Auch Goldringe wurden im Keltengrab in Kirchheim unter Teck gefunden. Foto: LAD/Felix Pilz

Archäologen des Landesdenkmalamts sind in Kirchheim unter Teck auf eine Kostbarkeit gestoßen: das rund 2500 Jahre alte Grab einer Keltin der Oberschicht mit Goldschmuck.

Kirchheim unter Teck - Schon vor circa 7000 Jahren lebten Ur-Kirchheimer in der Gegend der Teck. Dies belegen Ausgrabungen im künftigen Kirchheimer Gewerbegebiet Hegelesberg. Dort retten Archäologen des Landesdenkmalamts um Professor Jörg Bofinger Zeugnisse der Ur- und Frühgeschichte, bevor der Grund und Boden mit Firmengebäuden bedeckt wird. Im vergangenen Jahr haben die Forscher eine jungsteinzeitliche Siedlung gefunden, die mit rund 25 000 Quadratmetern zu den größten ihrer Art in Südwestdeutschland zählt.

Jetzt ist das Team um den 1967 im Stuttgarter Stadtteil Luginsland geborenen Bofinger in unerwarteter Weise auf einen weiteren spektakulären Fund gestoßen: das Grab einer keltischen Frau aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. Fein gearbeiteter Goldschmuck belegt, dass die hier bestattete Frau der keltischen Oberschicht angehört haben muss. „Im regionalen Zusammenhang für Südwestdeutschland ist dieses Grab auf jeden Fall als Sensation einzustufen“, sagt Jörg Bofinger. Ein unberaubtes Keltengrab sei stets eine Überraschung: „Bei den großen Grabhügeln war im Großraum Stuttgart das Grab des Fürsten von Hochdorf das einzige, das von den Grabräubern unversehrt geblieben ist.“

Das Skelett der Kirchheimer Keltin ist nicht mehr erhalten. „Anhand der Grabbeigaben können wir allerdings die Lage der Bestattungsstelle gut rekonstruieren“, sagt Jörg Bofinger. Links und rechts des Schädels lagen je drei kleine, fein verzierte Ringe aus Gold, die möglicherweise als Ohrringe oder ins Haar eingeflochten getragen wurden. Im Bereich des Hinterkopfs lagen mindestens zwei kugelförmige Objekte aus flächig verziertem Goldblech. „Sie sind mit großer Wahrscheinlichkeit Nadelköpfe der Haar- oder Haubentracht“, sagt der Archäologe. Im Grab lagen außerdem je ein Paar Arm- und Fußringe aus Bronze, und um die Fußgelenke trug die Tote Ketten aus kleinen schwarzen Perlen, die aus fossilem Holz, sogenanntem Gagat, hergestellt wurden. Der ölig fette Glanz von Gagat lässt sich durch Polieren steigern, weshalb das Material als Schmuckstein eingesetzt wurde. Antike Autoren, welche die chemische Zusammensetzung des Materials nicht kannten, bezeichneten Gagat als schwarzen Bernstein.

"Die Schmuckstücke zeigen, dass hier eine Frau bestattet wurde"

„Die Schmuckstücke zeigen, dass hier eine Frau bestattet wurde, und die Objekte erlauben die erste zeitliche Einordnung des Fundes an das Ende der frühen Eisenzeit, etwa um 500 vor Christus“, sagt Jörg Bofinger. Damit sei das Grab etwa 50 Jahre älter als das des berühmten Keltenfürsten von Hochdorf. Möglicherweise ruhte die Keltin unter einem Grabhügel, der heute nicht mehr sichtbar ist. Die Archäologen deuten Verfärbungen im Umfeld des Grabes als Anzeichen dafür, dass die Grablege in irgendeiner Weise oberirdisch sichtbar gemacht wurde. „Frauengräber mit Grabbeigaben dieser Qualität kennen wir aus der frühen Keltenzeit nur wenige“, sagt der Experte. In den 50er Jahren habe man in Ditzingen-Schöckingen (Kreis Ludwigsburg) ein ähnlich ausgestattetes Grab einer Keltin gefunden. Der spektakuläre Fund des Grabs einer Keltenfürstin bei der Heuneburg an der Donau im Kreis Sigmaringen im Jahr 2010 sei rund 80 Jahre älter als dasjenige der Keltin in Kirchheim, „gehört jedoch derselben frühkeltischen Epoche an“.

Der Goldschmuck im Grab der Fürstin an der Heuneburg markiert einen Wendepunkt der keltischen Kulturgeschichte. Filigran gearbeitete Goldkugeln deuten darauf hin, dass der Goldschmied sein Metier in Italien oder auf der Iberischen Halbinsel gelernt hat. Wahrscheinlich ist er über die Alpen gekommen, hat eine Werkstatt eröffnet und Lehrlinge ausgebildet. Die keltische Kunst, konstatierte Jörg Bofingers Kollege, der Landesarchäologe Dirk Krausse, anlässlich der Präsentation der Grabfunde der Heuneburger Keltenfürstin im Ehrenhof des Neuen Schlosses Ende 2014, sei in der damaligen Zeit nicht bedeutend gewesen: „Sie war ornamental, ohne figürliche Darstellungen. Die jungen Leute, die der Goldschmied angelernt hatte, brachten mit neuen Techniken eigene Mythen ein, aus denen später der elegante keltische Stil mit Fabelwesen und floralen Ornamenten entstanden ist.“ Dies sei deshalb „die Initialzündung einer neuen Kunstepoche“. 80 Jahre später, im Grab der Kirchheimer Keltin, scheint sie schon gezündet zu haben. „Man kann jetzt schon sagen, dass dies eigenständige keltische Arbeiten sind“, sagt Bofinger. Weitere Goldkugeln im Grab seien bereits sichtbar, sie würden aber wohl erst im September freigelegt.

Damit die Wissenschaftler von Grabräubern und Witterung ungestört weiterarbeiten können, haben sie das gesamte Grab als 500 Kilogramm schweren Erdblock am Stück geborgen. In den Werkstätten der archäologischen Restaurierung am Landesdenkmalamt in Esslingen wird er unter Laborbedingungen unter die Lupe genommen.

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