Zeigt in schwierigen Zeiten Flagge: Kickers-Präsident Rainer Lorz verzichtet genauso wie andere Gremienmitglieder auf zustehende Darlehensforderungen gegen den Verein. Foto: Baumann

Die Stuttgarter Kickers stecken in einer der schlimmsten Krisen ihrer Vereinsgeschichte. Rainer Lorz, der Präsident des abstiegsbedrohten Fußball-Regionalligisten, erklärt vor der Mitgliederversammlung an diesem Montag, wie er die sportliche und finanzielle Zukunft der Blauen meistern will.

Stuttgart - An diesem Samstag (14 Uhr) hofft Fußball-Regionalligist Stuttgarter Kickers bei Wormatia Worms den Aufwärtstrend fortsetzen zu können. Am Montag (19 Uhr) setzt Präsident Rainer Lorz bei der Hauptversammlung im SSB-Waldaupark darauf, dass die Mitglieder der Blauen „die geleistete Arbeit in dieser schwierigen Phase realistisch einordnen können“.

Herr Lorz, erst einmal noch Glückwunsch, Herr Lorz, zum vergangenen Wochenende.
Danke, die Erleichterung war bei uns allen sehr groß.
Über den sportlichen Erfolg oder die Präsentation des neuen Sportdirektors?
Schön, dass beides zusammengekommen ist. In der aktuellen sportlichen Phase war der 4:2 Sieg beim FSV Frankfurt ungemein wichtig und äußerst erfreulich. Das stand im Vordergrund. Dass wir zeitgleich die Verpflichtung von Martin Braun vermelden konnten, rundete das Ganze natürlich ab.
Damit haben Sie vor der Mitgliederversammlung an diesem Montag etwas Dampf aus dem Kessel genommen.
Wir sind hierbei nicht taktisch vorgegangen. Ursprünglich war die Neubesetzung des Sportdirektoren-Postens erst für die Winterpause vorgesehen. Doch das Vakuum hatte sich aufgrund der schwierigen sportlichen Lage zunehmend als belastend herausgestellt. Deshalb haben wir bei der Suche Tempo gemacht.
Warum sind Sie überhaupt ohne Sportdirektor in die Saison gestartet?
Im Nachhinein war es eine – nicht zuletzt wirtschaftlichen Überlegungen geschuldete – Fehleinschätzung, die anfallenden Aufgaben ohne sportlichen Leiter bewältigen zu können. Wir haben unserem damaligen Trainer Tomasz Kaczmarek zu viel aufgebürdet, aber auch wir im Präsidium konnten die Aufgaben nicht mehr richtig bewältigen. Trainer- und Spielerentscheidungen müssen jedenfalls fundiert getroffen werden.
Was gab den Ausschlag für Martin Braun?
Er ist ein sehr geerdeter Mensch, der mit Realitäten gut umgehen kann, sich mit den Gegebenheiten bei den Kickers arrangiert und keine Luftschlösser baut. Er kennt sowohl den Profifußball als auch durch seine Tätigkeit beim FC 08 Villingen die Oberliga und sogar die Verbandsliga.
In diese Niederungen wollen Sie mit den Kickers aber nicht hin?
Natürlich nicht, aber wir wollen noch mehr auf Spieler aus der Region setzen. Und da ist es enorm wichtig, dass der sportlich Verantwortliche auch auf diesem Gebiet den Markt kennt und gut vernetzt ist.
Welche Veränderungen wird es in der Winterpause im Kader geben?
Wir werden eine saubere Analyse vornehmen. Den großen Umbruch wie vor einem Jahr wird es nicht geben, aber über punktuelle Verstärkungen werden wir nachdenken.
Wie gehen Sie in der Trainerfrage vor?
Auch Martin Braun hat die gute Arbeit von Paco Vaz ja bereits gelobt. Dem kann ich mich nur anschließen.
Also bleibt er sicher bis zur Winterpause?
Davon kann man derzeit ausgehen.
b>Trainer- und Spielerentscheidungen in der Winterpause
Und darüber hinaus?
Wie gesagt, wir werden eine umfassende Bestandsaufnahme machen. Im Augenblick ist Paco Vaz auf einem sehr guten Weg bei uns.
Martin Braun gilt als fleißig, seriös, akribisch, aber nicht unbedingt als der Typ, der forsch und mutig für frischen Wind sorgt. Sollte diese Eigenschaft dann idealerweise der Trainer verkörpern?
Es geht in unserer Situation nicht darum, groß aufzuräumen. Aber klar: Trainer und Sportdirektor dürfen sich von ihrem Charakter her gerne ergänzen. Sie können in Teilbereichen unterschiedlicher Meinung sein, aber sie müssen gut zusammenarbeiten und im Sinne des Vereins dann gemeinsam die beste Entscheidung treffen.
Kommen wir zur Mitgliederversammlung. Der Verein steckt trotz des jüngsten Sieges weiter in einer tiefen Krise. Welche Stimmungslage erwarten Sie?
Wir müssen die Kirche im Dorf lassen – sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung. Sportlich haben wir jetzt ein Spiel gewonnen und stehen auf Platz 13. Auch wenn kann man die vielen langfristig Verletzten mildernd anführen kann, können wir mit der sportlichen Situation also nicht zufrieden sein. Und auch wirtschaftlich gibt es für einen Verein wie die Kickers die hinlänglich bekannten Herausforderungen in der vierten Liga. Ich glaube aber, dass die Mitglieder die geleistete Arbeit in dieser schwierigen Phase realistisch einordnen können.
In der Kasse klafft beständig ein Loch - das immer größer wird?
Wir berichten am Montag ja über das Jahr nach dem Abstieg, das durch dramatisch geänderte Rahmenbedingungen geprägt war. Der Zuschauerschnitt ging von 4600 in der dritten Liga auf 3000 pro Spiel zurück. Die Einnahmen aus dem Spielbetrieb verringerten sich von rund 1,34 Millionen auf 574 000 Euro. Das komplette TV-Geld fiel weg. Das sind gravierende Einschnitte. Wir mussten wesentliche Einsparungen vornehmen wie beispielsweise auf der Geschäftsstelle und im Spielerkader, im Ergebnis mussten die Personalkosten halbiert werden.
Konkret nachgefragt: Wie hoch fällt das Defizit aus, nachdem sie für das Geschäftsjahr 2015/16 einen Verlust von 521 000 Euro vermelden mussten?
Aufgrund von Sondermaßnahmen werden wir für die Spielzeit 2016/2017 ein kleines positives Ergebnis präsentieren können.
Welche Sondermaßnahmen sind dies?
Insbesondere mit dem Ziel einer Verbesserung der Passivseite der Bilanz bestand die aus meiner Sicht sehr hoch einzuschätzende Bereitschaft von Gremienmitgliedern und gremiumsnahen Personen, auf ihnen zustehende Darlehensforderungen gegen den Verein zu verzichten.
Wie hoch ist dieser Betrag?
Da möchte ich der Mitgliederversammlung nicht vorgreifen?
Geschah dies, um die Überlebensfähigkeit des Vereins zu sichern?
Jein. Auch die Erklärung von Rangrücktritten wäre insoweit eine Möglichkeit gewesen, die aber nicht zu der beabsichtigten Verbesserung der Passivseite der Bilanz geführt hätte.
Die bilanzielle Überschuldung beläuft sich immer noch auf mehr als 2,6 Millionen Euro. Wo sehen Sie die mittelfristige Perspektive der Kickers?
Dieses negative Eigenkapital verringert sich erst dann, wenn wir Gewinne erzielen. Dies ist in der Regionalliga auf Basis der derzeitigen Strukturen schwierig. Das heißt, dass wir entweder weitere Einsparungen vornehmen und zum Beispiel den Etat weiter herunter schrauben müssen, bei gleichzeitigem besseren Einsatz der Mittel …
…ein Aufstieg wäre dann aber unrealistisch.
Man könnte ihn nicht planen oder sagen: ich will aufsteigen. Denn das hieße, sich in die eigene Tasche zu lügen. Auf Dauer wären auch die guten Spieler nicht zu halten. Der zweite Weg wäre, dass man Anstrengungen unternimmt, neue Mittel zu gewinnen.

