Keime im Haushalt Zu viel Hygiene kann auch schaden

Von Werner Ludwig 

Oft ist der größte Keimherd im Haushalt der einfache Haushaltsschwamm. Foto: Pixelot
Oft ist der größte Keimherd im Haushalt der einfache Haushaltsschwamm. Foto: Pixelot

Das Geschäft mit Desinfektionsmitteln ist am boomen. Immer mehr Menschen wollen sich möglichst frei von Keimen halten und machen sich erst dadurch empfänglich für Krankheiten. Andere Gefahren für die Gesundheit seien viel ernster zu nehmen, findet Redakteur Werner Ludwig

Stuttgart - Viele Wohlstandsbürger haben eine fast schon panische Angst vor Krankheitskeimen in ihrer Umgebung. Das freut die Hersteller von Desinfektionsmitteln. Die Nachfrage nach ihren Produkten steigt stetig. Denn immer mehr Menschen desinfizieren sich regelmäßig die Hände oder wischen Griffe und Flächen mit Desinfektionstüchern ab, bevor sie sie berühren. Auch im Haushalt wird häufig mit rabiaten Reinigern gearbeitet, um auch noch das letzte – in den meisten Fällen völlig harmlose – Bakterium zur Strecke zu bringen. Dabei ist so viel Hygiene gar nicht nötig.

Oft genügt das normale Händewaschen

Natürlich kann man sich eine Erkältung einfangen, wenn man wie in diesen Tagen überall von schniefenden und hustenden Menschen umgeben ist. Das ist aber in der Regel keine Gefahr für Leib oder Leben, gegen die man flächendeckend mit der chemischen Keule vorgehen müsste. Normales Händewaschen genügt voll und ganz, um das Infektionsrisiko wirksam zu verringern.

Auch wenn sich viele vor Keimen fürchten – in puncto Hygiene haben Deutschland und andere reiche Länder ein bemerkenswert hohes Niveau erreicht. Manche Mediziner sagen sogar: ein zu hohes Niveau. Tatsächlich braucht es für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems ein Minimum an Mikroben. Mehrere Studien deuten zudem darauf hin, dass Kinder, die in einer extrem keimarmen Umwelt aufwachsen, häufiger Allergien entwickeln.

Daraus den Schluss zu ziehen, Hygiene sei generell schlecht, wäre allerdings falsch. Dass in den entwickelten Ländern heute nur noch ganz wenige Menschen an Infektionskrankheiten sterben, die früher ganze Landstriche entvölkerten, ist neben dem medizinischen Fortschritt auch der verbesserten Hygiene zu verdanken. Anders als in manchen ärmeren Regionen braucht sich hierzulande zum Beispiel niemand vor Krankheitserregern im Trinkwasser zu fürchten. Auch Lebensmittel waren aus mikrobiologischer Sicht wohl noch nie so sicher wie heute.

Größere Gefahr durch den unüberlegten Konsum von Antibiotika

Die größten Gesundheitsgefahren durch Krankheitskeime drohen heute und in Zukunft an anderer Stelle. So werden Antibiotika nach wie vor oft unnötigerweise oder unüberlegt eingesetzt. Damit steigt das Risiko, dass sich Bakterienstämme entwickeln, gegen die die einstige Wunderwaffe nicht mehr wirkt. Dringend geboten ist nicht nur eine deutliche Verringerung der Antibiotika-Gaben in der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Ebenso wichtig ist ein zielgerichteter Einsatz in der Humanmedizin.

Was Fachleuten zu Recht Sorgen bereitet, ist auch die weltweit wachsende Mobilität, die es Krankheitskeimen erlaubt, in kurzer Zeit an fast jeden Ort der Welt zu gelangen. Dass ein Killer-Keim wie das Ebola-Virus in Europa oder Nordamerika eine Epidemie auslöst, ist zwar angesichts verbesserter Überwachungs- und Melderegeln unwahrscheinlich. Es gilt aber auch, nicht ganz so spektakuläre Erreger wie den der Tuberkulose im Auge zu behalten, die in anderen Teilen der Welt längst nicht ausgerottet sind.

Immer ältere Menschen werden empfänglich für Krankheitserreger

Klar ist, dass mit dem Klimawandel viele Krankheiten aus wärmeren Regionen auch bei uns häufiger auftreten werden. Auf diese Entwicklung müssen sich die Behörden und das Gesundheitssystem jetzt schon vorbereiten. Genauso wie darauf, dass die Menschen immer älter und damit in vielen Fällen auch empfänglicher für Infektionen werden. In Krankenhäusern und Pflegeheimen sind deshalb weitere Verbesserungen der Hygiene nötig. Im Alltag braucht aber auch künftig niemand wahllos mit Desinfektionsmitteln um sich zu sprühen.

werner.ludwig@stzn.de

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