Auf eine Atmosphäre wie im Varieté setzt Julia Schlipf, die Leiterin des Kulturbüros Ostfildern. Foto: Ines Rudel

Auch unter Corona-Bedingungen möchte Julia Schlipf das Nachtstudio im Theater an der Halle möglich machen. Mit Kabarett und Comedy will sie gesellschaftliche Diskurse in Gang bringen und Begegnung fördern.

Ostfildern - Ein Forum für Kleinkunst und Kabarett bietet Julia Schlipf mit dem Nachtstudio im Theater an der Halle in Nellingen. „Nicht nur bekannte Namen, auch Newcomer treten bei uns auf“, beschreibt die Leiterin des städtischen Kulturbüros ihr Konzept. Vom klassischen Tourneetheater-Betrieb ist die Stadt Ostfildern nach ihren Worten schon lange abgekommen. Denn da sei das Angebot in den umliegenden Gemeinden bereits sehr groß. Der besondere Zuschnitt der Reihe kommt beim Publikum gut an. Mit Kerzenschein und Bistrotischen schafft die Veranstalterin eine schöne Atmosphäre für die Kleinkunst.

 

„Kultur schafft Begegnungsmöglichkeiten und bringt Diskurse in Gang“, ist Schlipf überzeugt. Deshalb hat sie das Nachtstudio im Theatersaal der Nellinger Halle mit einem umfassenden Hygienekonzept auch in Corona-Zeiten möglich gemacht – wegen des Teil-Lockdowns im November ist offen, ob und wann das Gastspiel mit der Musik-Comedy-Gruppe Berta Epple stattfinden kann – der geplante Termin am 27. November ist nach derzeitigem Stand nicht möglich. Nicht zuletzt wegen der Künstlerinnen und Künstler will Schlipf das Kulturprogramm aufrecht halten. Schließlich gehe es auch um deren Existenz.

Live-Kulturerlebnisse sind aus Schlipfs Sicht unverzichtbar, „denn sie stiften Identität.“ Das kulturelle Leben ist für sie ein unverzichtbarer Teil der Stadtgesellschaft. Deshalb findet sie es wichtig, solche Formate auch unter Corona-Bedingungen weiterhin möglich zu machen. Schweren Herzens muss die Chefin des Kulturbüros nun aber im November zwei Veranstaltungen im Kindertheater absagen: „Gerade für die kleinen ist künstlerische Bildung wichtig.“ Daher hofft sie, dass Kultur für Kinder und Jugendliche bald wieder möglich sein wird. Allen Generationen in Ostfildern nicht nur ästhetische Impulse, sondern auch die Möglichkeit der Begegnung zu bieten, ist ihr wichtig.

Dass Kultur keineswegs nur ein „Freizeitvergnügen“ ist, das steht für Schlipf außer Frage. Digitale Angebote seien da nicht auf Dauer ein Ersatz. „Wichtig ist, dass sich die Menschen austauschen und begegnen“, findet die Leiterin des Kulturbüros. Mit dem Angebot möchte sie Diskussionen und Debatten anstoßen.

Deshalb hat politisches und zeitkritisches Kabarett in ihrer Programmkonzeption einen hohen Stellenwert. Wie findet die Kulturmanagerin denn spannende Künstlerinnen und Künstler für ihre Reihe? „Bei der Hofkulturbörse in Baienfurt haben Veranstalter die Möglichkeit, interessante Künstlerinnen und Künstler zu entdecken. Thommy Seitzinger, der Intendant des Hoftheaters, organisiert dieses Branchenevent. An der oberschwäbischen Bühne zeigen ausgewählte Kabarettisten und Comedy-Künstler Auszüge aus ihren Programmen. „Da kann man sich ein Bild machen, was gerade in der Szene läuft“, findet Julia Schlipf. Ihr sei es wichtig, Kabarettisten und Comedy-Künstler einzuladen, die auch zu ihrem Publikum in Ostfildern passen. Spannend findet sie bei der Hofkulturbörse auch, sich mit Kollegen auszutauschen, die in anderen Städten Kulturprogramme organisieren. Diese Kontakte nutze sie immer wieder. Auch in Freiburg hat sie schon öfter auf der Kleinkunstbörse interessante Namen der Szene aufgetan.

Eine der Künstlerinnen, die seit Jahren ins Nachtstudio nach Ostfildern kommen, ist Tina Häussermann. Gemeinsam mit Fabian Schläper war die Stuttgarter Kabarettistin in dem Programm „Zu zweit: Fake News“ zu erleben. Die Stuttgarter Kabarettistin und Trägerin des Deutschen Kleinkunstpreises schätzt die besondere Atmosphäre im Theater an der Halle: „Die Stühle und Tische sind so gestellt wie im Varieté“, schwärmt die Künstlerin, die im Februar mit ihrem neuen Soloprogramm wieder im Stuttgarter Renitenztheater auftritt.

Durch die Corona-Pandemie hat sich auch für die gefragte Kabarettistin Häussermann die Situation verschärft, viele Auftritte seien weggebrochen. „Es gibt viele Veranstalter, die jetzt einfach absagen.“ Da würden die Auftritte auf unbestimmte Zeit verschoben, dann höre man nichts mehr von den Leuten: „Etlichen Kommunen sind die Hygienekonzepte zu aufwendig.“ Deshalb schätzt sie die Initiative der Stadt Ostfildern besonders, Kulturprogramme gerade unter schwierigen Bedingungen zu ermöglichen. Viele ihrer Kollegen kämpften zurzeit um die Existenz. Mit „Tina liefert!“ hat Häussermann auf ihrer Homepage ein neues Format kreiert, das auch in Corona-Zeiten möglich ist: „Da komponiere ich Songs, die Menschen für andere in Auftrag geben.“

Wie geht Tina Häussermann auf der Bühne mit der Corona-Krise um? „Meine Arbeit am letzten Programm fiel genau in die Zeit des Lockdowns, da kommt man daran nicht vorbei.“ Dennoch möchte sich Häussermann nicht von der negativen Stimmung frustrieren lassen. „Die Leute kommen ins Kabarett, um auch mal ins Lachen abzutauchen.“ In ihren Zeitgeist-Programmen nimmt sie Falschmeldungen aufs Korn und versucht sich daran, die Welt zu retten. „Corona“ tauche da allenfalls als roter Faden auf.

Am Freitag, 29. Januar 2021, spielt der Kabarettist Tilman Birr „Alles andere später“. Das Saisonprogramm des Nachtstudios ist auf der Homepage der Stadt Ostfildern zu finden: www.ostfildern.de