Einsam und unbehaust in eisiger Kulisse: Der Mensch fürchtet die Kälte – und ist zugleich fasziniert von ihr. Foto: imago//Pau Cardellach Lliso

Es ist kalt in Deutschland. Das ist kalendarisch normal, wird aber als Zumutung empfunden. Kälte geht nur, wenn sie mit der Verheißung von Wärme kontrastiert wird. Dabei sind Ausflüge ins Eisige oft ein Gewinn.

Die meisten Menschen frieren nicht gerne. Spitzfingrige Kälte, die Körper und Seele umschließt, wird nur erträglich angesichts eines Gegenpols, einer wärmenden Stube, der Sauna in irgendeinem Wellness-Zirkus oder einem vertrauten menschlichen Körper, der zu wollüstigem Wärmeaustausch einlädt. Kälte wird von einem leichten Grauen begleitet, das eine Todesahnung in sich trägt und an Kriegs- und Hungerzeiten erinnert. Der Mensch nutzt mächtige Technologien der Verbrennung und Klimatisierung, um sich über die Kälte zu erheben.

 

Diese Möglichkeiten hatte er früher nicht. Anfang des 17. Jahrhunderts erreichte die sogenannte Kleine Eiszeit einen ersten Höhepunkt. Der Winter 1607 war einer der kältesten der Geschichte. In den Niederlanden, Deutschland und England verwandelten sich Flüsse und Kanäle in eine eisige Bühne, auf der Maler wie Hendrick Avercamp oder Pieter Bruegel ihre Winterszenen ausbreiteten, die ersten Wimmelbilder der Kunstgeschichte. Diese Allegorien auf eine im Frost vereinte Gesellschaft, mit Bettlern, Kaufleuten, Adeligen und Schlittschuhläufern idealisierte die brutale Realität einer unterkühlten Zivilisation. Zeitzeugen berichteten, dass vor der Ernte das Getreide am Halm verrottete, der Wein in den Fässern gefror, Vögel entkräftet vom Himmel fielen und Hungersnöte zur Regel wurden.

Diese Transformation zeichnet der Historiker Philipp Blom in seinem Buch „Die Welt aus den Angeln“ nach. Er vergleicht die Gesellschaften jener Zeit mit einem sich ständig neu organisierenden Bienenstock und bewundert deren adaptive Fähigkeit, hin zu einer neuen ökonomischen Ordnung, einem frühen Kapitalismus. Europa, so Blom, folgte dabei keinem Ziel, sondern passte sich den veränderten Umständen an. Ausgehend von einer schweren Krise der Landwirtschaft wurden alle Bereiche des menschlichen Lebens geprüft und modifiziert. Unter der eisigen Klima-Knute musste der Mensch sein Leben neu denken. Das Ergebnis war eine wirtschaftliche, soziale, religiöse und kulturelle Revolution, an deren Ende nicht nur die Kälte entmachtet schien. Auch die großen Fragen der Menschheit wurden nicht mehr nur theologisch, sondern intellektuell und philosophisch diskutiert und beantwortet.

Eine kalter Windstoß: es geht wieder los

Und jetzt? Der Mensch als Herrscher über das Klima hat sich sein Dasein temperiert – wir pflegen unabhängig von den Jahreszeiten den Konsum, die Geselligkeit, den Austausch, fühlen uns geborgen. Und vielleicht berührt die Katastrophe der Klimaerwärmung die Menschen deshalb nicht auf einer emotionalen Ebene, weil sie eben Wärme verheißt und nicht Unterkühlung. Ganz verschwunden ist die Kälte ohnehin nicht – sie bleibt eine bisweilen lästige, aber treue Begleiterin. Selbst an einem golden-warmen Herbsttag kündigt sie sich an, durch einen kühlen Luftzug oder den ersten Rollkragenpullover im Schaufenster. Der Mensch zieht schaudernd die Schultern zusammen und bereitet sich missmutig auf Dunkelheit, Frost und muffige Heizungsluft vor.

