Joachim Rudolf lebt in Sonnenberg, aber er ist auch ein Degerlocher Gesicht. Foto: Judith A. Sägesser

Joachim Rudolf, ein bekanntes Gesicht aus Stuttgart-Degerloch, hört nach 15 Jahren im Gemeinderat Stuttgart auf. Er hat schlicht zu viele Projekte am Laufen. Das wird selbst einem wie ihm irgendwann zu viel.

Degerloch - Joachim Rudolf ist zu beneiden. Ihm gelingt, wonach viele streben. Er ist die ganze Zeit in Bewegung, hat seine Finger überall mit drin, ist selten daheim, und trotzdem strahlt er große Gelassenheit aus. Bevor er sich hinsetzt und dann ganz da ist, eilt er noch kurz in die Werkstatt. Wenn Joachim Rudolf über sich sprechen soll, lädt er nicht zu sich nach Hause ein, sondern ins Geschäft in der Tränke. Aber das ist ja eigentlich dasselbe. Joachim Rudolf, den in Degerloch viele einfach Jogi nennen, muss schmunzeln. Hinter ihm stehen Rs, As und Ns, mit Beleuchtung ausgestattet, Lichtwerbung eben, das machen die Rudolfs. Joachim Rudolf führt den Betrieb zusammen mit seinem Bruder. Die Mutter arbeitet immer noch im Büro mit, der Senior schaut ab und an vorbei.

Als wäre das nicht schon genug Arbeit und genug Familie, hat sich Joachim Rudolf, heute 54, vor rund drei Jahren mit seinem Bruder ein zweites Standbein aufgebaut. Sie betreiben einen Bootsservice am Bodensee. Übertragen von Graf Bodman. „Wir haben ein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Joachim Rudolf. Wassersport ist sein Ding, sagt er.

Er musste einsehen: Der Tag hat nur 24 Stunden

Spätestens bei diesem Pensum kämen viele an ihre Grenzen. Doch Joachim Rudolf setzt noch etwas oben drauf: Er saß 15 Jahre für die CDU im Stuttgarter Gemeinderat, vorher etwa ebenso lang im Bezirksbeirat, und er ist der Landesvorsitzende des Wirtschaftsrats. Als dann die Boote dazukamen, hat aber selbst ein Joachim Rudolf einsehen müssen, dass der Tag nur 24 Stunden hat. „Das kriegst du zeitlich nicht unter“, sagt er. Und deshalb fehlte sein Name in diesem Jahr auf der Kandidatenliste für die Gemeinderatswahl. „Nach 15 Jahren bist du auch ein bisschen, wie soll ich sagen, abgenutzt.“ Kurz vor den Sommerferien war die letzte Sitzung, in der er als Stadtrat saß.

Dass ihn die Arbeit im Gemeinderat zusehends genervt hat, verhehlt Joachim Rudolf ganz und gar nicht. Die Sitze der CDU sind geschrumpft, die Flügel seienzu Bremserngeworden. „Die Ränder sind mir zu anstrengend“, sagt er. Rechts Randfiguren, die thematisch nichts beitrügen, und links „immer die gleiche Leier“. Da wende er sich lieber anderem zu. „Die wirtschaftliche Zukunft braucht mich“, sagt er und lässt seinen Blick durch den Raum schweifen.

Die Eltern haben den Betrieb von Null aufgebaut

Von nichts kommt nichts. Das weiß dieser Joachim Rudolf ganz genau. Gehören er und seine Familie heute sicherlich eher zu den Wohlhabenden, so war das nicht immer so. „Es ist nichts vom Himmel gefallen“, sagt er. Seine Eltern haben die Firma von Null aufgebaut, alles begann in einer Garage an der Mittleren Straße. „Das braucht Fleiß. Man muss schneller sein als andere.“

Joachim Rudolf, der in Sonnenberg lebt, ist ein Degerlocher Gesicht. Er hat allerdings etliche Jahre seines jungen Lebens nicht auf den Fildern verbracht. Er kam in der fünften Klasse ins Internat nach Sankt Blasien. Während Mitschüler vom Heimweh geplagt wieder abgeholt werden mussten, war das Ganze genau sein Ding, sagt er. „Du wächst selbstständig auf“, sagt er. Für seine Eltern war es ein Glück, dass ihr Sohn „ein absoluter Internatstyp“ war, wie er heute selbst sagt. Sie konnten in Ruhe das Geschäft in Degerloch aufbauen. Nach der Schule machte er seinen Wehrdienst in München, um dann schließlich nach Stuttgart zurückzukehren und eine Banklehre zu beginnen.

Er will wieder mehr Zeit für sich haben

So solide das alles klingt, die Leidenschaft von Joachim Rudolf war und ist eine andere: der Sport. Handball, Leichtathletik, Fußball – aber er ahnte, dass er nicht vom Sport leben kann. Privat begleitete er ihn trotzdem weiter. Bis kurz vor 50 war er zum Beispiel bei den Handballern der Stuttgarter Kickers aktiv.

Die sportliche Schiene soll wieder mehr Raum bekommen. Jetzt, wo er den Stadtratsposten an den Nagel gehängt hat. „Ich will auch das eine oder andere für mich haben“, sagt er. Verständlich, wenn dafür bloß genügend Zeit bleibt im Leben dieses bewegten Mannes. Die Energie dafür hätte er. „Ich freue mich auf jeden Tag“, sagt er und grinst. Dass er oft eine fröhliche Miene macht, verraten die strahlenförmigen Fältchen um seine Augen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: