Vor allem Hauptschüler halten sich zunächst mit der Ausbildung, sagt der Erziehungswissenschaftler Andreas Walther. Die streben stattdessen einen höheren Bildungsabschluss an. Foto: dpa/Patrick Pleul

In Deutschland ist die Durchlässigkeit zwischen Ausbildungsmöglichkeiten und zwischen Berufen eher gering, sagt der Erziehungswissenschaftler Andreas Walther. Er fordert Maßnahmen, damit die Jugendlichen wegen Corona nicht benachteiligt werden.

Stuttgart - In wenigen Tagen beginnt das neue Ausbildungsjahr. Auch in diesem Jahr werden viele Schulabsolventen zunächst pausieren. Der Erziehungswissenschaftler Andreas Walther zeigt Verständnis – und fordert eine Reform des Bildungs- und Ausbildungssystems.

 

Herr Walther, die Wirtschaft ist besorgt, weil viele Schulabsolventen nicht auf dem Ausbildungsmarkt auftauchen. Wie sehen Sie das?

Es liegt ja nicht nur an den Jugendlichen. Auch das Angebot an Ausbildungsstellen ist ja in einem ähnlichen Umfang gesunken wie die Bewerberzahlen.

Warum halten sich viele Jugendliche vom Ausbildungsmarkt fern?

Schon vor Corona war der Trend zu erkennen, dass Jugendliche im Alter von 15 oder 16 Jahren noch nicht über ihre berufliche Zukunft entscheiden wollen. Vor allem Hauptschüler streben einen höheren Bildungsabschluss an, um dann mehr Auswahl an attraktiveren Ausbildungsangeboten zu haben. In Deutschland ist die Berufswahl ja eine kulturell aufgeladene Entscheidung. Anders als in anderen Ländern wird hier mit dem Beruf eine Lebensentscheidung gefällt. Dies drückt sich schon in der Sprache aus. Man „wird“ etwas, sagt man in Deutschland, man macht etwas, heißt es im Englischen oder auch in den romanischen Sprachen. Und dieser Folgen sind sich Jugendliche sehr wohl bewusst, vor allem wenn es um Ausbildungen geht, die nicht ihre erste Wahl sind.

Hat Corona diesen Trend verstärkt?

Eindeutig. Wegen Corona standen den Jugendlichen weder Praktika noch andere Möglichkeiten der Berufsorientierung offen. Mit ihrem Verhalten wollen sie also Zeit gewinnen. Sie wollen vermeiden, in Berufe gesteckt zu werden, aus denen sie nicht mehr problemlos herauskommen. Corona hat die Skepsis der Jugendlichen, ob das, was die Gesellschaft ihnen als Karrierechancen, Jobs oder Ausbildung bietet, wirklich zu ihnen passt, noch verstärkt. Aus der Sicht der Jugendlichen ist das Verhalten ja durchaus vernünftig.

Wie groß ist die Gefahr in Deutschland, in der beruflichen Sackgasse zu landen?

In Deutschland ist die Durchlässigkeit zwischen Berufsbildung und anderen Bildungsgängen immer noch vergleichsweise gering. Deshalb haben die Jugendlichen ja Angst, in einer Sackgasse stecken zu bleiben – und sind dann womöglich ihr Leben lang im Handwerk. Das mag jetzt zynisch klingen. Doch nicht nur aus der Sicht Jugendlicher, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Schichten haben Handwerksberufe nicht den besten Status. Selbst wenn das in vielen Fällen unbegründet ist, weil auch hier Karrierewege offen sind – etwa über den Meisterbrief in die Unternehmensgründung.

Wie kann man solchen Vorurteilen begegnen?

Man muss es erst einmal ernst nehmen, dass viele Jugendliche ein solches Bild von Ausbildungsberufen haben. Man kann dies nicht einseitig der mangelnden Information der Jugendlichen anlasten. Das ist ein Kommunikationsproblem, das über die Jugendlichen hinausgeht. Ein Beispiel dafür ist die Systemrelevanz von Berufen während der Pandemie. Man muss sich nicht wundern, wenn Pflegeberufe wenig nachgefragt werden, wenn nach eineinhalb Jahren Corona zwar eine Prämie gezahlt wird, aber eine generelle Diskussion über deren berufliche Eingruppierung nicht geführt wird. Wir bekommen jetzt von den Jugendlichen die Quittung.

Sollte man Jugendliche überhaupt motivieren, eine Ausbildung anzufangen?

Es wäre verantwortungslos, nichts zu tun. Es ist wichtig, sie zu motivieren, gegebenenfalls eine Ausbildung zu machen. Doch zunächst muss man anerkennen, dass die Jugendlichen gar nicht so unrecht haben mit ihrer Zurückhaltung. Wir müssen die Bedürfnisse und Ängste, die hinter dem Verhalten stecken, wirklich ernst nehmen. Und wir müssen an der Durchlässigkeit des Bildungs- und Ausbildungssystems arbeiten. Generell sollte es kein verlorenes Jahr sein, wenn man eine Ausbildung beginnt und abbricht. Vielmehr sollte es dazu führen, den Einstieg in einen anderen Beruf zu erleichtern. Um solche Reformen im Bildungs- und Ausbildungssystem kommen wir nicht herum.

Welche Konsequenzen hat das Verhalten der Jugendlichen für ihren beruflichen Werdegang?

Ihre Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt wird sich dadurch nicht verbessern. Wenn Jugendliche ein Jahr aussetzen, haben sie es mit dem nächsten Jahrgang zu tun, der keine Lücke im Lebenslauf hat. Deshalb plädiere ich dafür, den zwei Jahrgängen – also 2020 und 2021 – ein Coronajahr zuzugestehen. Wenn Jugendliche für eine bestimmte Ausbildung ein Jahr zu alt sind oder zu alt für ein Programm sind, Schwamm drüber – das haben sich die Jugendlichen nicht ausgesucht. Corona hat die gesamten Prozesse zur Berufswahl erheblich erschwert. Das darf kein Nachteil für die Jugendlichen sein.

Das müssten aber die Unternehmen anerkennen.

Ja. Aber die Politik muss vorangehen. Sie kann bei Ausbildungsprogrammen und bei Beschäftigungsmaßnahmen die Altersschwelle für Jugendliche hochsetzen. Man könnte dies auch verbindlich der Wirtschaft vorschreiben – doch da bin ich nicht optimistisch, dass sich der deutsche Staat so etwas traut. Eigentlich müsste den Schulabgängern der Jahre 2020 und 2021 bei Bewerbungen zusätzlich ein Jahr zugesprochen werden. Und damit dies auch wirklich kein Kriterium bei der unternehmerischen Entscheidung ist, müsste es im Antidiskriminierungsgesetz festgeschrieben werden.

Der Jugendforscher

Themen
Andreas Walther ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Goethe Universität in Frankfurt. Seine Interessen liegen im Bereich der Jugendforschung, der Kinder- und Jugendhilfe sowie den Übergängen in Lebensläufen.

Biografie
Walther, Jahrgang 1964, hat in Tübingen Erziehungswissenschaft, Geschichte und Romanistik studiert. Er hat dort am Institut für regionale Innovation und Sozialforschung gearbeitet und promoviert. Bis 2010 war Andreas Walther an der Uni Tübingen tätig.