Grete Pagan gehört schon länger zum JES, nun leitet sie es. Foto: Lichtgut - F/Ferdinando Iannone

Grete Pagan ist die neue Intendantin am JES. Ein Treffen mit einer Theaterfrau, die nichts lieber tut, als für Kinder- und Jugendliche zu inszenieren – und dabei auch den Überblick behält.

Von der Praktikantin zur Intendantin, was für eine Karriere. Dabei ist es nicht so, als sei Grete Pagan, die jetzt das deutschlandweit renommierte Kinder-und Jugendtheater „Junges Ensemble Stuttgart“ JES leitet, dieser Job in den Schoß gefallen. Ja, sie ist dem Haus schon lange verbunden, hat nach dem Abitur in Stuttgart ein Praktikum in der Theaterpädagogik im JES, gemacht, war danach dort drei Jahre lang Regieassistentin, hat später als freie Regisseurin Stücke wie „Unsere große Welt“ oder „Die Bademattenrepublik“ inszeniert und hat vor allem seit 2014 das dort alle zwei Jahre stattfindende Festival „Schöne Aussicht“ organisiert. Das hört sich so an, als hätte es gar keine andere Nachfolgerin von Brigitte Dethier geben können, die vor wenigen Wochen nach 20 Jahren ihr Intendantinnenamt abgegeben hat. Wer sonst kennt das Haus so gut, atmet den kreativen Spirit dieser innovativen Bühne gleichermaßen wie Grete Pagan?

 

„Ich habe extrem um diesen Job gekämpft“

Ganz so einfach war es allerdings nicht. „Ich habe extrem um diesen Job gekämpft und mich sehr vehement beworben“, sagt sie beim Gespräch auf der Terrasse der Café Bar, neben den Büroräumen im Tagblattturm. „Weil ich wusste, dass ist genau das Haus an dem ich arbeiten will.“ Der Verkehrslärm, die Gespräche am Nebentisch nehmen ihr nichts von der Konzentration. Grete Pagan spricht schnell, muss nicht lange nach den richtigen Formulierungen suchen, gendert konsequent und selbstverständlich und achtet darauf, dass sie nicht nur über sich, sondern auch über die anderen Menschen im Theater spricht.

Auch wenn Pagan, verheiratet mit dem Theatermusiker David Pagan und Mutter von drei Kindern, bislang keine Leitungserfahrung an einem anderen Haus vorweisen konnte, hat sie die Jury Ende 2020 überzeugt. Viele Arbeiten als freie Regisseurin an unterschiedlichen Spielstätten, ein Studium der Schauspielregie in Hamburg plus ein Diplom im Theatermanagement waren Qualifikation genug. Überhaupt ist das Thema mit der Karriere eigentlich nicht ihres. „Ich denke, meiner Generation geht es weniger um Macht, als um Verantwortung“, sagt Pagan, Jahrgang 1983. „Aber ich bin jetzt diejenige, die die Arbeitsverträge unterschreibt, deshalb wäre es auch falsch, von Hierarchiefreiheit im JES zu sprechen. Hierarchiearmut trifft es besser.“ Hier soll jeder gehört und ernst genommen werden. Deshalb wird die Ideenkiste, die von Brigitte Dethier eingeführt wurde, auch weiterhin existieren, in der alle, von der FSJ-lerin bis zum Techniker, vom Schauspieler bis zur Ausstatterin ihre Gedanken einspeisen.

„Wir sind keine Hirnchirurgen, sondern Theaterleute“

Dass sie Mutter von drei Kindern ist, sei bestimmt kein Fehler für die Arbeit, sagt Pagan. Manche ihrer Ideen stammen aus der Beobachtung ihrer eigenen Kinder oder Kindern von Freunden. Die scheinbar grundlose Traurigkeit, der Weltschmerz, der manche Schüler im Alter von sieben oder acht Jahren überfällt, ist so ein Thema, mit dem sie sich in der nächsten Spielzeit beschäftigen wird. Doch bei diesem schweren Thema wird niemand ohne Hoffnung entlassen, ohne den Optimismus, dass es auch geht, gehen kann. Das ist der Intendantin des JES wichtig. „So wie der kleine Junge mit dem Telefonhörer auf einem Wimmelbild von Ali Mitgutsch. Die Welt ist nicht nur gut, es gibt auch Einbrecher. Aber eben auch den kleinen Jungen, der das sieht und die Polizei ruft.“

Seit der Zusage, die Nachfolgerin von Brigitte Dethier zu werden, sind eineinhalb Jahre vergangen - viel Zeit um zu überlegen, was sie anders machen möchte. Nicht viel: „Brigitte hat hier ein Haus hinterlassen, das auch ohne sie funktioniert, sie hat sich immer in den Dienst der Sache gestellt. Darauf kann ich aufbauen.“ Aber manches eben doch. Viele neue Gesichter sind auf dem Plakat zu sehen, das die Spielzeit begleitet. Nur Gerd Ritter, mittlerweile sowas wie der Grandseigneur am JES, ist vom Ensemble noch da. Auf dem Plakat sind übrigens nur die Porträts samt Vornamen zu sehen, keine Bezeichnung der Tätigkeit. „Es sind die Gesichter, die für das JES stehen“, sagt Pagan dazu. „Und wir machen hier vieles zusammen.“

Das Ernstnehmen des jungen Publikums wird bleiben, die Beteiligung desselben am Programm eher noch stärker werden. Und wenn sich die Ideen der Jugendlichen als theatrale Rohrkrepierer erweisen? Besteht da nicht die Gefahr, das Versprechen nach Partizipation zu brechen, wenn man als Intendantin ein Misslingen ahnt? „Regie führen steht immer zwischen Verantwortung übernehmen und kommunizieren. Und außerdem: Wir sind keine Hirnchirurgen, sondern Theaterleute. Was soll schon passieren, außer dass eine Produktion vielleicht nicht gelingt?“ antwortet Grete Pagan so selbstbewusst wie uneitel.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die erste Premiere ihrer Intendanz, „Aus der Kurve fliegen“ heißt. Risikoscheu ist sie nicht, die neue Intendantin des JES.

Programm und Termine

JES
 Zusätzlich zum regulären Spielplan kommt das Junge Ensemble Stuttgart JES mit Inszenierungen in Grundschulen oder lädt Schulen ein. Neben Theaterstücken für Altersgruppen zwischen zwei Jahren bis ins junge Erwachsenenalter gibt es Spielclubs, Tanztrainings und andere Formate der Beteiligung für junge Menschen.

Premieren
Am 1. Oktober findet die Premiere von „Aus der Kurve fliegen“ statt, einem urbanen Tanztheater für Menschen ab 10 Jahren. Am 2. Oktober folgt die Premiere von „Limo zum Frühstück“, einem Konzert für die ganze Familie, am 3. Oktober eröffnet die „Kinderagentur für Arbeit“ ihre Pforten. Mehr unter www.jes-stuttgart.de