Jörn Birkmann schreibt bei den Berichten des Weltklimarats (IPCC) mit und leitet das Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung an der Uni Stuttgart. Fotos: Lichtgut/Christoph Schmidt Foto:  

Bei einer Diskussion des Stuttgarter Linksbündnisses zum Rosensteinquartier bildete Jörn Birkmann den Auftakt. Der Uni-Professor ist renommierter Klimaforscher. Was hat er zu Stuttgart 21 gesagt?

Den Ton des Abends gab Luigi Pantisano (Linken-Stadtrat) direkt zu Beginn an: Man sei im Stuttgarter Rathaus, dem „Ort des Verbrechens“, – so leitete er die Vorträge und anschließende Diskussion zum Rosensteinquartier ein. Doch der prominenteste Redner des Abends, der Klima-Experte und Wissenschaftler Jörn Birkmann, stellte ebenfalls direkt klar, dass er sich nicht auf Stuttgart 21 und das Rosensteinviertel fokussieren werde, „da haben andere mehr Expertise“. Ihm gehe es darum, die Wechselwirkung zwischen Stadtentwicklung und Klimawandel aufzuzeigen, welche bisher nicht ausreichend erfasst werde, „und da ist das Rosensteinquartier ein Element“.

 

Vier Grad mehr könnten in Deutschland auch sieben Grad mehr bedeuten

Es ist nicht selbstverständlich, dass zu einer Veranstaltung von Stadträten – in dem Fall des Linksbündnisses – ein Wissenschaftler kommt, der koordinierender Leitautor bei den Berichten des Weltklimarats (IPCC) ist. Vermutlich war Jörn Birkmann, der das Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung der Uni Stuttgart leitet, auch der Grund dafür, dass am Montagabend beinahe alle Stühle im Großen Saal des Rathauses besetzt waren. Wobei auch Stuttgart-21-Gegner – ausgestattet mit typischen Requisiten wie lärmmachenden Dosen und Aufnähern– einen erheblichen Teil der Zuhörer ausmachten.

Jörn Birkmann zeigte dem Publikum anhand von Grafiken, dass eine Klimaerwärmung um vier Grad bis 2030 im Vergleich zum vorindustriellen Niveau – etwa 1850 bis 1900 – nicht überall vier Grad mehr bedeuteten. Gerade in der nördlichen Hemisphäre, also auch in Deutschland, könne dies sechs oder sieben Grad mehr bedeuten, sagte er. Zudem würden Extremereignisse wie Hitze und Starkregen noch weiter zunehmen. Deshalb gehe es im jüngsten IPCC-Bericht auch viel mehr um die Klimafolgenanpassung als noch vor zehn Jahren. „Heute ist klar: Ohne Anpassung geht es nicht mehr.“

Es brauche mehr „hochwertige Grünflächen“, sagte Birkmann

In Bezug auf Stuttgart und die Region stellte er klar: „Bisher gibt es keinen Konsens, dass man den Flächenverbrauch reduziert.“ Und selbst wenn es in Stuttgart einen solchen Konsens geben würde, so könne man Menschen in kleineren Gemeinden, in denen das Einfamilienhaus die Regel ist, damit wohl kaum beeindrucken, sagte er. In der Region sei es aber von hoher Bedeutung, deutlich mehr qualitativ hochwertige Grünflächen zu schaffen und zu erhalten, sagte er. Denn neben der Hitze im Kessel sei die „geringe Durchlüftung“ ein Problem. Befragungen unter Bürgern zur Risikowahrnehmung des Klimawandels hätten gezeigt, wie wichtig diese den Zugang zu verschattetem Grün ansehen.

Der andere geladene Referent, Stuttgarts Vorsitzender des Naturschutzbunds (Nabu), Hans-Peter Kleemann, fokussierte sich auf die Gefahren für die Biodiversität, wenn das Rosensteinquartier als neuer Stadtteil bebaut werde. Vor allem kleine Tiere lebten dort „auf Flächen, die für uns nur Bauland sind“. Kleemann mahnte, dass „alles getan werden müsse, um dort eine ganzheitliche und natürliche Situation zu schaffen und zu erhalten“.

Rockenbauch hofft weiterhin aufs „Obenbleiben“

Hannes Rockenbauch, der Vorsitzende des Linksbündnisses und SÖS-Stadtrat, widersprach den Vorteilen einer Bebauung des Rosensteinviertels. Weder würde dadurch der Verkehr reduziert noch entschärfe dies die Wohnungsmarktkrise, meinte er. Nur die Hälfte der geplanten Wohnungen sollten als bezahlbarer Wohnraum vermietet werden, „das heißt, 50 Prozent sind nicht bezahlbar“. Und wenn dort Menschen hinziehen, die sich diese Preise leisten könnten, hätten die oft auch zwei oder drei Autos, argumentierte er.

Rockenbauch, der als einer der schärfsten Stuttgart-21-Gegner gilt, hofft darauf, dass durch die jüngst kommunizierten Verzögerungen beim Neubau des Hauptbahnhofs doch noch sein Wunsch in Erfüllung geht. Wenn nämlich bis Ende 2025 nicht das gesamte Bahnprojekt in Betrieb gehen kann, sondern nur ein kleiner Teil davon, könne der Bahnhof langfristig „oben bleiben“ und der unterirdische Neubau nur als Ergänzungsbahnhof dienen, befand Rockenbauch.