Der Kältebus ist wieder im Einsatz. Die Ehrenamtlichen des DRK Stuttgart helfen Obdachlosen und gewinnen auch manch bittere Erkenntnis.
Stuttgart - Es ist Montag kurz vor 22 Uhr. Das Wetter kann sich nicht recht zwischen Regen und Schnee entscheiden. Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt. Im Henry-Dunant-Haus, der Kreisgeschäftsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Stuttgart, treffen Tobias Lang und Matthias Jürgens letzte Vorbereitungen für die anstehende Tour mit dem Kältebus, der seit dem 23. November wieder im Einsatz ist.
Zum Wochenbeginn fällt die Versorgung von Wohnungslosen mit Decken, Socken, Schals, Tee, Kleinigkeiten zum Essen oder Hundefutter in den Zuständigkeitsbereich des DRK Feuerbach. Dort engagiert sich auch Annika, die ihren ersten Kältebuseinsatz absolviert und das Team für diese Nacht komplettiert. Schon wenig später zahlt sich aus, dass sie dabei ist. Ein Hinweis hat die Rettungssanitäter in die Nähe der Staatsgalerie geführt. Wo genau er liegt, ist unklar. Annika entdeckt den Mann im Schlafsack, der seine Habseligkeiten in einem Einkaufswagen verstaut hat, als erstes. Schlaftrunken murmelt er, er sei mit allem versorgt.
Die Frau reagiert nicht
Eine Frau, die sich vor einem Schaufenster, das „Feinkost und Mittagsmenü” verspricht, zusammengerollt hat, reagiert erst nach mehrfacher Ansprache. Trotz Sprachbarriere ist schnell geklärt, dass sie eine zusätzliche Decke aus dem Kältebusfundus benötigt. „Wir wecken die Leute im Zweifelsfall lieber, als versehentlich jemanden liegen zu lassen, der vielleicht schon unterkühlt ist und Hilfe bräuchte“, erklärt Lang auf dem Rückweg zum Wagen. Auch fahre man lieber den einen oder anderen Punkt, an dem Obdachlose häufiger nächtigten, umsonst an, als jemanden allein zu lassen.
Das Beispiel dafür lässt nicht lange auf sich warten. Unter einer Brücke finden sich nur ein verwaister Schlafsack und ein kalter Grill. „Keiner da“, stellt der DRK-Mann schulterzuckend fest und begibt sich zurück ins Fahrzeug. Der Verweis auf einen Klienten auf dem Areal des Cannstatter Bahnhofs läuft ebenfalls ins Leere. Es bleiben genügend weitere Punkte, die es anzusteuern gilt. Einige kennen die ehrenamtlichen Kräfte aus Erfahrung. Hinzu kommen Meldungen seitens der Straßensozialarbeit der Caritas und über die Kältebus-Hotline.
Das Gespräch wird gesucht
„Ich habe den Eindruck, dass es inzwischen ein Bewusstsein dafür gibt, wie wichtig die Versorgung von Wohnungslosen gerade in der kalten Jahreszeit ist“, stellt Tobias Lang fest. „Manchmal kümmern sich Bürger auch direkt um die Menschen und bringen ihnen selbst eine Decke oder ein heißes Getränk.“ Besonders freue ihn, dass vermehrt das Gespräch mit den potenziell Bedürftigen gesucht werde.
„Danke und gute Nacht“, verabschiedet ein jüngerer Mann das Kältebusteam. Er liegt mit seiner Freundin im Eingangsbereich eines Geschäfts. Der dampfende Tee mit extra viel Zucker, der ihn kurz nach 23 Uhr erreicht hat, kam trotz aller Jacken und Decken gerade recht. In der Nachbarschaft nächtigen weitere Menschen ohne Obdach. „Es gilt immer abzuwägen, ob man lieber in einem versteckten Winkel und allein schlafen möchte, wo niemand mitbekommt, wenn man angegriffen oder bestohlen wird, oder doch lieber an einem Ort, wo mehr los ist“, spricht Lang aus Erfahrung.
Gewalt ist immer ein Thema
Er und Matthias Jürgens sind bereits seit 2013 als Kälte-Helfer unterwegs. Damals rollte der DRK-Bus, der bei Temperaturen unter Null Grad das Gebiet zwischen Bad Cannstatt und Hedelfingen, Mitte und Stuttgart Vaihingen abfährt, erstmals los. Mit den Jahren haben die beiden viel über das Leben auf der Straße gelernt. Dazu gehört auch die bittere Erkenntnis, dass Gewalt gegen Obdachlose ein Thema ist. Einem Schlafenden die Schuhe klauen, einen verlassenen Schlafsack anzünden –wer draußen nächtigt, muss nicht nur die Witterung mit einkalkulieren.
Ein wenig Wärme strömt zwischen den Lamellen der Abluftanlage hervor, an deren Wand sich ein älterer Mann eingerichtet hat. Die Füße stecken barfuß in den Schuhen. Socken lehnt er ab. „Die habe ich da drin“ sagt er und deutet auf einen Beutel. Auch die angebotene Wurst weist er zurück. „Ich habe keine Zähne mehr“, erklärt er und lacht. „Suppe wäre gut“. Er ist gesprächig. Stolz erwähnt er, es gebe sogar ein Video von ihm auf Youtube. Der kleine Plausch um Mitternacht tut ebenso gut wie der heiße Tee.
Ein bisschen Zeit für Fragen nach dem Befinden und persönlichen Austausch kalkulieren die Helfer an jeder Station mit ein. Lang können sie sich nicht aufhalten. Der Kältebus muss weiter. „Normalerweise sind wir bis gegen 2 Uhr unterwegs“, so Lang. Gefragt, ob er am kommenden Tag habe frei genommen habe, winkt der Marketingmanager ab. Auch Matthias Jürgens und Annika müssen früh wieder aus den Federn. Letztere fühlt sich dennoch darin bestärkt, sich auch weiter beim Kältebus zu engagieren.