Am 9. Mai 1912 quoll in der Siederei der Teerfabrik Burck ein Kessel über und ergoss seinen brennenden Inhalt in den Hof. Tausende Schaulustige fanden sich ein, um den Großbrand zu beobachten. Die Feuerwehr konnte nur noch die umliegenden Wohnhäuser retten und einen Schuppen, in dem laut Zuffenhäuser Chronik „etwa 10 000 Kilogramm Benzin“ lagerten. 1936/1937 wurde auf dem Areal die Keltersiedlung gebaut. Foto: Archiv Winfried Schweikart

Ab Dezember sollen Boden und Grundwasser in der Keltersiedlung saniert werden. Laut Amt für Umweltschutz besteht für Nachbarn und Anwohner kein Grund zur Sorge. Allerdings ist mit Lärm- und Geruchsbelästigungen zu rechnen.

Stuttgart-Zuffenhausen - Während der Abriss der Gebäude in der Keltersiedlung schon begonnen hat (wir berichteten), beschäftigten sich die Bezirksbeiräte am Dienstag mit der anstehenden Altlastensanierung auf dem Areal zwischen Schöntaler, Hofäcker- und Künzelsauer Straße. „Die Planung ist noch nicht vollständig abgeschlossen“, sagte Hermann Josef Kirchholtes vom Amt für Umweltschutz. Im Juni soll der Altlastensanierungsplan fertig sein. „Wir werden dann noch einmal kommen und ihn vorstellen.“

Klar ist hingegen schon, dass im Boden Teeröle schlummern. „Als Verursacher kommt nur die 1883/84 bis 1912 betriebene Teerfabrik in Frage“, schrieb der Leiter des Amtes für Umweltschutz, Hans-Wolf Zirkwitz, im Januar auf Nachfrage unserer Zeitung. „Die Verunreinigungen insbesondere durch polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe, Mineralölkohlenwasserstoffe, aromatische Kohlenwasserstoffe und Phenole sind oberflächennah wie auch bis in etwa acht Meter Tiefe nachgewiesen.“ Solange aber alles unter der Erde bleibe, bestehe für niemanden eine Gefahr, betonte Kirchholtes am Dienstagabend.

Ab Dezember stellt sich die Situation dann etwas anders dar. Wenige Tage vor dem Jahreswechsel sollen die Sanierungsarbeiten beginnen. Das Erdreich muss teilweise bis zu acht Meter Tiefe ausgehoben und gereinigt werden. Auch das Grundwasser ist belastet. „Die Nachbarschaft und die Anwohner sollen aber so wenig wie möglich von den Arbeiten beeinträchtigt werden“, sagte Peter Rothschink vom Ingenieurbüro für Bauwesen und Umwelttechnik GmbH, Klinger und Partner. „Man wird aber wohl etwas riechen.“ Deshalb wird ein großes Zelt über der Baugrube errichtet, das etwa drei bis vier Monate stehen bleiben wird. „Wir werden im Zelt permanent einen Unterdruckbetrieb mit Abluftreinigung durch Aktivkohle haben“, sagte Kirchholtes. Zudem werde das kontaminierte Erdreich in emissionsgeschützten Lastwagen abgefahren. Diese Maßnahmen seien mit der Gewerbeaufsicht und dem Gesundheitsamt abgesprochen. „Es wird höchste Zeit, dass da mal reiner Tisch gemacht wird“, betonte CDU-Bezirksbeirat Claus-Peter Schmid. „Das ist kein Ruhmesblatt. Da hätte früher schon etwas passieren können.“

Erste Schätzungen gehen von 3,6 Millionen Euro Sanierungskosten aus

Der Christdemokrat spielte damit auf die Ausführungen von Kirchholtes an, der zuvor zugeben musste, dass das Amt für Umweltschutz den Grad der Verunreinigung seit Jahrzehnten unterschätzt hat. Zwischen 1993 und 1996 wurde das Areal, auf dem bis 1912 die Teerfabrik Burck ansässig war, als „altlastenverdächtige Fläche“ erfasst. Die Stadt ging davon aus, dass das Gefahrenpotenzial gering sei. Auch bei einer sogenannten historischen Erkundung Anfang des 21. Jahrhunderts änderte sich die Bewertung nicht. Im Jahr 2010 wurden dann Untersuchungen durchgeführt, bei der Teeröle gefunden wurden. „Die Konzentration war nicht dramatisch. Eine Gesundheitsgefährdung haben wir nicht gesehen“, sagte Kirchholtes. Allerdings war klar, dass zusätzliche Untersuchungen folgen müssen. Weitere Jahre gingen ins Land, ehe zwischen 2014 und 2016 das ganze Ausmaß der Verunreinigung entdeckt wurde. „Der Schaden war größer als vermutet. Wir haben festgestellt, dass sich die Altlasten auch auf das Grundwasser auswirken und wir handeln müssen“, erklärte Kirchholtes. Genaueres könne er dann im Juni sagen. Dann wird auch feststehen, wie teuer die Altlastensanierung wird, die von der Stadt finanziert wird. Derzeit liegt nur eine erste Schätzung vor, die von stattlichen 3,6 Millionen Euro ausgeht.

Nicht saniert wird übrigens die Fläche zwischen Schöntaler, Ingelfinger und Hohenloher Straße, die direkt an das Areal angrenzt, auf dem der zweite Bauabschnitt umgesetzt wird. Auch dort müsste teilweise bis zu acht Meter tief gegraben werden, um die Altlasten zu entfernen. „Das machen wir aber erst, wenn die dortige Kindertagesstätte einmal neu gebaut wird“, sagte Kirchholtes. „Wir werden aber alles tun, damit die Schadstoffe nicht an die Oberfläche treten.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: