Trainer Jaron Siewert mit den Füchse-Alphatieren Geschäftsführer Bob Hanning und Sportvorstand Stefan Kretzschmar (v. re.) Foto: imago/eu-images

Jaron Siewert ist der mit Abstand jüngste Trainer in der Geschichte der Handball-Bundesliga und musste einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Vor den „schwäbischen Wochen“ ist er mit den Füchsen Berlin so stark wie noch nie. Was zeichnet den 29-Jährigen aus?

Seine Spieler warfen ihn am Pfingstsonntag im vergangenen Mai in Flensburg mehrmals ausgelassen in die Luft. Als Jaron Siewert wieder festen Boden unter den Füßen hatte, lächelte er zufrieden, aber irgendwie wirkte er immer noch ruhig und in sich gekehrt. Dabei hatte er gerade mit dem Triumph in der European League seinen ersten Titel mit dem Profiteam der Füchse Berlin geholt. Mit 29 Jahren.

 

Handball-Schwergewichte neben sich

Als den Julian Nagelsmann des Handballs bezeichnete man Siewert schon vorher. Ihr Ausnahmetalent als Trainer, das Attribut intelligenter Senkrechtstarter verbindet sie – doch ansonsten könnten die beiden unterschiedlicher nicht sein. Der Fußball-Bundestrainer präsentiert sich forsch, selbstbewusst, frech. Siewert ist anders. Er wirkt zurückhaltend, bisweilen sogar unterkühlt. Für die wortgewaltigen Sprüche sind in seinem Club die Handball-Schwergewichte Bob Hanning (Geschäftsführer) und Stefan Kretzschmar (Sportdirektor) zuständig.

„Jaron ist eben ein Typ, der nach innen wirkt. Er kommt über Inhalte, das verbraucht sich auch nicht so schnell“, sagt Hanning. Dass Spieler wie Hans Lindberg (42) deutlich älter sind als der Coach, spiele keine Rolle. „Entscheidend ist, dass eine Mannschaft merkt, ob ein Trainer sie besser macht oder nicht“, so sein Mentor und Förderer.

DHB-Pokal in Bietigheim

Derzeit sind die Füchse vielleicht so stark wie nie – obwohl sie einige Ausfälle verkraften müssen, darunter die langzeitverletzten Schlüsselspieler Paul Drux und Fabian Wiede. Vor den schwäbischen Wochen daheim gegen Frisch Auf Göppingen am Sonntag (18 Uhr), im DHB-Pokal-Achtelfinale bei der SG BBM Bietigheim am Dienstag (19.30 Uhr) und zu Hause gegen den TVB Stuttgart am 19. Dezember (19 Uhr) stehen die Berliner mit 25:3 Zählern punktgleich mit dem SC Magdeburg auf Rang zwei.

Diese Platzierung würde am Ende die Champions-League-Teilnahme garantieren. Vielleicht reicht es aber sogar zur ersten deutschen Meisterschaft. Würde Siewert tatsächlich den größten Vereinserfolg möglich machen, würde sich für ihn ein Kreis schließen. Im Berliner Stadtteil Reinickendorf geboren und aufgewachsen, trägt Siewert die Füchse-DNA seit Kindertagen in sich.

Für Hanning war Siewert immer ein Puzzleteil in einem großen Plan. Der Handballmacher wollte nicht nur Jugendspieler ausbilden, sondern auch Trainer. „Jaron hat vier deutsche Meisterschaften als Nachwuchsspieler mit den Füchsen gewonnen, aber für die erste Liga reichte es nicht, als Trainer sah ich dieses Potenzial aber in ihm“, erzählt Hanning.

Puzzleteil im großen Plan

Mit 23 Jahren Zweitligacoach

Also beendete Siewert seine aktive Karriere mit 20, trainierte Füchse-Jugendteams und die zweite Mannschaft. Mit 23 Jahren schickte Hanning seinen Zögling auf Tournee. Beim Zweitligisten TuSEM Essen vollzog der junge, wissbegierige Coach seine nächsten Entwicklungsschritte. 2020 führt er den Traditionsclub zurück in die Bundesliga. Kurz darauf holt ihn Hanning zurück ins Füchse-Revier.

Im Alter von 26 Jahren wurde Siewert Cheftrainer der Berliner, einen so jungen Trainer hat es zuvor im deutschen Profihandball noch nie gegeben. „Für mich geht alles sehr schnell und sehr steil bergauf“, sagt Siewert selbst.

Die Aussage bezieht sich aufs Sportliche. Da läuft in der Tat alles nach Plan, im Leben aber schlug das Schicksal am 11. August 2022 zu: Siewert erlitt in der Trainerkabine neben seinem Co-Trainer Max Rinderle einen Schlaganfall. Ursache: ein Blutgerinnsel.

„Großer Schock für uns“

„Das war ein großer Schock für uns“, sagt Hanning. Nach der erfolgreichen Operation folgte die Prognose: Siewert kommt wieder. Rund sieben Wochen lang vertrat ihn Hanning. „Für keinen anderen Trainer der Welt hätte ich das getan, doch ich wollte, dass unsere Idee weiterlebt“, erklärt der Füchse-Geschäftsführer, der damals auch schon den Zweitligisten VfL Potsdam trainierte.

Verantwortung für Familie

Hanning hat nach dem einschneidenden Erlebnis „keine Veränderung“ bei Siewert festgestellt. Seine Frau Lina dagegen schon: „Früher haben ihn Niederlagen aus der Ruhe gebracht“, sagte die Mutter der beiden gemeinsamen Söhne Emil (4) und Jonte (1) im Magazin „Bock auf Handball“. Auch der Coach selbst gab Einblicke in sein Seelenleben: „Wenn man so einen Schicksalsschlag durchmacht, dann guckt man natürlich ganz anders auf seinen Beruf. Besonders, wenn man zwei Kinder hat und nicht nur für sich alleine im Leben kämpft, sondern Verantwortung für eine Familie hat.“

Bei diesem Thema zeigt der Mensch Siewert Emotionen. Bei den Spielen an der Seitenlinie braucht er diese – im Gegensatz zu vielen anderen Trainern – nicht, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Was nicht heißt, dass er intern keine klare Ansagen macht: „Das sehen die Leute aber nicht, und mich stört das nicht, dass ich als der ruhige, analytische, vielleicht manchmal unterkühlte Typ gesehen werde.“

Selbst nach Triumphen wie an jenem Pfingstsonntag in der European League.