Anlageexperte Chris-Oliver Schickentanz: Wer bei seiner Geldanlage nicht umdenkt, wird den Gürtel enger schnallen müssen Foto: Commerzbank

Wer bei seiner Geldanlage nicht umdenkt, muss den Gürtel enger schnallen. Das sagt Chris-Oliver Schickentanz, Leiter Anlagestrategie bei der Commerzbank im Interview.

Herr Schickentanz, Sie sehen einen massiven Handlungsbedarf bei Anlegern. Weil viele Leute Geld horten, statt es anzulegen?
Genau. Über 40 Prozent der Vermögen von deutschen Privathaushalten liegt auf Girokonten, Tagesgeldkonten und Sparbüchern und wird da nicht mehr verzinst. Der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank sei Dank. Da aber die Inflation über dem Nullniveau liegt, geht jeden Tag, jedes Jahr Vermögenssubstanz verloren. Auf gut Deutsch: Immer weniger Privathaushalte können ihre Kaufkraft noch erhalten.
Mal ehrlich: Warum sollten Menschen Geld umschichten? Wegen ein paar Kröten mehr? Wird dadurch nicht nur die Bank reich?
Schön wär’s. Über viele Jahrzehnte war es die richtige Strategie, Vermögen auf dem Sparbuch oder Tagesgeldkonto liegen zu lassen, weil der risikofreie Zins über der Inflationsrate lag. Ich konnte mir damit meine Vermögenssubstanz erhalten, sprich: mir auch morgen noch das leisten, was ich mir heute leisten kann. Das ist nicht mehr garantiert, weil die Verzinsung für risikolose Sparformen so dramatisch gesunken ist. Seit 2010 liegt die Inflation über dem Zinsniveau. Wer bei seiner Geldanlage nicht umdenkt, muss den Gürtel enger schnallen. Das möchten doch die wenigsten Sparer.
Es geht nicht ums Reichwerden, sondern darum dass man sein Vermögen erhält?
Genau. Es geht darum, nicht arm zu werden.
Wirklich reich wird man ohnehin nur durch Erben oder Selbstständigkeit – oder?
Es stimmt: Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist das Gros der Vermögen bei unternehmerisch tätigen Menschen oder bei Erben zu finden und weniger dort, wo man einen kleinen Geldbetrag erfolgreich investiert hätte.
Wenigstens profitieren die Kreditnehmer von der Niedrigzinspolitik.
Natürlich hat die Niedrigzinsphase auch ihre Gewinner. Das sind diejenigen, die jetzt eine Immobilie finanzieren oder einen Ratenkredit in Anspruch nehmen. Gesamtwirtschaftlich gesehen sind wir Deutschen aber immer noch Sparweltmeister. Und das Ersparte, das durch die Niedrigzinsphase dahinschmilzt, wiegt deutlich schwerer als das, was wir an geringeren Kreditkosten verbuchen können.
Sie erwarten, dass die EZB die Zinswende in Europa weiter nach hinten verschieben wird. Warum?
Drei Faktoren treiben die EZB um: die hohen Staatsschulden, die Inflation, die weit weg ist von der 2-Prozent-Zielgröße, und die Kreditvergabe, die nur langsam anfängt sich zu erholen. Alles zusammen ist eine Steilvorlage für die EZB, das Anleihekaufprogramm zeitlich weiter auszudehnen. Wir rechnen mittlerweile frühestens 2018 mit der Zinswende, möglicherweise erst 2019.
Die niedrigen Zinsen sollen auch helfen, dass die öffentlichen Haushalte ihre Schulden besser in den Griff bekommen. Durch die zusätzlichen Aufgaben der Bewältigung der Flüchtlingsströme wird das schwieriger.
