Der Kirchsaal auf der Hangweide ist seit Mitte Dezember entweiht und damit für anderweitige Verwendung frei. Foto: Gottfried Stoppel

Die Hangweide, das Dörfle für schwerbehinderte Menschen zwischen Stetten und Rommelshausen war einst eine Modelleinrichtung – in Zeiten der Inklusion sind fast alle Bewohner fortgezogen. Jetzt ist die Frage, was aus dem acht Hektar großen Areal wird.

Kernen - Vor genau 60 Jahren ist sie als bundesweite Modelleinrichtung gebaut worden: Die Hangweide, das Behindertendorf zwischen Rommelshausen und Stetten mit seinen acht einst vorbildlichen Wohnhäusern und mit vielerlei für damalige Standards höchst innovativen Angeboten. Die professionalisierte pädagogische Förderung schwerbehinderten Menschen hatte dort mit ihren Ursprung oder die längst in Waiblingen beheimatete und weithin bekannte Kreative Werkstatt. Fachleute aus vielen Ländern haben sich in den späten 1950ern und in den 1960ern dort über die neuen Entwicklung in der Behindertenhife informiert.

Lediglich zwei Häuser bleiben bewohnt

Seit Jahresbeginn ist die Exklave am Rommelshausener Ortsrand weitgehend verwaist. Abgeschlossene Behinderteeinrichtungen mit einer eigenen Welt hinter verschlossene Toren haben in Zeiten der Inklusion ausgedient. Nur zwei moderne Häuser sind noch bewohnt samt einem kleinen Werkstattpavillon. Sie werden, so lautet die Pläne seitens der Diakonie Stetten und der Gemeinde Kernen, Teil eines inklusiven modernen Wohngebietes mit bezahlbarem Wohnraum – einer neuen und nicht abgeschottete Hangweide für alle eben – ein ehrgeiziges Projekt für dessen Realisierung der Kaufinteressent Kernen sich die Kreisbau und die Kommunalentwicklung mit ins Boot geholt hat.

Noch stehen allerdings auf dem knapp acht Hektar große Areal die maroden Restgebäude samt dem im Dezember vergangenen Jahres feierlich entweihten Kirchsaal noch. Auch wenn die Bewohner längst in neu gebaute Wohngruppen in Weinstadt, Schorndorf, Fellbach oder Filderstadt umgezogen sind, Mitarbeiter ihre Wohnungen am Areal verlassen mussten und die Gärtnerei des Berufsbildungswerkes bei der Gärtnerei Haidle in der Bühläckerstraße ein neues Domizil gefunden hat.

Das Hangweideareal ist nämlich nach wie vor im Besitz der Diakonie Stetten – auch wenn es alle Beteiligten mit dem angestrebten Verkauf an die Gemeinde Kernen eigentlich eilig haben. Die Diakonie, weil der Erlös aus dem Areal in Zeiten knapper Budgets dringend anderweitig gebraucht wird. Die Kommune, weil ihr das Problem der Anschlussunterbringung von Flüchtlingen mächtig unter den Nägeln brennt. Nicht zuletzt wegen der Strafzahlungen für Fehlbelegung an den Landkreis, der die Kommune allein für die ersten drei Monate diesen Jahres rund 160 000 Euro kosten wird. Derzeit werden für Kernen für jeden zur Anschlussunterkunft nach Kernen zugewiesenen Flüchtling 520 Euro pro Monat fällig, der noch auf Kosten des Kreises in einer Erstunterkunft wohnt.

Trotz Planungen für Containerlösungen in der Frauenländerstraße in Stetten bleibt die Gemeinde bei der Realisierung von Anschlussunterkunftsplätzen weiter massiv im Verzug. „Die Containerlösung ist deutlich günstiger als die Zahlung an den Kreis“ sagt dazu der Bürgermeister Stefan Altenberger. Weil bis zur Realisierung des inklusiven Wohngebiets mit Architektenwettbewerb, Planung und Genehmigungsverfahren noch einiges Wasser im Beibach Richtung Rems fließen dürfte, stünde zumindest ein Teil des Areals übergangsweise für Lösungen unter Aufmöbelung der maroden bestehenden Infrastruktur oder mit Wohncontainern zur Verfügung.

Die Realisierung des Wohngebiets wird noch auf sich warten lassen

Später folgen soll in jedem Fall das allseits gewünschte inklusive Lebensquartier, für das bereits die erste Infoveranstaltungen des Bürgerbeteiligungsprozesses über die Bühne gegangen ist. Aber die Gutachten, die Aufschluss über Nutzungsausmaß, Wert und Kaufpreis der Fläche geben sollen, liegen noch nicht vor. „Der Preis richtet sich nach der Bebaubarkeit“, sagt dazu Altenberger. Andererseits betont der Diakoniechef Rainer Hinzen: „Es zeichnet sich deutlich ab, dass die Fläche dringend für bezahlbaren Wohnraum genutzt werden muss. Deshalb haben wir uns entschieden, mit der Gemeinde zu verhandeln und nicht mit privaten Investoren.“ Diakonie und Kommune sind zuversichtlich dass spätestens im Juli die Unterschriften unter den Kaufvertrag für das Hangweiden-Areal gesetzt werden können.

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