Mehr Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein bitte! Wenn ein Kind in der Nähe ist, wird über Vandalismus dieser Art natürlich nicht mehr gelacht. Foto: Setzer

Ein bisschen halblegal hat früher mehr Spaß gemacht. Mit Kind im Haus versucht unser Kolumnist Michael Setzer, pädagogisch wertvoller zu werden. Muss ja.

Stuttgart - Der Nachbarsjunge prahlt vor seinem Freund, dass er mich kennen würde, lobt meine Coolness und verabschiedet sich von mir mit Ghettofaust. So machen wir Coolen das bei uns im Viertel. Ghettofaust. Man streckt sich die Faust entgegen und berührt sich leicht. Ich: „Yeah“, der Kleine: „Bäm“. Selten habe ich vier Zigaretten und einen Sixpack-Dosenbier besser investiert.

Nee, Quatsch, natürlich nicht. Wir kannten uns wirklich. Der Junge geht ab und an auch mit dem Hund in der Nachbarschaft flanieren. Seinen Vater kenne ich aus den gleichen Gründen. Der würde mir eine reinhauen, wenn ich seinen Sohn mit Bier und Zigaretten im Tausch gegen lässigen Leumund ausstatte. Außerdem: vielleicht mag der Kleine ja auch viel lieber Wein.

Eltern sind Langweiler

Man darf sich nichts vormachen, Eltern sind das Gegenteil von lässig. Eltern zu sein, heißt auch, den bislang größten Spaß im Leben auf seine Sinnhaftigkeit abzuklopfen: spätnachts betrunken Käsebrote essen, Horrorfilme vor 14 Uhr und Fluchen zum Beispiel. Je mehr ich versuche, pädagogisch wertvoll zu erscheinen, desto langweiliger werde ich.

Hat sich zum Glück noch nicht herumgesprochen. Wenn Jugendliche etwas Beistand bei der Kleinkriminalität brauchen, scheine ich noch immer ein beliebter Ansprechpartner zu sein. „Können Sie im Kiosk was für uns kaufen?“, fragt mich ein Mädchen und nickt in Richtung ihrer zwei Freundinnen, die ein paar Meter entfernt ebenfalls voll damit ausgelastet sind, erwachsener zu wirken als sie tatsächlich sind. „Die machen da Kontrollen im Laden!“, präzisiert das Mädchen ihr Anliegen.

Drei Jugendliche, zwei Zigaretten

„Äh, nee“, sage ich und merke, wie meine Umfragewerte als „lässigster Typ in der Nachbarschaft“ mit Schmackes gegen die Wand klatschen. Nur die SPD oder der VfB Stuttgart würden derart katastrophale Werte noch als Erfolg verbuchen. Das Mädchen gab mir trotzdem noch eine Chance: „Na gut, hätten Sie mir dann vielleicht drei Zigaretten oder vier?“

Natürlich lehnte ich auch dieses Anliegen ab – hatte nur noch zwei Zigaretten. Bringt ja nix, drei Jugendliche, zwei Zigaretten – womöglich streiten die sich dann, werden handgreiflich, Singer/Songwriter oder eröffnen einen Youtube-Channel. Ich: „Nee“. Sie: „Orr“. Und dann rollte sie genervt mit den Augen.

Bislang kaum kriminelle Energie

Mist, dachte ich, mein Säugling zu Hause wird ja auch mal so einer. Bislang ist zum Glück kaum kriminelle Energie zu erkennen. Sieht man davon ab, dass er gelegentlich zu irrationaler Gewalt neigt. Neulich boxte er mir im Überschwang die Brille von der Nase, zog mich mehrmals am Bart und versuchte mir dann einen Kopfstoß zu verpassen. Ich habe freundlichere Kneipenschlägereien gesehen.

Doch sein Herz ist rein. Er lacht und quietscht, wenn andere längst schnippisch werden. Zum Beispiel als ich den Wohnungsschlüssel in der Tür stecken ließ, leider von innen. Während Frau und Hund laut und deutlich „I.D.I.O.T.“ dachten, ließ sich das Kind nicht aus der Ruhe bringen.

Und wir haben sogar etwas gelernt: Wer Straftaten begehen möchte, sollte immer einen Säugling und die Mutter mit sich führen. Hund ist auch super. Man erweckt nie den Eindruck, zwielichtig oder verschlagen zu sein. Für meinen Geschmack hat der freundliche Mann vom Schlüsseldienst sogar recht wenig Fragen gestellt, bevor er die Wohnungstür aufgebrochen hat.

Michael Setzer ist vor Kurzem Vater geworden. Er interessiert sich sehr für höllisch laute Musik. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt.

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