Doch was wäre ein Leben ohne die Kalt-warm-Ambiguität? Oberflächlich betrachtet wären wir modisch stark eingeschränkt, was jedem auffällt, der in subtropischen Klimazonen unterwegs ist. Dort, wo es nur aus den Klimaanlagen kühl herauszieht, trägt man Kleider, Shorts und irgendwas Leichtes am Oberkörper, das aber alsbald auch klebt. Eine ausgefeilte Garderobe ist dysfunktional. Dagegen animiert das Kontinentalklima mit seinen düster-kalten Wintern die Designer zu Höhenflügen. Es gibt ein wildes Darüber und Darunter, die Designer schichten Materialien aufeinander, deren Zusammenwirken vor allem dem Ziel der Isolierung dient. Bei Frauen sind in diesem Winter laut der Zeitschrift „Vogue“ übrigens Micropants stilbildend, die mit Strumpfhosen und Wolljacken kombiniert werden und auf anmutige Art bäuerliche Derbheit mit Erotik kombinieren. Überflüssig zu erwähnen, dass in der Herrenmode eher Grautöne dominieren. So gerüstet pendelt man aufs Eleganteste zwischen den modernen Wärmestuben der Restaurants, Cafés und Opernhäuser – oder lässt alles im Schrank hängen und verpuppt sich zu Hause bei Netflix und Barolo.

Verlässt der gut situierte Mensch die Komfortzonen seiner Behausung, ist das normalerweise nicht aus der Not geboren. Durchströmt von Heroismus joggt er in Funktionskleidung durch Wald und City, schreckt Haselmäuse aus dem Winterschlaf und entlässt Dampfwolken aus kondensierter Erschöpfung. Der weniger Sportliche geht wenigstens mit dem Hund raus. Doch längst spürt er, dass die Zeiten auch für die privilegierten Schichten kälter werden. Zwar erhitzt sich die öffentliche Debatte schon bei Nichtigkeiten bis zum Siedepunkt, aber Wärme, Zusammenhalt wird dabei nicht emittiert. Stattdessen dominiert Kälte als Drohung und Metapher. Sie steht für Gefühlsarmut, Arroganz und Entfremdung – und wird in der Politik meist konservativen und liberalen Ideen zugeordnet. Wärme, der binäre Gegensatz, steht für soziales Miteinander. So einfach ist das. Oder doch nicht?

Die menschliche Kulturgeschichte jedenfalls wäre ohne die Kälte eine ziemliche Dürreperiode. Da muss man nicht weit zurückgreifen. Der Theologe Thorsten Dietz streicht die besondere Rolle heraus, die Kälte und Eis in der düsteren Fantasysaga „Game of Thrones“ spielen. In seinem Buch „Gott in Game of Thrones: Was rettet uns, wenn der Winter naht?“ Nimmt er den „Norden“ in den Blick – ein kaum definiertes Gebiet der Dunkelheit. Was dort ist, weiß niemand genau, aber bestimmt nichts Gutes, schlimmstenfalls der ewige Winter.

Die reale Zone des kalten Unheils ist in unserer Zeit wohl nicht der Norden, sondern das dunkle Reich im Osten mit dem Kremlherrscher als Gebieter über Armeen und Gasfelder. In seinem gut beheizten Palast schaut er zu, wie seine Soldaten an Unterkühlung und detonierendem Metall auf dem Schlachtfeld sterben, und sieht sich damit in einer alten Tradition. Dort, wo heute sibirisches Gas gefordert wird, ließen seine Vorgänger Millionen Menschen in den Lagern verschwinden. Laut Vorschrift mussten die Gulag-Sträflinge der Stalin-Ära ab einer Temperatur von weniger als minus 60 Grad Celsius nicht mehr im Freien arbeiten. Das Thermometer aber hing meist in der Nähe der beheizten Baracke.

Gleichzeitig bejubelte die Sowjetpropaganda ihre heldenhaften Polarforscher. Eine Expedition ließ sich 1937 auf einer Eisscholle absetzen und trieb im Dienste der kommunistischen Wissenschaft in absoluter Stille und Dunkelheit gen Süden. Das ganze Land wurde Zeuge dieser ideologischen Vermessung der Extreme. Im Zelt hörte man russische Jazzmusik auf Grammofonplatten und kandidierte in Abwesenheit für den Obersten Sowjet. Die Nordpolmanie, resümiert der Historiker Karl Schlögel, war jener Kitt, der zusammenhielt, was pure Gewalt nicht zusammenhalten konnte.

