Aerobic – ein Trend der 80er Jahre. Foto: imago sportfotodienst/Sven Simon

Schulterpolster und riesige Schnauzer, Fondue-Sets und Aerobic, Kalter Krieg und Waldsterben. Wie waren die 1980er Jahre? Das Badische Landesmuseum zeigt: in Ost und West sehr verschieden.

Manchmal sind es Details, die bewusst machen, wie radikal sich die Welt verändert. „Wenn Sie Fragen haben“, schrieb die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf einem Plakat zum Thema Aids, „dann rufen Sie an.“ Es wurde sogar eine Telefonnummer angegeben, unter der man nicht etwa von einer Computerstimme ins Nirwana befördert wurde, sondern ein echter Mensch antwortete. Anrufen – sprechen – fertig. So leicht war das Leben damals, in den 1980er Jahren.

 

Achtziger Jahre, da denkt man an irrwitzige Schulterpolster und knatschbunte Klamotten. Die Männer hatten mächtige Schnauzer im Gesicht und stattliche Matten auf dem Kopf. Die Frauen versuchten in neonfarbenen Leggins, ihren Allerwertesten zu straffen. Deshalb erzeugen gerade die Fotos aus jener Zeit meist ein herzhaftes Gelächter.

Die Jugend fordert „Keine Macht für niemand“

Aber diese Jahre nach dem Deutschen Herbst und vor dem Mauerfall waren natürlich mehr als nur Aerobic, Fondue-Set und „Dirty Dancing“. Das Badische Landesmuseum nimmt im Karlsruher Schloss derzeit eine Rückschau vor, bei der man durchaus nostalgische Gefühle bekommen kann. Weil früher ja angeblich alles besser war und die Jugend noch ganz unbeschwert auf Rollschuhen mit dicken, bunten Rollen oder auf der Kreidler aus Kornwestheim durch die Straßen der großen Freiheit entgegen fahren konnte – oder zumindest in die Disco ums Eck, wo man rebellisch „Keine Macht für niemand“ sang.

Im Grunde erinnert die emotionale Gemengelage dieses Jahrzehnts durchaus an heute und lässt sich auf drei Ps reduzieren: Panik, Protest und Party. Denn auch wenn in den Innenstädten noch nicht die Außengastronomie dominierte, so ließen es sich die Deutschen auch damals schon gern gut gehen – zumindest im Westen des Landes.

Die breiten Schulterpolster und die viel zu bunten Klamotten können durchaus symbolisch genommen werden: Sie markieren, dass das Individuum auch nach außen hin selbstbewusst Platz und Sichtbarkeit in der Gesellschaft für sich in Anspruch nimmt. Bescheiden wirken die Bilder im Rückblick nicht, sondern eher lebendig und laut.

Dabei ist auch damals keineswegs alles unbeschwert. So neigt man in der vom Wohlstand verwöhnten BRD zu Sorgen. Der Kalte Krieg liegt wie ein Schatten auf dem Alltag. Aber auch im eigenen Land vermutet man Feinde an vielen Stellen. Als 1983 eine Volkszählung angekündigt wird, ist die Empörung groß. „Übergriffige Datenkrake“, schimpfen renitente Geister. Horrorvisionen tun sich vor dem geistigen Auge auf und Ängste vor dem totalen Staat, den George Orwell in seinem Roman „1984“ ja schon angekündigt hatte. Obwohl das Bundesverfassungsgericht die Volkszählung zunächst stoppte und auf die „informationelle Selbstbestimmung“ des Einzelnen pochte, wurde die nachgebesserte Umfrage schließlich doch drei Jahre später durchgeführt. Allerdings musste der Datenschutz dabei nun deutlich stärker berücksichtigt und mussten personenbezogene Angaben von den Fragebögen getrennt erhoben werden. Anonymität der Menschen wurde plötzlich wichtig.

Die Umweltzerstörung lässt sich nicht mehr leugnen

Die Ausstellung im Badischen Landesmuseum erzählt die Geschichte der achtziger Jahre doppelt – denn es klafft eine große Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland. Das Waldsterben betrifft zwar beide Teile des Landes, im Osten sind es aber vor allem die Kirchen, die mahnen. Im Westen wird der Zustand der Wälder in Politik und Medien dagegen rauf und runter verhandelt. Die Gesellschaft zerfällt in jene, die das für Panikmache halten, und jene, die auf die Straßen gehen und lautstark protestieren.

So bunt die Achtziger sind, das Thema Umweltzerstörung drängt sich immer deutlicher in den Blick und lässt sich spätestens im Katastrophenjahr 1986 nicht mehr ignorieren. Im April kommt es im ukrainischen Atomkraftwerk in Tschernobyl zu einer vollständigen Kernschmelze. Das radioaktive Material kontaminiert nicht nur die gesamte Umgebung, sondern verteilt sich auch über das noch ahnungslose Europa.

