Jason Moran Foto: McBride

Einen komfortablen Jazzabend bietet ­der New Yorker Jason Moran seinen Zuhörern im Kunstmuseum Stuttgart nicht. „It’s hard to play these songs, it hurts on the inside“, sagt er später – und das Publikum erlebt ein bewegendes Konzert.

Stuttgart -

Dieses Konzert beginnt langsam, sehr langsam. Jason Moran schlägt Noten an, die weit entfernt voneinander liegen, unverbunden. Eine große Spannung baut sich auf zwischen ihnen, ein einzelner Lauf bricht, blitzartig, aus dem harschen, schweren, ­stockenden Schreiten aus. Ganz allmählich beginnen die Noten, sich anzunähern, ein Gebilde entsteht, eine Sprache: der Jazz als Skulptur, gearbeitet aus Stille und Klang.

Einen komfortablen Jazzabend wird ­Jason Moran seinen Zuhörern im Kunstmuseum Stuttgart freilich nicht bieten: „It’s hard to play these songs, it hurts on the inside“, sagt er später – das Spielen schmerzt ihn selbst, im Innern. Dieser Schmerz gehört für den vielfältig ausgezeichneten Pianisten, geboren 1975 in Houston, Texas, dazu. Jason Morans Jazz will kein Popsong sein, will nicht beruhigen, beglücken. Wenn eleganter, klassischer Jazz auftaucht in Morans Welt, dann als virtuoses Zitat – umgeben, durchschossen von harten, dissonanten Elementen, rollenden Clustern, minimalistischem Staccato. „Southside Diggin’“ ist ein ­Beispiel für seine Collagetechnik. Moran schlägt die Tasten mit seiner Handkante an, legt beide Hände nahezu übereinander, mit Fingern, die rasend auf den Tasten flirren – dann, ganz unvermittelt, ein Break, der Blues taucht auf: Er hat ihn ausgegraben, im berüchtigten Süden von Chicago, er lauscht in der zersplitterten Gegenwart der ­Tradition.

Moran forscht in der Tiefe der Musik

Und er geht noch weiter. Gerne, sagt ­Moran, höre er Musik, während er Piano spiele – und schaltet den Laptop an. Afrikanische Gesänge, Trommelrhythmen erklingen, und Jason Moran zeigt sich nun auch als Meister des sanften, zurückhaltenden, ­melodischen Spiels – „Body And Soul“ heißt der Standard, ein Stück, sagt er, an das sich Musiker oft schon erinnerten, um sich ihrer Identität zu versichern. Jazz wird kenntlich als Palimpsest, Überschreibung, immer ­wieder lässt der Pianist tiefer liegende Schichten in seiner Musik aufleuchten, ­hervorbrechen.

Das zweite Konzert der die Ausstellung „I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ begleitenden Reihe ist ein intensiver, herausfordernder Abend – aber auch einer, dem es an Humor nicht fehlt. Jason Moran spielt zum Hip-Hop-Hit von 1982, „Planet Rock“ von Afrika Bambaataa and the Soulsonic Force, eine Begegnung, die fortführt von der Hitparade, tief hinein ins Avantgarde-Gelände. Und Moran verwandelt sich in Fats Waller, setzt sich mit einem riesenhaften Gummikopf an den Flügel – ein Schmerzensmann, ein Könner, Künstler, der seinem Publikum zuzwinkert.

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