Der Hygiene wegen haben nur Mitarbeiter Zutritt zur Nudelproduktion. Der Blick durchs Fenster im Laden zeigt, wie die veganen Teigwaren entstehen. Foto: Götz Schultheiss

Vegane Nudeln produzieren ist eine Zweig der gemeinnützigen Karl-Schubert-Werkstätten. Beim Tag der offenen Türe zeigten die behinderten Mitarbeiter ihr Können.

Bonlanden - Mehr als 270 Menschen mit geistigen und körperlichen Einschränkungen arbeiten in den gemeinnützigen Karl-Schubert-Werkstätten. Am vergangenen Freitag zeigen sie am Tag der offenen Türe einen Ausschnitt ihrer Produktion. Shuttle-Busse fahren die Gäste von der Zentrale in der Bonländer Kurze Straße aus in die Gärtnerei auf die Rudolfshöhe oder ins Café der Bernhäuser Musikschule Filum.

Tag der offenen Tür als Entscheidungshilfe

Der 18-jährige Eronis Zogay fährt eine Vaihingerin und deren 17-jährigen Sohn mit dem Kleinbus in die Bonländer Nudelmanufaktur. „Mein Sohn hat in der Gärtnerei der Karl-Schubert-Werkstätten ein Praktikum gemacht, jetzt steht er vor der Entscheidung, wo er dort künftig arbeiten möchte“, sagt die Mutter, die namentlich nicht genannt werden will. Ihr Sohn ist schon ganz gespannt auf die Manufaktur: „Ich esse auch gerne Nudeln.“ Der 17-Jährige muss am Rollator gehen, ist aber auch geistig eingeschränkt. „Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen fehlen ihm“, sagt die Mutter. Welche Krankheit ihr Sohn hat, kann sie nicht sagen: „Da sind Gentechniker der Uni Tübingen dran. Ich lasse nicht locker, bis ich weiß, was er hat.“

Fahrradnudeln für die Tourismusmesse

Die Schicksale seiner Mitfahrer lassen auch Eronis Zogay nicht kalt. Er wohnt in Bonlanden und leistet seinen Bundesfreiwilligendienst in den Werkstätten, danach will er Finanzberater werden: „Ich hatte vorher nie mit Behinderten zu tun. Durch die neue Erfahrung lerne ich mein Leben und meine Gesundheit sehr zu schätzen. Bei uns arbeiten auch Menschen, die gesund waren und durch einen Schlaganfall aus ihrer Arbeitswelt gerissen wurden.“

An der Nudelmanufaktur in der Bonländer Hauptstraße angelangt, sagt der Fahrer: „Hier hat man extra eine kurze Tempo-20-Zone eingerichtet, an der auch geblitzt wird, damit die Mitarbeiter gefahrlos in den umliegenden Geschäften einkaufen können.“ Voll stolz sagt er über die Nudelfabrik: „Dort ist alles Bio, ebenso wie das Essen, das für die Mitarbeiter gekocht wird.“ In der Nudelmanufaktur leitet Lea Gölz ihre elf Mitarbeiter. Die Arbeitserzieherin hat ihren Beruf im Karl-Schubert-Seminar in Wolfschlugen gelernt: „ Ich bin also auch ein Werkstatt-Produkt.“ Sie zeigt eine Neuheit der Manufaktur: Nudeln in Fahrradform. Weil sich Filderstadt fürs Rad als Verkehrsmittel engagiere, habe man die neue Kreation für den Stand der Stadt auf der Tourismusmesse CMT entworfen. „Unsere Nudeln sind vegan, ohne Eier“, sagt sie. Auch vegane Spätzle aus Wasser und Hartweizengrieß gebe es. „Sie gelingen, weil sie unter hohem Druck gepresst und 48 Stunden lang bei Temperaturen unter 40 Grad getrocknet werden.“

Eigener Job-Coach für die Integration in den ersten Arbeitsmarkt

Während die Nudelproduktion auf Hochtouren läuft, wird in der Kurze Straße ein neues Stockwerk eingeweiht. 800 000 Euro wurden dafür investiert. „Wir platzen aus allen Nähten und brauchen die neuen Räume für die Verwaltung.“, sagt Verwaltungsleiter Tobias Braun. Aus den ehemaligen Verwaltungsräumen schaffe man Ruheräume für die Mitarbeiter und einen Besprechungsraum. Mit dabei bei der Einweihung ist Thomas Fietkau, Werkstattleiter aller Abteilungen. „Unsere Mitarbeiter sind heute alle stolz, weil sie zeigen können, was sie drauf haben.“ Bisher gelinge es nur vereinzelt, Behinderte in den ersten Arbeitsmarkt, also in sozialversicherungspflichtige Jobs von Handwerk und Industrie zu integrieren. „Wir haben dafür einen eigenen Job-Coach“, sagt Fietkau. Er achtet auf die Weiterbildung und berät auch die Arbeitgeber, wie für die Inklusion Arbeitsplätze gestaltet werden können.

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