In der Zeit des Lockdowns ist der Kältebus des Deutschen Roten Kreuzes unter veränderten Bedingungen für Obdachlose im Einsatz. Tobias Lang berichtet von den Nächten in der leer gefegten Stadt.
Stuttgart - Es wird eisig kalt am Wochenende. Da ist nachts – nicht nur des Lockdowns wegen – nur noch unterwegs, wer unbedingt muss. Um die Obdachlosen in der Stadt kümmern sich die Ehrenamtlichen des Kältebusses, ein Angebot des Deutschen Roten Kreuzes. Tobias Lang, der das Projekt betreut, berichtet über die Arbeit des Teams.
Herr Lang, der Winter hat schon ein paar frostige Nächte gehabt. Wie viel hat das Team des Kältebusses zu tun?
Der Schwerpunkt liegt darin, Menschen ohne Wohnung in kalten Nächten zu unterstützen. Mit heißem Tee, Decken, Schlafsäcken oder einer isolierenden Matte. Aufgrund der Corona-Situation sind manche Anlaufstellen für Obdachlose zeitweise geschlossen. Dadurch haben auch die Helferinnen und Helfer im Kältebus etwas mehr zu tun. Im Großen und Ganzen ist unsere Arbeit mit den Einsätzen der Vorjahre vergleichbar. Nur die Hygienemaßnahmen sind aufwendiger.
Wie erleben Sie die ausgestorbene Stadt bei den nächtlichen Einsätzen?
Es fällt uns leichter, unsere Arbeit zu machen, da die Straßen leer sind. Nicht vergleichbar mit einer vollen Innenstadt in der Weihnachtsmarktzeit. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, durch vollkommen menschenleere Straßen zu fahren.
Verstecken sich die Obdachlosen in der Zeit des Lockdowns eher – oder ist das Gegenteil der Fall, weil niemand da ist, der sie vertreibt?
Das Verhalten der obdachlosen Personen hat sich kaum verändert. Für die Schlafplatzsuche sind Kriterien wie der Schutz vor Wind und Wetter ausschlaggebend. Viele Geschäfte sind geschlossen, und die Stadt ist wenig frequentiert, das macht es vielen Obdachlosen leichter, geeignete Schlafplätze zu finden.
Wie ist das Verhältnis zur Polizei und zum Vollzugsdienst der Stadt – werden die Obdachlosen vertrieben?
Wir arbeiten Hand in Hand mit dem Vollzugsdienst und der Polizei. Da außer den Behördenvertretern wenige Menschen auf der Straße sind, entstehen häufig Gespräche mit den Streifen der Polizei. Wir kennen keinen Fall, bei dem obdachlose Menschen Bußgelder bezahlen mussten. Wir haben das Gefühl, dass in diesen schwierigen Zeiten auch die Ordnungsbehörden wesentlich kulanter sind und öfter mal ein Auge zudrücken oder gemeinsam bessere Lösungen suchen, bevor jemand vertrieben wird.
Wie sind Sie in Corona-Zeiten aufgestellt – gibt es Helferinnen und Helfer, die abspringen, weil sie sich selbst gefährdet sehen?
Wir haben ein umfassendes Hygienekonzept für den Kältebus ausgearbeitet, welches einen sehr hohen Infektionsschutz bietet. Schutzmaßnahmen für unsere Helferinnen und Helfer stehen an oberster Stelle. Unsere Teams bestehen aus erfahrenen Rotkreuzmitgliedern, welche im Umgang mit Hygienemaßnahmen umfangreich geschult sind. Bisher haben wir deshalb keine Ausfälle gehabt.
Alle reden über Hygienemaßnahmen und Händewaschen – wie kann man den Menschen auf der Straße Unterstützung in Sachen Hygiene und Gesundheitsschutz bieten?
Wasserflaschen, kleine Desinfektionsmittelfläschchen und Hygienesets mit Zahnbürste und Körperhygienezubehör werden zurzeit verstärkt an obdachlose Personen ausgegeben. Ich denke, das ist eine gute Möglichkeit, um obdachlose Personen in der aktuellen Situation zu unterstützen.
Haben Sie ausreichend Unterstützung in Form von Spenden?
Die Unterstützung unserer Arbeit aus der Bevölkerung ist großartig. Wir werden mit allen notwendigen Materialien versorgt. Viel wichtiger und schöner ist es jedoch, dass die Menschen zunehmend selbst aktiv werden und obdachlose Personen mit warmen Tee oder warmen Mahlzeiten versorgen und die Kältebus-Hotline 07 11 / 21 95 47 76 anrufen, wenn sie jemanden sehen, der unsere Hilfe braucht.