will man die Landeshauptstadt und den Verband Region Stuttgart einbeziehen, die bisher auf Distanz zu den Plänen für die Ergänzungsstation gegangen waren. Dem Vernehmen nach will die designierte Koalition die Pläne aber auch bald und schnell umsetzen, wenn sich die Wirtschaftlichkeit und die Finanzierbarkeit erhärten.

Schnelle Entscheidungen wären auch nötig, denn die Stadt hatte in einem Wettbewerb die Gestaltung des sogenannten Rosenstein-Wohnquartiers auf der Gleisfläche ausgelobt. Der Zuschlag ging 2019 an eine Arbeitsgemeinschaft unter Führung der Stuttgarter Büros ASP und Koeber Landschaftsarchitekten. Neue Bahntunnel sind nicht vorgesehen; die AG hatte aber erklärt, ihr Konzept sei grundsätzlich flexibel.