Michael Kamleiter fühlt sich am Webstuhl am wohlsten. Er arbeitet hier seit 25 Jahren. Foto:  

In den Karl-Schubert-Werkstätten in Filderstadt-Bonlanden arbeiten Menschen mit Behinderung. Obwohl die Mitarbeiter mehreren Firmen zuarbeiten und Waren verkaufen, geht es dort nicht um Produktivität, sondern um etwas ganz Anderes.

Bonlanden - In der farbenfrohen Welt aus Teppichen und Geschirrtüchern wackelt jedes Mal das Holz, wenn an einem der Webstühle der Balken herunter saust. Hier sitzt Ralf Bihler und schiebt mit einem Lächeln im Gesicht das „Schiffle“ durch die gespannten Kettfäden. Gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen ist er dafür zuständig, einen blauen Teppich zu weben. Bihler arbeitet seit mehr als 25 Jahren in den anthroposophischen Karl-Schubert-Werkstätten. „Ich hoffe, dass ich auch das 30-Jährige erleben darf“, sagt er. Hier in Bonlanden finden Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance hätten.

Steffen Klepzig ist Leiter der Werkstätten: „Jeder Mensch könnte aufgrund seiner Fähigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt mitarbeiten“, sagt er. Doch in der freien Wirtschaft spielen nicht nur berufliche Fertigkeiten eine Rolle, sondern auch soziale. Und hier hapert es manchmal, weiß Klepzig zu berichten: „Wenn ich in der Bahn angerempelt werde, kann ich damit umgehen, ohne auszuflippen. Unsere Leute können das an guten Tagen auch, an schlechten fallen sie in solchen Momenten in ein tiefes Loch.“ Er nennt das seelenschwankend.

Vor der Arbeit gibt es einen Morgenkreis

Jeden Tag versuchen die einzelnen Werkstattleiter deshalb, auszuloten, wie es um den seelischen Zustand ihrer Mitarbeiter bestellt ist. Dafür beginnen sie um 8.15 Uhr mit dem Morgenkreis. Erst nachdem sie dort miteinander gesprochen haben, geht es an die Arbeit. Und die ist vielfältig.

Während Ralf Bihler Teppiche webt, liegt in der Bäckerei der Geruch von Brötchen in der Luft. In der Choroi-Werkstatt fliegen Holzspäne durch die Luft. Hier stellen die Mitarbeiter Instrumente, wie zum Beispiel eine Kinderharfe, her. Manch anderer schneidet mit der Heckenschere überschüssiges Grün ab. In der Metallwerkstatt grünt es ebenfalls: Die Zimmerpflanzen sollen die Atemluft verbessern. Hier werden Lohnaufträge für verschiedene Firmen auf der Filderebene produziert.

Die Produktivität schwankt

Wer die Kerzenwerkstatt betritt, dem liegt sogleich der Duft von Bienenwachs in der Nase. Hier ziehen die Mitarbeiter Kerzen in 30 unterschiedlichen Größen. Wie zum Beispiel die 24-jährige Jana Mai. Sie gießt Teelichter: „Manchmal muss ich mich hinsetzen, weil ich operiert wurde. Ich habe mir beim Skifahren das Kreuzband gerissen.“ Nach ihrer Operation war sie froh, wieder arbeiten gehen zu können: „Ich habe viele Freunde, die ich hier treffe.“

Die körperliche und teils seelische Instabilität bringt es mit sich, dass die Produktivität der Mitarbeiter schwankt, sagt Werkstattleiter Klepzig. In dem geschützten Rahmen könne man den Mitarbeitern mehr Zeit geben, als es der Industrie möglich ist. Das liegt auch daran, dass die Werkstätten nur bedingt auf den Gewinn angewiesen sind. 15 Prozent der Einnahmen bestreiten sie durch den Verkauf von eigens hergestellten Produkten, erklärt Klepzig. Die restlichen 85 Prozent zur Finanzierung erhalten sie durch Pflegesätze: „Wir bekommen dafür, dass wir hier Menschen beschäftigen, einen Pflegesatz.“

Viele kommen von der Karl-Schubert-Schule

Eine Werkstatt wie die Weberei könne nie wirtschaftlich arbeiten, weil sie eher einen therapeutischen Ansatz verfolgt. Andere Werkstätten, wie etwa die Metallwerkstatt, machen da mehr Gewinn: „Mit Eigenproduktionen kann man nicht so viel Geld machen wie mit Lohnproduktionen.“

Deshalb übernehmen Mitarbeiter manchmal auch solche Aufgaben wie Franca Hellmann. Sie verpackt die Seife einer Firma in kleine Kartons. „Das ist mal eine Abwechslung zum Kerzengießen“, sagt die 28-Jährige. Zu den Seifen kommen zwölf Zettelchen. Damit die richtige Anzahl im Karton landet, denken sich die Werkstattleiter optische Hilfen aus. Nach zwölf Zettelchen folgt ein rosa-farbenes Papier. Anschließend muss Jana die Lasche umklappen und einen Zettel drauf kleben.

Bevor Franca Hellmann ihre Arbeit in den Werkstätten aufgenommen hatte, besuchte sie die Karl-Schubert-Schule in Degerloch. Auch Ralf Bihler ging dort zur Schule. „Grundsätzlich ist es unser erstes Ziel, die Menschen nach der Ausbildung hier auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzubringen“, sagt Klepzig. Die Realität sehe anders aus: Die meisten würden in den Werkstätten weiter arbeiten.

Mitarbeiter erhalten nur kleines Taschengeld

Hier bekommen sie ein kleines Taschengeld – vom Gehalt in der Industrie ist diese Bezahlung allerdings weit entfernt. Eine Anhebung des Lohnniveaus würde sich Klepzig zwar wünschen, aber: „Ich könnte das in der Breite nicht finanzieren. Deswegen stellt die Wirtschaft die Menschen ja nicht ein.“ Durch eine Finanzierung aus öffentlichen Töpfen wäre ein höherer Lohn möglich. Doch das Hauptziel sei, den Menschen mit Behinderung in der Werkstatt eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten: „Die Menschen kennen den Wert der Arbeit – nicht nur als Broterwerb, sondern um etwas Sinnvolles zu leisten.“

Ralf Bihler ist froh, nicht jeden Tag daheim untätig vor dem Fernseher rumhocken zu müssen. Das Gefühl, morgens aufzuwachen und nicht zur Arbeit zu wollen, das kenne er überhaupt nicht, sagt er. Der Auftragszettel für den Teppich hängt an dem Webstuhl Nummer 15, an welchem er Platz genommen hat. Bis zu zwei Meter breit sind die Teppiche, die er hier webt. Etwa einen halben Meter Länge schafft er an einem Arbeitstag, etwa zehn Tage dauert es, bis der blaue Teppich aus Baumwolle fertig ist. „Es ist schön, zu sehen, wie Teppiche entstehen“, sagt Ralf Bihler.

Tag der offenen Tür am 5. April

Die Karl-Schubert-Werkstätten, Kurze Straße 31, laden am Freitag, 5. April, zu einem Tag der offenen Tür ein. Von 10.30 Uhr an zeigen die Mitarbeiter, was sie herstellen. Um 12 Uhr gibt es Mittagessen, bis 14.30 Uhr gewähren Arbeitsgruppen Einblick. Bis 16 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen.

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