Ausgliederungsprojekt sehr komplex

Sprich eine Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft vorzunehmen mit Beteiligung von Investoren, die zwei bis drei Millionen Euro bringen?
Nicht zwingend. Die Ausgliederung ist aber eine mögliche Option, um strategische Partner zu finden, die bereit sind Geld zu investieren, damit man gemeinsame Ziele erreicht.
Wie konkret sind die Pläne vorangeschritten?
Wir sind derzeit in einem Abwägungsprozess, auch mit Blick auf die einzuschlagende Richtung. Die Komplexität auch eines Ausgliederungsprojekts sollte man nicht unterschätzen. Es gibt sehr viele Fragen zu klären, steuerlicher Art, aber auch Fragen der Abgrenzung der einzelnen Bereiche. Noch ist bei uns nichts spruchreif. Dass es ein Kraftakt wird, die Kickers wieder nach vorne zu bringen, kann sich aber jeder vorstellen, ebenso dass wir bei diesem Unterfangen auf jede Unterstützung angewiesen sind.
Warum tun Sie sich dieses nicht gerade vergnügungssteuerpflichtige Amt eigentlich weiter an?
Ich hätte mir es nach dem Abstieg leicht machen können – und zurücktreten. Aber ich bin gewählt , und ich glaube es war im Sinne des Vereins, dass die Gremien nach dem Abstieg stabil geblieben sind. Wenn es aber jemanden gibt, der sich mit demselben Einsatz für die Kickers einbringen will, bitte schön.
2018 stehen Neuwahlen an. Werden Sie noch einmal antreten?
Das steht derzeit nicht zur Diskussion.
Was wünschen Sie sich bis dahin?
Dass wir uns sportlich stabilisieren, den Klassenverbleib nicht erst am letzten Spieltag schaffen und möglichst den WFV-Pokal gewinnen, alles andere wäre vermessen. Und mit Blick auf die neue Spielzeit dann endlich eine sorgenfreiere, erfreulichere Saison.
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