Seit zehm Jahren am Schauspielhaus Zürich: Jean-Pierre Cornu Foto: privat

Dem Schauspieler gelingen anrührende und komische Szenen, die man nicht vergisst.

Zürich - "Ich weiß grundsätzlich nicht, wie es geht", sagt Jean-Pierre Cornu (60). Und doch gelingen dem Schauspieler am Zürcher Schauspielhaus anrührende und komische Szenen, die man nicht vergisst.

Jean-Pierre Cornu betritt die Bühne, jetzt wird alles leicht und licht. Nicht im Sinne einer Lustigkeit, sondern im Sinne von einer Klarheit und Konzentration. Das hat viel mit seiner Stimme zu tun, die hell ist und melodiös. Cornu sitzt in Shakespeares "Kaufmann von Venedig" als Antonio am Bühnenrand und sagt verzweifelt heiter: "Ich weiß auch nicht, warum ich so traurig bin." Die sanfte Verwunderung des reichen Kaufmanns vergisst man nicht.

Cornu bleibt skeptisch. Er sei immer unsicher und unzufrieden, deshalb geht er auch nicht zu Premieren. Und es ist auch immer schlimm; wenn der Abend schlecht war und auch, wenn er gut war. "Bei einer besonders guten Arbeit falle ich in ein Loch", sagt Cornu. "Ich habe mich zwei Monate mit einem Thema beschäftigt, mit etwas Wichtigem, bei dem man das Gefühl hat, es hat einen weitergebracht. Und dann steht man wieder mit nichts da. Und fragt sich, schaff ich das jemals wieder? Werde ich den Moment erwischen?"

Seine Wut hat etwas Kaltblütiges

In Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" zum Beispiel hat er ihn erwischt. Das ist schon einige Jahre her, die Szenen sind aber noch da: Böses in samtweichem Ton gesprochen, den Arbeitern mit präzisen Schlägen kurz auf den Kopf gehauen, Weinen und Jammern. Selbst seine Diktatoren haben etwas Komisches und Grundsympathisches an sich. Der groß gewachsene, schlanke Mann ist nicht zu fassen, er wirkt aus der Zeit gefallen, alterslos. Man rätselt, ist er klug, dumm, verrückt, fröhlich, traurig? Womöglich alles gleichzeitig.

Man staunt über seine Elastizität, sein Rhythmusgefühl. Ein Tänzer. Nein, sagt er, das sei er nicht. Aber Sänger, ja, beinah jedenfalls. Jean-Pierre Cornu studierte Schauspiel und später auch noch Gesang am Konservatorium in Wien. "Ich war da schon zu alt, ich hätte als jüngerer Mensch vielleicht jemanden gebraucht, der mich coacht. Ich konnte abends keine Kurse besuchen, da musste ich ja spielen." Und wenn Sänger, dann hätte es schon mindestens die Met sein müssen, sagt er. Selbstironisches Lachen. Er schwärmt immer noch von der Oper. Da war dieser erste Auftritt eines noch unbekannten Sängers in Wien, den Cornu, damals Student, im Stehparkett erlebt hat. Der Mann hieß Pavarotti. Cornu lobt seine "Schärfe und Weichheit".

Was ihm an dem Tenor gefallen hat, gefällt einem auch an Cornu. Er kann aufs Freundlichste lächeln und dabei infamste Dinge sagen. Seine Wut hat etwas Kaltblütiges, es ist beängstigend. In Euripides' "Alkestis" zum Beispiel, ebenfalls am Schauspiel Zürich: Die Götter beschließen, den jungen Admet am Leben zu lassen, wenn jemand anderes für ihn stirbt. Cornu tritt im Bankeranzug auf, mit dem lässigen Gang eines selbstbewussten Machtmenschen. Er zieht die Augenbrauen hoch, als der Sohn schreit, wann er, der Vater, endlich sterben wolle, und erklärt indigniert, dass durchaus auch Alte nicht gern sterben. Eisige Stimmung.

"Wir müssen immer unsere eigene Musik machen, die Stimme ist noch mehr mit der Psyche verbandelt, das muss man mitnehmen. Man muss auch zeigen, was man nicht ausleben kann oder will. Ich kann mir viel vorstellen, was ich tun könnte, was ich von meiner Fantasie für die Gestaltung einer Figur genommen habe; es muss eine Basis da sein. Wir sind ja unser eigenes Instrument. Bei manchem sagt man dann, der hat nicht bezahlt auf der Bühne. Denn es gibt immer einen Augenblick, wo man merkt, jetzt werden die Karten auf den Tisch gelegt." Mit der Kunst, sagt er, sei es ein bisschen wie mit dem Essen, es kommt auf die Reduktion an. "Man muss die Soße so einkochen, dass die Essenz übrig bleibt."