Diese Kälte- und Überwindungsszenarien sind uralt. Für den Theologen Dietrich sind sie ein Gegenentwurf zur Religion des Lichts und der Wärme. In der säkularisierten Welt spielt die Religion diese Rolle nur noch in infantil-folkloristischer Inszenierung auf Weihnachtsmärkten und wenigstens spirituell grundiert in Weihnachtsgottesdiensten. Im Barock war die Sache ernster: Die Erkaltung der Welt steht für den Abfall von Gott. In dem Gedicht „An Gott, den Heiligen Geist“ von Andreas Gryphius heißt es: „Bisher hab ich die Eitelkeit geliebet/Bisher hat mich der harte Sturm betrübet/Mich, der ich falschem Gutte nachgestellt/Komm reiner Geist, entzünde meine Kält! (. . . ) O Helles Licht, erleuchte meine Nacht!“

Die Kältemetapher überlebt auch den Epochenwandel zur bürgerlichen Welt. Der Liederzyklus „Die Winterreise“ von Wilhelm Müller beschwört eins ums andere Mal Bilder der Erstarrung, Fremdheit, Brüchigkeit menschlichen Miteinanders und Todesnähe hervor. Franz Schuberts Vertonung, von ihm selbst als Sammlung schauerlicher Lieder bezeichnet, ist ein Denkmal der Romantik – unzählige Male interpretiert. Eine maritime Variante romantischer Kältelandschaften liefert Wagners „Fliegender Holländer“. Und Friedrich Nietzsche erklärt die Kälte sogar zur Voraussetzung für seine Philosophie. Doch war er wirklich so kalt? In seinem Buch „Wie Nietzsche aus der Kälte“ kam, erzählt Philipp Felsch von einem Abenteuer der Geistesgeschichte: Giorgio Colli und Mazzino Montinari, zwei italienische Antifaschisten, entziffern darin den Nachlass des Denkers und revidieren das Bild vom eisigen Herrenmenschen und Nazivordenker.

In der deutschen Popkultur sind die 80er Jahre eine Kältephase. Florian Völker vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam schreibt von einem „inflationären Einsatz ‚kalter‘ Strategien und Motive“. Bands wie Kraftwerk, Ideal, Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF), Einstürzende Neubauten beschworen danach in ihren Songs die Prozesse und Zeichen der industrialisierten, Welt herauf und entwickelten eine „kalte“ Gegen-Ästhetik zum „Wärme-Kult“ der linken Gegenkultur. Diese Ästhetik wirke bis heute nach: in der Inszenierung des „kalten Deutschen“ der Band Rammstein etwa.

Kälte ist Zumutung – und Einladung

Die Kältekünstler der Neuzeit gefallen sich in ihrem zivilisationskritischen Nomadentum. Ihre spöttische oder verzweifelte Distanz zur wohligen Bürgerlichkeit, der behäbigen Gewohnheitskultur hat ihren Preis: eisige Einsamkeit und Unbehaustheit. Aber sie wussten schon, was sie an der Kälte haben. In der Situation des Ausgesetztseins schärft sich der Blick. Ein schneebedecktes Stoppelfeld, die Baum-Skulpturen eines dämmrigen Walds bei Neuschnee oder die niederschmetternde Tristesse einer Metropolperipherie im grauen Schneematsch entziehen sich der Kitsch-Ästhetik. Frost schafft klare Formen, lädt nicht zu Umwegen ein und schärft das Denken.

So ist die Kälte eine Zumutung, die uns zur Selbstüberwindung und zur Leidensfähigkeit zwingt. Aber vielleicht brauchen wir immer wieder die Erkundung unserer zivilisatorischen und emotionalen Kältezonen, um zu uns selbst zu finden, unsere Grenzen zu erkennen und zu jener kristallinen Klarheit und Ruhe zu kommen, die diese Grenzen überschreiten lässt.

Und wer weiß, vielleicht blickt der Mensch einmal sehnsüchtig schaudernd auf Bilder und Bücher, die an die kalten Einöden vergangener Jahrhunderte erinnern. Vielleicht dann, wenn durch die Klimaerwärmung Teile des Planeten schon vertrocknet und abgestorben, die Bewohner geflohen sind und sich die Epoche der Kälte in der Menschheitsgeschichte ihrem Ende nähert.