Auf dem Stuttgarter Schlossplatz (Bild oben) werden die Pavillons und die Bühnen für die Veranstaltungen des Katholikentags aufgebaut. Foto: Lichtgut//Max Kovalenko, imago/Friedrich Stark

Das am Mittwoch beginnende Christentreffen in Stuttgart leidet unter der allgemeinen Verdrossenheit an der Amtskirche. Im Vergleich zu den Hochzeiten des Katholikentags, zu denen fast 90 000 Besucher kamen, werden diesmal nur 30 000 erwartet.

An den Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart erinnern sich viele gerne. Manch einer seufzte nach der Veranstaltung voller Wehmut: „Kann nicht jeden Tag Kirchentag sein?“ Die Stadt und ihre Menschen waren freundlich, rücksichtsvoll, fröhlich. Kurzum: Stuttgart zeigte sich menschlicher, christlicher. Auch jetzt stehen wieder Tage im Zeichen der christlichen Werte an, der 102. Deutsche Katholikentag (25.-29. Mai) steht unter dem Leitwort „leben teilen“. Ein Fest des Glaubens, der Kultur und der gesellschaftlichen Debatte, das an diesem Mittwoch beginnt.

 

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Doch der Kirchentag ist nicht der Katholikentag. Darauf legt Thomas Großmann, der Programmchef des Katholikentages, Wert. Und der „K-Day“, wie ihn der Stadtdekan Christian Hermes einmal nannte, sei keine Veranstaltung der katholischen Amtskirche. „Er wird von einer Laienorganisation organisiert und verantwortet“, sagt Großmann. Man habe zwar ein gutes Verhältnis zur Amtskirche und zu deren Bischöfen, aber es gebe auch Spannungen. Zur Wahrheit gehört ebenso, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart und deren Bischof Mitveranstalter sowie Gastgeber sind. Insofern besteht doch eine enge Verbindung.

Viele verstecken ihr Katholischsein

Doch die Identifikation des gemeinen Christenvolks mit den Amts- und Robenträgern bröckelt rasanter denn je. Manch einer will sich öffentlich aus Scham oder aus Furcht vor Missbilligung nicht mehr als Katholik zeigen. „Dieser Katholikentag findet in kirchenpolitisch sehr schwierigen Zeiten statt. Wer fühlt sich denn heute noch eingeladen zu einem Treffen in der Öffentlichkeit, wo viele ihr Katholischsein lieber verstecken? Denn Katholischsein heißt auch, Mitglied in einer Kirche zu sein, die so stark und berechtigt im Visier der kritischen Öffentlichkeit steht“, sagte kürzlich Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa. „Diejenigen, die sich vor zehn Jahren noch auf jeden Katholikentag gefreut haben, sagen heute: Muss ich da hingehen?“

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Großmann beantwortet das mit einem klaren Ja: „Man muss.“ Alleine schon wegen des hochkarätigen Kulturprogramms und der insgesamt 1500 Veranstaltungen. Aber natürlich auch wegen der thematisch breit gefächerten Diskussionsrunden. Gleichwohl weiß er, dass viele nicht mehr zu dieser Kirche stehen können, dass sie sich nicht gemein machen wollen mit den Skandalen innerhalb der katholischen Kirche. Aber genau denjenigen ruft er selbstbewusst zu: „Obwohl wir ein Teil dieser Kirche sind, sind wir autonom und nehmen für uns in Anspruch, die Leitung der Kirche kritisch zu befragen und ihr auch im Angesicht zu widerstehen.“ Der Katholikentag verstehe sich auch als ein Dialogforum, bei dem gleichberechtigt und auf Augenhöhe kritische Themen besprochen werden. „In dieser Weise sind wir übrigens auch ein Resonanzboden für den synodalen Weg“, so Großmann. Offensichtlich ist diese Botschaft beim Kirchenvolk noch nicht angekommen. Der Kartenverkauf bleibt bisher hinter den Erwartungen zurück. Freilich auch wegen Corona und der Auswirkungen auf das öffentliche Leben. Aber eben auch wegen der Kirchenverdrossenheit. War ursprünglich von 60 000 zu erwartenden Besuchern die Rede, so spricht man jetzt noch von 30 000. Dennoch hofft Großmann auf ganz viele kurz entschlossene „Wiederholungstäter“. Denn beim Katholikentag in Münster 2018 kamen insgesamt 53 000 Menschen mit Dauerkarte und 35 000 mit Tagesticket. Zudem betont Großmann, dass die Besucher des Katholikentags ja auch ein Gegenlager zu dem bilden könnten, was in der Kirche schlecht laufe.

Der Kanzler kommt nach Stuttgart

Doch selbst Politiker, die vor allem in Wahlkampfzeiten die Podien gerne nutzen, machen teilweise einen Bogen um Stuttgart. Großmann musste einige Politiker aus dem Veranstaltungsprogramm streichen. Immerhin: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird da sein, auch Bundeskanzler Olaf Scholz und die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas haben ihre Teilnahme zugesagt. Und es besteht ein Schimmer Hoffnung, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck und/oder Außenministerin Annalena Baerbock nach Stuttgart kommen werden.

Man bleibt also flexibel – wie auch ein anderes Beispiel zeigt: Erst vor Tagen wurde ein „weißer Fleck“ im Programm gefüllt: „Die Ukraine – Europas klaffende Wunde“ heißt der Titel einer Veranstaltung am Samstag, 11 Uhr, in der Liederhalle. Und symbolisch wird das Kaiser-Wilhelm-Denkmal verhüllt (siehe auch Seite 17). Als Grund gaben die Veranstalter an, Wilhelm I. werde als Kaiser der Reichsgründung mit dem beginnenden Nationalismus und der Kolonialisierung durch das Deutsche Reich verbunden. Auch eine Friedenskundgebung ist neu im Programm. „Der Pazifismus hat bei uns seinen Platz“, sagt Großmann. Und dass die Pazifisten eine andere Meinung haben als etwa der Gastgeber Gebhard Fürst beim Thema Waffenlieferungen, ist für manche vielleicht der Beweis für die These: Der Katholikentag ist kein Amtskirchentag.