Jeder Auftritt von Cornu ist die Reise nach Zürich wert

In Wien, als er sich entscheiden musste, weiterzuspielen oder Sänger zu werden, hatte er erste Berufsjahre in der Provinz überstanden. Heilbronn, Marburg und Tübingen. "Man hatte mir in der Schauspielschule am Max-Reinhardt-Seminar immer gesagt, du musst an ein großes Haus. Du bist ein ausgefallener Typ." Kleine Theater könnten sich so ein langes, dünnes Elend nicht leisten. "Tja". Cornu zuckt mit den Schultern: Heilbronn, Stadttheater Mitte der Siebziger, das war sein erstes Engagement. Und ganz in der Nähe rockte Claus Peymann das Stuttgarter Theater. In Heilbronn spielte man im Gewerkschaftshaus, man lief ums Gebäude herum, um auf die andere Bühnenseite zu kommen, da konnte sich schon einmal ein Faschingstrupp zu den Schauspielern auf dem Trottoir gesellen. Allerhand Kerzchen angezündet hat Cornu in dieser Zeit. 1993 holte ihn der Intendant Frank Baumbauer, ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg, da lernte Cornu den Regisseur Christoph Marthaler kennen, mit dem er 2000 nach Zürich ging und blieb.

Der Schauspieler hat auch dieser Erfahrungen wegen seine kritische Aufmerksamkeit dem Betrieb gegenüber behalten und kann durchaus heftig werden: "Zynismus zum Beispiel. Den hasse ich. Der hat nichts im Theater zu suchen. Ich weiß grundsätzlich nicht, wie es geht, bei der ersten Probe. Und wenn ich Zweifel habe, spreche ich auch darüber. Ich möchte auf Proben so schlecht wie möglich sein dürfen, denn man kann nicht immer nur gefallen wollen."

Jeder Auftritt von Cornu ist die Reise nach Zürich wert

Stefan Pucher oder Andreas Kriegenburg könnten damit gut umgehen, sagt Cornu, aber es gebe auch Regisseure, die das nicht können. Weil es auch um Machtfragen geht, weil man sich keine Blöße geben will? "Es geht extrem ums Behaupten am Theater", sagt Cornu. "Was man ist, was man zu sein vorgibt. Früher dachte ich, ach, dann bin ich ja glücklicherweise nicht im Fokus. Wenn ich heute Regisseure sehe, die Schauspieler niedermachen oder herumscheuchen, dann sag' ich was."

Und wenn der Regisseur alles ganz anders sieht? "Dann kann ich zwei Nächte nicht schlafen und frage mich, liegt es wirklich nur an mir? Manchmal hat sich jemand was ausgedacht, dass ich eine Szene so oder so spiele. Ich sage dann, das war 1001-mal falsch, das hat nie gestimmt, warum muss ich dir das trotzdem zeigen? Das ist läppisch." Aber inzwischen, und wieder ist da das komisch-verzweifelte Achselzucken, gehe er eben auf den anderen zu. "Dann mache ich halt den ersten Schritt." Er kann das, er hat es gelernt. Seine Eltern hatten ein Hotel am Bieler See, und er half, auch später in den Theaterferien. Manchmal wird er heute noch dort angesprochen: "Spielst du immer noch ein bisschen Theater? Bist ja nie im Fernsehen!"

Ja, das macht er immer noch. Jeder Auftritt von Jean-Pierre Cornu ist die Reise nach Zürich wert, auch wenn man an diesem Tag für eine andere Premiere gekommen ist und sie fast verpasst hätte, weil Jean-Pierre Cornu auch ein großartiger Erzähler ist. Er lotst einen über die Treppen nach unten ins plüschige Foyer des Zürcher Schauspielhauses. Weil er weiß, dass nicht nur er nach Premieren unzufrieden ist, wird er die Arbeit der Kollegen ein paar Vorstellungen später anschauen. Ein rasches Tschüs, noch einmal leuchtet es hell, dann geht er leise und lächelnd.

Die nächste Premiere, zu der Jean-Pierre Cornu erscheinen muss, ist am 23. Oktober, da spielt er in Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Dürrenmatts "Die Panne".

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