Als das Ausmaß der Katastrophe weltweit bekannt wird, gehen Ost und West wieder sehr unterschiedlich damit um: Die DDR spielt den GAU herunter und spricht von „westlicher Panikmache“. In der BRD wirkt die Katastrophe mitten in den Alltag hinein. In der Karlsruher Ausstellung ist ein Schreiben zu sehen, das in einer Heidelberger Schule in dieser Zeit am Schwarzen Brett hing: „Die Schulleitung teilt mit, dass der heute auf dem Speiseplan stehende Blumenkohl im Treibhaus geerntet wurde.“

Es bleibt nicht bei dieser einen Umweltkatastrophe. Im selben Jahr bricht auch in einer Halle des Chemieunternehmens Sandoz bei Basel ein Feuer aus: Mehr als tausend Tonnen Unkrautvernichter und Insektizide fangen Feuer – und schon bald zieht eine stinkende Giftwolke über Stadt und Land. Der Rhein wird vom Gift rot gefärbt. Die Trinkwasserversorgung bricht zusammen, und zahllose Fische und Vögel verenden. „Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun“, fordert die protestierende Bevölkerung.

In der DDR haben es Kriegsdienstverweigerer schwer

Im Rückblick zeigen sich die achtziger Jahre als Hochzeit des Protests. Der Nato-Doppelbeschluss 1979 war Auslöser für eine der stärksten Protestbewegungen in der BRD. In Baden-Württemberg ziehen sich fortan Menschenketten durchs Land. Auch die Zahl der Kriegsdienstverweigerer steigt in den folgenden Jahren rasant an – trotz Gewissensprüfung, die die jungen Männer bestehen müssen. Die Politik steuert gegen den Trend und verlängert den Zivildienst auf 20 Monate. Wer dagegen in der DDR nicht zur Waffe greifen will, kann die Wehrpflicht als Bausoldat zwar ableisten, was aber harte Arbeit und zahlreiche Benachteiligungen bedeutet.

Der Wohlstand im Westen wächst, gleichzeitig bringen die Auswüchse des Kapitalismus neue Formen des Widerstands: Hausbesetzer belagern leer stehende Immobilien und rufen den „Kampf der Profitgier“ aus. Erstmals wird diskutiert, wem die Stadt gehört. Auch in der DDR wehren sich Mieter, allerdings nicht, weil sie von Investoren vertrieben werden, sondern weil viele Wohnsiedlungen marode sind. „Hilfe, unser Haus bricht ein“ steht auf einem Transparent in der Dresdner Neustadt.

Gibt es das eine Lebensgefühl der Achtziger? Wohl nicht, dazu waren Ost und West, Jung und Alt zu verschieden. Die technischen Errungenschaften geben aber doch die Richtung vor, wobei auch beim Telefon ein Graben zwischen Ost und West verlief. In den Achtzigern hatten in der BRD 90 Prozent, in der DDR nur zehn Prozent der Haushalte ein eigenes Telefon. Benutzen durften die Wessis die Apparate trotzdem nicht immer: Telefonschlösser sollten verhindern, dass Unbefugte für viel Geld in die weite Welt anrufen.

In der Karlsruher Ausstellung erzählt auch eine offene Telefonzelle mit grauem Münzfernsprecher vom Wandel der Zeiten. Es war ein moderner Apparat mit Tasten – aber die Kratzspuren neben dem Nummernfeld sind doch beredt: Da die Münzen wie bei vielen Automaten häufig durchfielen, rieb man sie kurz übers Metall. Das funktionierte.

Genesis und Grace Jones auf Schritt und Tritt

Allen Krisen und Anlässen zum Trotz wird die Musik für die Jugend noch wichtiger, als sie es in früheren Jahren war. Der technische Fortschritt sorgt dafür, dass man im Westen fortan auf Schritt und Tritt seine Lieblingslieder dabeihat: Man schleppt sie mit dem Ghettoblaster mit, bis dann der Walkman auf den Markt kommt und man seine Stars via Kompaktkassette direkt im Ohr haben kann: Grace Jones, Genesis, Culture Club: „Do you really want to hurt me?“

Die große Party wird allerdings jäh gebremst von den ersten Aids-Fällen, zunächst noch als „Schwulenkrebs“ abgetan. Doch sind die Menschen panisch, obwohl bald klar ist, dass sich das Virus nicht beim Händeschütteln verbreitet. Auch hier unterscheiden sich Ost und West deutlich: In der DDR habe es kaum Aids-Fälle gegeben, heißt es in der Ausstellung, weil man dort auf Treue gesetzt habe – und nicht auf Kondome. Die wurden im Westfernsehen ganz offiziell empfohlen in einem lustigen Fernsehclip, in dem Hella von Sinnen an der Kasse im Supermarkt quer durch den Laden ruft: „Tina, wat kosten die Kondome?“ Worauf eine alte Dame, die in der Schlange steht, ungerührt sagt: „2,99 – die sind im Sonderangebot.“