Ein gutes Team: Präsidentschaftskandidat Joe Biden und seine Frau Jill. Foto: dpa/Democratic National Convention

„Lehrerin zu sein ist nicht, was ich tue, es ist, was ich bin“: Jill Biden schlüpfte eher widerwillig in die Rolle der Politikergattin. Wer sie kennt, beschreibt sie als bodenständigen Familienmensch mit Sinn für Humor.

Wilmington - Vergleicht man Jill Biden mit Melania Trump, der amtierenden First Lady im Weißen Haus, der Unterschied könnte größer kaum sein. Das frühere Model Melania ist glamourös, aber immer etwas distanziert. Oft wirkt sich so, als wäre sie lieber wieder in New York statt in Washington. Und Beobachter munkeln seit Jahren, ihre Ehe mit US-Präsident Donald Trump bestünde mehr oder weniger nur noch auf dem Papier.

Wer Jill Biden kennt, hebt dagegen ihre Wärme hervor, ihr Einfühlungsvermögen und ihren ausgeprägten Humor. So schlüpfte sie einmal zu Weihnachten in die Rolle des Grinch - der miesepetrigen grünen Filmkreatur, die dieses Fest nicht mag - und trieb Schabernack mit ihren Kollegen. Und sie taucht gern mit einer roten Bubikopf-Perücke unbemerkt bei Veranstaltungen auf.

Joe Biden hatte viele Verluste zu verkraften

Ihr ausgeprägter Sinn für Familie, Geborgenheit und Zusammenhalt hat ihrem Mann Joe Biden geholfen, Jahrzehnte im Licht der Öffentlichkeit zu durchstehen. Es war eine von großen Errungenschaften, bitteren Niederlagen und persönlichem Verlust gekennzeichnete Zeit. So ist es erst gut fünfeinhalb Jahr her, dass sein Sohn Beau an einem Gehirntumor starb (lesen Sie hier, welche Schicksalsschläge die Familie Biden bereits verkraften musste).

Insbesondere ihre Wärme und tiefe Loyalität spiegelten sich auch in der Rede wider, die Jill Biden in der Nacht zum Mittwoch auf dem virtuellen Parteitag der Demokraten hielt - kurz nach der offiziellen Nominierung ihres Mannes zum Präsidentschaftskandidaten. Da gab sie einen tiefen Einblick in das Leid, das Biden wiederholt in seinem Leben erfahren hat - und darin, „wie er es schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen und weiterzumachen“.

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Jill Biden heiratete Joe 1977, mehr als vier Jahre, nachdem seine erste Frau und kleine Tochter bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Sie half ihm, seine beiden Söhne Beau und Hunter aufzuziehen und brachte dann 1981 Tochter Ashley zur Welt. Während Joe Biden als Senator zwischen seinem Wohnort Wilmington (Delaware) und Washington pendelte, baute Jill eine eigene Karriere als Lehrerin auf - mit zwei Master-Abschlüssen und schließlich einem Doktortitel in Pädagogik.

Jill ist Joes Stütze

Parallel dazu wurde sie früheren Mitarbeitern zufolge zu einer der wertvollsten politischen Beraterinnen ihres Mannes, ihre Meinung spielte in den meisten seiner wichtigsten Entscheidungen - politisch und persönlich - eine bedeutende Rolle. So half sie ihm in den vergangenen Monaten auch dabei, eine Vizekandidatin für ihn auszuwählen: Sie trat bei verschiedenen Veranstaltungen an der Seite einiger der potenziellen Anwärterinnen auf.

Aber jene, die Jill Biden am besten kennen, sagen, dass sie mit der Titulierung als eine der wichtigsten Beraterinnen des demokratischen Präsidentschaftskandidaten nicht viel anfangen könne: Ihre Beziehung zu ihrem Mann sei viel tiefer und nuancierter als es diese Bezeichnung suggeriere, betont sie. „Sie ist seine Ehepartnerin, und sie liebt ihn und spricht mit ihm über alle möglichen Dinge, aber sie hat eine einzigartige Rolle, und die ist nicht die eines politischen Beraters. Das ist nicht ihr Ding“, sagt auch Cathy Russell, Jill Bidens Stabschefin während der Obama-Regierung, die jetzt eine der führenden Rollen in der Wahlkampagne von Joe Biden hat.

„Sie haben Familie und Leben, das um sie herumwirbelt“

Nach Russells Schilderungen sehen sich die Bidens trotz des Wahlkampfes oft, da sie sich wegen der Corona-Pandemie weitgehend daheim in Wilmington aufhalten. Aber häufig sind es kurze Begegnungen im Flur, auf dem Weg zum nächsten Briefing, dem nächsten Videoauftritt im Internet, wie Russell schildert. Aber abends versuchten sie sich zusammenzusetzen, um über Dinge zu sprechen. „Sie haben Enkelkinder und Kinder und zwei Hunde. Sie haben Familie und Leben, das um sie herumwirbelt, und ich glaube, sie versuchen, immer Zeit füreinander zu finden.“

Jill Biden, die sich selbst als introvertiert bezeichnet, war anfangs eher widerwillig eine Ehefrau mit politischer Rolle. In ihren Memoiren schildert sie, wie sie ihre erste politische Rede hielt und keine Lust verspürte, „irgendwelche Reden zu halten, wann und wo auch immer - schon der Gedanke daran machte mich so nervös, dass ich mich krank fühlte.“

Aber nach acht Jahren als Frau des Vizepräsidenten und diversen Reden auch in der Zeit danach fühlt sich Jill Biden sichtlich wohler auf der Bühne, spielt mit Auftritten für ihren Mann eine prominente Rolle, spricht flüssig und mit Leidenschaft. Seit Mai hat sie virtuelle Veranstaltungen in mehr als 17 Städten absolviert, die sich an verschiedene Zielgruppen richteten.

Jill hatte immer eine eigene Karriere

Aber stets hat sie auch darauf geachtet, Raum für ihre eigene Karriere zu behalten, eine Identität unabhängig von den politischen Ambitionen ihres Mannes zu bewahren. So lehrte sie auch während seiner Vizepräsidenten-Zeit weiter an einer Volkshochschule, obwohl ihr verschiedene Mitarbeiter davon abrieten. „Lehrerin zu sein ist nicht, was ich tue, es ist, was ich bin“, schrieb sie in ihren Memoiren und erzählte, wie sie sich in einem Toilettenraum ihrer Schule „in ein Cocktailkleid und hochhackige Schuhe warf“, um es rechtzeitig zu einem Empfang im Weißen Haus zu schaffen, oder wie sie an Bord der Vizepräsidenten-Maschine Air Force Two Schularbeiten zensierte.

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Jill Biden will nach eigenen Angaben sogar auch dann weiter als Lehrerin arbeiten, wenn sie First Lady werden sollte. Und Mitarbeitern zufolge würde sie sich vielen der Anliegen widmen, für die sie sich schon als Vizepräsidenten-Gattin engagiert hat. So konzentrierte sie sich besonders auf Soldatenfamilien, warb für Volkshochschulen und trommelte für Brustkrebs-Vorsorge.

Und so beschäftigt sie auch stets ist: Man sieht Jill Biden immer tadellos gekleidet, sie weiß immer ein gutes Buch zu empfehlen, verschickt Grüße oder Blumen an Freunde, Angehörige und Mitarbeiter, die Aufmunterung benötigen, und sie versucht, keine Sportveranstaltung ihrer Enkel zu verpassen, wie ihre Langzeit-Freundin Mary Doody anmerkt. Wie sie das alles hinkriege, sei für sie ein Geheimnis.

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