Jörg Meuthen ist aufmerksam und gelassen. Der 54-jährige Hochschullehrer ist keiner, der die Rampe sucht. Als Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl am 13. März bevorzugt er die leisen Töne.

Stuttgart/Backnang - Jörg Meuthen kommt wie zum Wandertag: dunkle Laufschuhe, graue Jeans, schwarze Jack-Wolf­skin-Jacke, ein dazu passender Rucksack. Den wirft er zielgenau unter den blauen ­Party-Baldachin, um den sich an diesem Vormittag zur besten Marktzeit einige ­Backnanger AfD-Wahlkampfhelfer versammeln. Neun blaue Ballons tänzeln fröhlich im schneidenden Wind, der von der Murr herüberweht. Heiße Luft und kalte Luft.

Meuthen reiht sich ein. Ein eher zurückhaltender Typ. 76 Prozent der Wahlberechtigten in Baden-Württemberg kennen laut der jüngsten Infratest-Umfrage nicht mal seinen Namen. Auch wenn sein Konterfei nicht nur in Backnang von den Wahlplakaten lächelt, der baden-württembergische Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland  ist  kein abgehobener Polit-Promi, den es zum Straßenwahlkampf zieht. Aber Flyer verteilen, zuhören, sympathisch rüberkommen: Das gehört für jeden großen und kleinen Politiker zum Programm. Und das kann Meuthen. Der Kaufmannssohn aus Essen, Vater von fünf Kindern und laut eigenen Angaben nach langen Jahren wiedererweckter Katholik, der über die theologischen Schriften Josef Ratzingers, des späteren Papstes Benedikt XI., zu Mutter Kirche zurückgefunden hat, lässt sich auf ein Gespräch ein. Aufmerksam und gelassen.

AfD-Gründer Lucke nennt Meuthen eine „bürgerliche Fassade“

Ein softer Rechter. Einer, der zu differenzieren versteht und nachdenklich die Stirn in Falten zu legen weiß. „Wenn die AfD rechtsradikal wäre, stünde ich nicht zur Verfügung“, sagt er. Man will es ihm glauben. Das ist seine Stärke, das ist seine Schwäche. „Meuthen war auf meiner Seite“, sagt AfD-Gründer Bernd Lucke. Er hat längst die rechten Brocken hingeworfen und hat, erfolglos, noch eine Partei aus der Taufe ­gehoben, Alfa. Lucke gibt sich enttäuscht: „Meuthen ist die bürgerliche Fassade, hinter der eine radikalisierte Gruppe steht. Auch viele Kandidaten.“ Christian Hermes, der katholische Stadtdekan von Stuttgart, schlägt in dieselbe Kerbe. „Dieser Herr Meuthen sitzt als freundlich lächelnde Schaufensterfigur vorne, während im Hintergrund im Bund die von Storchs und Petrys ihre schlimmen Sprüche raushauen.“

Ein Vorwurf, den Meuthen nicht nachvollziehen kann. Dass ausgerechnet die Kirchen die AfD frontal attackieren und deren Politik mit den christlichen Grundüberzeugungen für unvereinbar halten, nennt Meuthen „ein Missverständnis“. Dass Frauke Petry und Beatrix von Storch ihn an diesem Donnerstag in seinem Backnanger Wahlkreis mit einem Auftritt im Bürgerhaus unterstützen, ist dagegen Fakt.

Ein Wolf im Schafspelz? Oder doch ein Schaf im Wolfsfell? Der AfD-Spitzenkandidat und Landesvorsitzende eines Verbands mit rund 2800 Mitgliedern, seit vergangenem Juli neben Petry obendrein Bundessprecher, kann mit solchen Stereotypen nichts anfangen. Sagt er. Beruhigend. Die AfD sei „ein Sammelfeld aller Strömungen mit lauter vernünftigen Leuten“. Mobilisierte Enttäuschte. Menschen, die von CDU und SPD die Nase voll hätten. Die einfach nicht mehr wissen, wie man konservativ buchstabiert.

Meuthen ist es leid, sich zu verteidigen

„Ganz überwiegend aus dem frustrierten bürgerlichen Lager“, sagt Meuthen. Und ja, ach und weh, da seien dann auch ein paar „Schwachköpfe, wie es sie überall gibt“, ­dabei, welche, „die nichts bei uns zu suchen haben und von denen wir uns dann trennen“. Wenn auch nicht immer. Wie im Fall des ­früheren Vormanns des Landesschiedsgerichts, Dubravko Mandic, der den amerikanischen Präsidenten Barack Obama einen „Quotenneger“ genannt hatte. Obwohl auch Meuthen nebst Landesvorstand zunächst für einen Parteiausschluss war, durfte Mandic im Schoße der AfD bleiben – nachdem sich die beiden persönlich bekannt gemacht hatten. „Da hat er einen seriösen Eindruck auf mich gemacht“, sagte Meuthen damals. Schwamm drüber.

Meuthen ist es leid, sich zu verteidigen. Warum auch? Die wirklich unerhörten Sätze kommen ja nicht über seine Lippen. Das übernehmen mit Wonne, Bösartigkeit und Geschick andere. So macht er Wahlkampf. Es sind Semesterferien. Meuthen hat Zeit. Seine Vorlesungen habe er entpolitisiert, sagt er, Verzicht auf Ironie eingeschlossen. Damit die, die einen Krümel suchen, nichts fänden. Ein Schritt nach vorn, wenn’s opportun erscheint, auch zwei zurück.

Natürlich gebe es einzelne Sätze von einzelnen Parteifreunden, „die finde ich auch nicht gut“. Wie die von Björn Höcke, den ins Rechtsextreme abdriftenden, von „tausendjähriger Zukunft“ und „deutschem Widerstand“ raunenden Thüringen-Chef. ­Meuthen macht eine kurze Pause, um anzumerken: „Aber ich sehe ihn nicht als rassistischen Menschen.“ Und die „Man wird ja wohl noch schießen dürfen“-Debatte? Ja, unglücklich gelaufen, sagt Meuthen, wahltaktisch „ein schwerer Fehler“. Zumindest im Südwesten. Der Professor schafft es, auf Distanz zu gehen, ohne sich einen Millimeter zu bewegen. Ein Moderator aus Passion.

Ein Biedermann unter den Brandstiftern?

Oder doch ein Biedermann unter Brandstiftern? „Ich finde den Ausdruck Biedermann nur noch lustig“, antwortet Meuthen, „sonst hält man das nicht aus.“ Es klingt betrübt. Denn der Mann kommt aus einer anderen AfD-Zeit. Er sei doch Hochschullehrer, sagt er, und ausländerfeindliche Sachen gingen mit ihm nun wirklich nicht. Damals, als Lucke die AfD noch als Protestpartei gegen den Euro ins Leben gerufen hatte, als sich vor allem Professoren in der Partei engagierten, als Meuthen noch mit seinem ebenfalls aufmüpfigen Tübinger Kollega Joachim Starbatty politisch auf einer Wellenlänge Kaffee getrunken hat, da hatte Meuthen, spätberufen, den Weg in die Politik gefunden. Starbatty ist längst aus der Petry-AfD-ausgetreten und bei Alfa auf dem Altenteil im Europäischen Parlament sitzengeblieben. Restlaufzeit rund drei Jahre. Meuthen aber blieb standhaft. Wie alle Umfragen versichern, mit einer parlamentarischen Mindestlaufzeit von fünf Jahren – mit einer womöglichen zweistelligen Prozentzahl im baden-württembergischen Landtag.

Die Paragrafen, die die Bundesregierung bei der Euro-Krise ignoriert haben soll, Meuthen zählt sie alle auf. Aus dem Effeff. Und jetzt bei dem Flüchtlingszustrom, da käme das alles wieder hoch. „Wieder geht es um Rechtsbrüche“, sagt der Volkswirtschaftler. Deswegen will er die Grenzen zumachen, auch wenn das „hässliche Bilder“ gebe. Aber nach vier bis fünf Wochen sei dann wieder Ruhe. „Und das ist, was wir brauchen.“ Weil Deutschland die kulturfremde Zuwanderung nicht verkrafte.

In Backnang lassen sich die meisten Passanten die AfD-Flyer bereitwillig in die Hand drücken. Nur wenige winken genervt ab. Dass das Göttinger Institut für Demokratieforschung behauptet, die Partei operiere bei ihren Kernthemen innere Sicherheit, Familienpolitik und Zuwanderung mit „drakonischen Bedrohungsbildern und reaktionären Antworten“, lässt die meisten kalt. Gegenüber im Cafe sitzen Menschen beim Vital-Frühstück für 2,95 Euro zusammen, die von eigenen Erfahrungen mit Fremden und vom Hörensagen von Asylchaos erzählen. Aufgeregt.

Meuthen will weg vom Schmuddelimage

In Baden-Württemberg erhalte die AfD vor allem in Städten und Regionen Zuspruch, die besonders stark vom Strukturwandel betroffen sind – und in „Zentren des protestantischen Pietismus“. Sagen die Forscher. Das alte Rechts-links-Schema tauge da nicht mehr. Die Hälfte der AfD-Anhänger sei mit der Arbeit des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zufrieden. Wenn die AfD völkisch-nationalistisch auftrete, dann eher im Osten wie in Sachsen-Anhalt, wo sie in Umfragen vor der Landtagswahl am 13. März bei 17 Prozent liegt, fast gleichauf mit der SPD. „Die Menschen sorgen sich ja nicht vor dem Flüchtlingszustrom, sondern auch vor der Altersversorgung, der Bargeldabschaffung, vor einer schleichenden Enteignung zu ihren Lasten“, sagt Meuthen.

Eine Partei mit vielen Gesichtern: Das ist Wasser auf Meuthens Mühlen. Rechtskonservativ und nationalistisch, aber auch wirtschaftsliberal. Deshalb ist Meuthen sicher: „Wenn wir am 13. März sehr gut abschneiden, werden wir gemäßigt konservativ-liberale Positionen durchsetzen.“ Weg vom Schmuddelimage. Nach anderthalb Jahren werde dann der Letzte merken, dass „er es mit vernünftigen Leuten zu tun hat“.

Am Backnanger Info-Stand ist man zufrieden. Während Meuthen seinen Rucksack nimmt, zieht eine türkische Familie strahlend ab. Die beiden Kinder freuen sich über ihre blauen AfD-Luftballons, die ihnen die freundlichen Wahlkämpfer aufgeblasen haben. Meuthen wird das gefallen.

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