Es stimmt, die Haushaltskonsolidierung wird dadurch auf Eis gelegt, aber wir haben kurzfristig einen positiven Konjunktureffekt. Denn die Gelder, die zur Konsolidierung des Bundeshaushalts genutzt worden wären, fließen jetzt in die Realwirtschaft. Historisch gesehen fällt die derzeitige Flüchtlingsbewegung bisher nicht aus dem Rahmen. Wir hatten in Deutschland in den 60er Jahren eine sehr starke Zuwanderung, und wir hatten nach der Wiedervereinigung über zwei Millionen Russlanddeutsche, die zugezogen sind.
Was könnte die EZB bewegen, die Zinsen schneller anzuheben?
Dafür müssten zwei Dinge passieren. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone müsste spürbar anziehen. Wir erwarten für 2016 ein Wachstum von 1,3 Prozent, notwendig wären deutlich über zwei Prozent. Gleichzeitig müsste die Inflation 2016 nicht wie erwartet bei 1,2 Prozent liegen, sondern müsste deutlich näher am Inflationsziel von 2 Prozent sein.
Welchen Einfluss hat die erwartete Zinswende in den USA?
Die bevorstehende Zinswende in den USA ist das Wunschszenario der EZB. Dann wären Anlagen in US-Dollar deutlich attraktiver, was den Euro im Verhältnis zum Dollar schwächen würde. Ein schwacher Euro würde die Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern und Importe verbilligen, dadurch würden wir Inflation importieren.
Durch die niedrigen Zinsen bleibt der Einlagenzins unterhalb der Inflationsrate. Dadurch wird Vermögenssubstanz vernichtet. Lässt sich das beziffern?
Ja. In den vergangenen sechs Jahren sind 80 Milliarden Euro an Kaufkraft in Deutschland vernichtet worden.
Ist da die betriebliche Altersvorsorge mit ­erfasst?
Nein. Die betriebliche Altersvorsorge ist in diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt. Das ist das Problem, zumal wir davon ausgehen, dass sich die Dramatik in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen wird. Wir rechnen in Deutschland mit einer stärker steigenden Inflationsrate als in den restlichen Euro-Staaten. Hier dürfte 2016 die Inflationsrate bei fast 2 Prozent liegen. Die Vermögenseffekte werden sich noch beschleunigen.
Es wird also noch deutlich mehr Vermögen vernichtet?
Genau. Nach unseren Berechnungen werden in den kommenden vier Jahren 100 Milliarden Euro in Deutschland an Kaufkraft fehlen. Die Privathaushalte können sich also für 100 Milliarden Euro weniger Dinge leisten.
Lässt sich etwas dagegen tun?
Die eher unangenehme Wahrheit: Wer nicht bereit ist, Risiken bei der Geldanlage einzugehen, kann sich dieser schleichenden Enteignung nicht entziehen. Die Vermögenssubstanz ist nur mit moderaten Risiken zu erhalten. Wir empfehlen das Vermögen aufzuteilen in Zinspapiere, Aktien, Immobilien, in einen kleinen Teil Rohstoffe und Liquidität. Die Größe der Kuchenstücke entscheidet sich je nach Risikobereitschaft.
Aktien machen Mühe und bergen die Gefahr falschzuliegen. Lohnt der Aufwand wirklich?
Definitiv. Wichtig ist, Aktien mindestens drei bis fünf Jahre zu halten. Der günstigste Zeitpunkt, in Aktien zu investieren, ist übrigens nach Turbulenzen, wie wir sie jetzt gesehen haben, wenn sehr viel Pessimismus rund um die Aktienanlage verbreitet ist. Das sind historisch betrachtet die besten Einstiegsgelegenheiten.
Wie sieht’s mit Gold aus?
Gold ist kein Allheilmittel für die Geldanlage. Gold ist genauso riskant wie Aktien oder Zinspapiere. Trotzdem kann es sinnvoll sein, fünf Prozent des Gesamtvermögens in Gold zu investieren. Das ist wie die Brandschutzversicherung fürs Depot. Wenn es tatsächlich mal an den Märkten hoch hergehen sollte, wird Gold Stabilität ins Depot bringen. Aber ganz wichtig: Mehr als fünf Prozent sollten es nicht sein.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: