Kinokritik: Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon Mit dem Doppeldecker hinaus ins Leben

Von Bernd Haasis 

Ein Bayer wird auf seine alten Tage weltläufig: Elmar Wepper spielt einen verstockten Gärtner, der mit seinem Kleinflugzeug ausbricht und merkt, wie bunt die Welt und die Menschen sind.

Stuttgart - Schorsch macht auf Patriarch, ohne ernstgenommen zu werden – denn er interessiert sich nicht wirklich für seine betrübte Ehefrau und für seine fast erwachsene Tochter, die gerne Kunst studieren möchte, statt die familieneigene Gärtnerei zu übernehmen. „Schmarrn“ sei das, findet Schorsch. Die Gärtnerei indes ist vom Untergang bedroht, denn die Heuschrecke vom neuen Golfplatz möchte die 83 000 Euro für den frisch verlegten Rasen nicht bezahlen: Der sei nicht grün genug. „Grüner wird’s nicht“, erwidert Schorsch, der nicht gerne viele Worte macht, mit Blick auf den eigens herbeigeschafften kalifornischen Rasen – selbiger „weiß ja gar nicht, was ein Regen ist!“ Als nun Schorschs geliebter Doppeldecker gepfändet werden soll, bricht er aus: Ohne Geld, Papiere und Handy hebt er ab.

Ein zauberhaftes Märchen entspinnt sich unter der Regie von Florian Gallenberger („Colonia Dignidad“), das manche Lektion bereithält für den verstockten Kauz, der das Leben erst wieder lernen muss. Auf sich allein gestellt erweist er sich als umgänglich und offen, was der Film am Ende als sehr folgerichtig auflöst. Vor allem hat Schorsch die Fähigkeit, unvoreingenommen zu staunen, und Gallenberger hat mit Elmar Wepper einen idealen Hauptdarsteller gefunden, der schon in Filmen wie Doris Dörries„Kirschblüten – Hanami“ (2008) glänzte.

Auch eine junge Rebellin möchte ausbrechen

Ein schwäbischer Bauer beherbergt Schorsch und zeigt ihm in seiner Messy-Bude, wie das ist so ganz ohne Familie. Dann trifft er die junge Philomena, die im Doppeldecker sofort den Ausweg aus ihrem Goldenen Käfig erkennt. Emma Bading ist als ausgeflippte Rebellin mit Kurhaarfrisur eine sympathische Erscheinung, und wenn sie zu überzieht droht, gelingt es dem Regisseur fast immer, sie wieder einzufangen. Ulrich Tukur, der die Titelrolle in Gallenbergers China-Drama „John Rabe“ (2009) spielte, ist brillant als entrückter Blaublütiger, der den Gärtner gleich für ein größenwahnsinniges Park-Projekt einspannen möchte.

Diesen indes hält es nicht lang, und in Philomenas Gesellschaft wird ihm klar, dass er ein viel besserer Vater sein könnte. Nach einer Notlandung auf einem brandenburgischen Flugplatz begegnet ihm dann auch noch eine Frau, deren Gegenwart ihm guttut – eine Seelenverwandte, die Dagmar Manzel („Die Unsichtbare“, „Tatort“) mit dem rauen Charme einer Ostpflanze ausstattet und mit der ­Lebensweisheit einer früheren DDR-Agrarpilotin, die um all das Gift weiß, das sie damals über die Felder und die Welt verteilt hat. Bei einer Karaoke in ihrem Café singt sie „Über sieben Brücken musst du gehen“, den alten Hit der Ostband Karat, eine Gruppe Ex-DDR-Bürger singt mit, und das wirkt gar nicht ostalgisch, sondern sehr anrührend.

Das Happy End geht gut auf

Ein Roadmovie in der Luft ist diese wundervoll angelegte Irrfahrt, die sich als absolut zielführend entpuppt für den anfangs neben sich stehenden Schorsch: Er kommt schließlich an – nicht dort, wo er hinwollte, sondern dort, wo er hinsollte. Auch auf die Zuschauer kann der weite Blick aus dem Flieger heilend wirken, wenn er über friedliche grüne Landschaften schweift. Mutig überdreht Gallenberger seine Inszenierung und gibt dem Film dadurch eine starke Dynamik. Stellenweise wirkt er allerdings zu bunt, zu laut, zu überladen, wenn etwa ein Hangar im Nichts im Discokugel-Glanz erstrahlt oder der musikalische Gefühlskleister – mal Streicher, mal Indie-Rock – fingerdick wird. Das kann so weit gehen, dass der geniale Minimalist Elmar Wepper kaum noch Raum für sich findet und seine Figur vollends verstummt.

Das Happy End geht so gut auf, dass man dem Regisseur das allzu Naheliegende gerne verzeiht. Ihm gelingt, wofür Zuschauer ins Kino gehen: Er lässt sie teilhaben an der Erhabenheit, die den Protagonisten erfasst, als er sein Leben auf eine neue Stufe hebt. In Gallenbergers Märchenwelt gibt es kein Ost und West, kein Bayern und den Rest, sondern nur eine bunte Welt für alle. Die Herren Seehofer, Söder, ­Dobrindt und andere geistige Geisterfahrer in der Mir-san-mir-Partei CSU würden staunen – wenn sie die Fähigkeit und den Willen dazu hätten.

Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon. Deutschland 2018. Regie: Florian Gallenberger. Mit Elmar Wepper, Dagmar Manzel, Ulrich Tukur. 116 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

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