Jürgen Klinsmann beim Tag des Brustrings im vergangenen Jahr Foto: Baumann

Mit bemerkenswerten Aussagen zu seinem Ex-Club VfB Stuttgart hat Jürgen Klinsmann am Montagabend im Stuttgarter Theaterhaus von sich reden gemacht. Wir erklären, warum der frühere Stürmer und seine alte Liebe im Moment einfach nicht zueinander finden.

Stuttgart - Jürgen Klinsmann fühlt sich geschmeichelt. „Es ist eine große Ehre und Freude für mich, hierher zurückzukehren. Ich kann es kaum erwarten, mit all den Legenden wieder gemeinsam auf dem Platz zu stehen und den einzigartigen Spirit dieses Clubs einzuatmen.“

Den VfB Stuttgart meint er damit nicht.

Vielmehr blickt der 54-Jährige erwartungsfroh seiner Rückkehr nach London entgegen. Dort trifft er am Samstag bei der Einweihung des neuen Stadions von Tottenham Hotspur auf viele alte Wegbegleiter. Bei den Spurs wird der anfangs als „German Diver“ verspottete und binnen eines Jahres zum Fanliebling aufgestiegene Klinsmann noch immer hoch geschätzt. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist ein Legendenmatch zwischen den Spurs und Inter Mailand, Klinsmanns beiden Ex-Clubs.

Zu denen bekanntlich auch der VfB zählt. Die Liebe zu dem Verein, in dem Klinsis Stern in der Fußball-Bundesliga 1984 aufging, ist in den vergangenen Monaten aber spürbar erkaltet. Am Montagabend wurde der frühere Nationalspieler bei einer Veranstaltung im Stuttgarter Theaterhaus zum Thema Heimat mehr als deutlich: „Man leidet mit, und weil man natürlich in der Materie ein bisschen tiefer drin ist und auch Leute kennt und mit denen Kontakt hat, dann entsteht auch ein bisschen Wut bei dem, was man da sieht“, sagte Klinsmann.

Buchwald schweigt weiter

Guido Buchwald saß in der ersten Reihe und wusste natürlich, auf was und wen sein früherer Mannschaftskamerad da abzielte. Auf die unheilvolle Begegnung zwischen Buchwald und dem VfB-Aufsichtsrat Wilfried Porth Anfang Februar im VIP-Raum des Stuttgarter Stadions. Nach einigen zu persönlichen Einwürfen des mächtigen Daimler-Vorstands trat der Ehrenspielführer gekränkt zurück. Seither schweigt er.

Dass der „verdienteste Spieler der Geschichte des VfB“ (O-Ton Klinsmann) so herabgewürdigt wurde, geht dem Weltmeister von 1990 spürbar nach. Seine Replik: „Es reden so viele Leute mit, die eigentlich von der Thematik gar nichts verstehen. Das hat mich getroffen. Wenn wir das Wort Zugehörigkeit diskutieren, dann verlierst du da natürlich einen Teil Zugehörigkeit, absolut.“

Was der Mann, der neuerdings als Nationalmannschafts-Experte und auch sonst gerne Klartext spricht, hier etwas verklausuliert zum Ausdruck bringen wollte, war Folgendes: Der VfB geht respektlos mit verdienten Spielern um. Es reden zu viele Leute mit, die von Fußball nichts verstehen. Weshalb er, Klinsmann, sich doch ein wenig entfremdet habe vom VfB.

Der Ex-Stürmer steht zu seiner Kritik

Als Abrechnung will er seine Worte nicht verstanden wissen. Wenngleich der Öffentlichkeits-Profi nicht für unüberlegte Schnellschüsse bekannt ist. So ist er halt, der Jürgen, heißt es aus seinem Umfeld. Die Äußerungen seien so nicht geplant gewesen. Sie würden ihm aber auch nicht leid tun. Klinsmann redet wie einer, der von seiner alten Liebe enttäuscht wurde.

Dabei schien die Leidenschaft nach langem Wiedersehen zuletzt frisch entfacht. Im vergangenen Sommer machte der Wahl-Amerikaner beim VfB-Klassentreffen anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums die Herzen vieler Fans glücklich. Im Herbst artikulierte der scheinbar fest nach Kalifornien Emigrierte dann so überraschend wie unverblümt, nach 20 Jahren bereit für eine Rückkehr nach Fußball-Deutschland zu sein. Gerne auch zum VfB.

Der Ruf des weltweit noch immer prominentesten Ex-Spielers verhallte jedoch. Was hätte der in sportlichen Nöten steckende Club aus Cannstatt auch antworten sollen? Alle wichtigen Posten waren zu jener Zeit vergeben, und noch einen Berater braucht es auch nicht. Länger als bis Saisonende kann zudem kaum ein Verein planen. Schon gar nicht der VfB.

VfB kommentiert Klinsmanns Auftritt nicht

Das musste auch Klinsmann einsehen. Seine Enttäuschung speist sich auch nicht aus der Ermangelung eines Job-Angebots als an der Tatsache, dass sich im roten Haus nie jemand für seine zuletzt wieder häufigeren Besuche in der alten Heimat interessiert habe. Dass sich weder Präsident Wolfgang Dietrich noch sonst ein Verantwortlicher bei ihm meldete, passt nicht ins Selbstverständnis des weltgewandten Fußballreisenden. Wobei natürlich umgekehrt die Frage erlaubt sein muss, warum der 54-Jährige von sich aus nie den direkten Kontakt an die Mercedesstraße gesucht hat. Dort wurde der Auftritt seines Ex-Stars am Dienstag nicht kommentiert.

Der VfB und Jürgen Klinsmann – das waren einmal zwei, die sich gesucht und gefunden haben. Im Moment scheint, als lebten sie gehörig aneinander vorbei.

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