Seit Juli 2014 ist Raiko Grieb ehrenamtlicher Bezirksvorsteher des Stuttgarter Südens – und damit auch von Kaltental. Foto: Julia Bosch

Wenn Raiko Grieb von der Möglichkeit spricht, dass Kaltental Sanierungsgebiet wird, leuchten die Augen des Bezirksvorstehers. Doch das ist nicht das einzige Thema, das ihn beschäftigt hat. Im Interview spricht er über die unbefriedigende Nahversorgung, die Höhenunterschiede in Kaltental und die Zukunft der Grundschule.

Kaltental - Seit Juli 2014 ist Raiko Grieb Bezirksvorsteher des Stuttgarter Südens und damit auch von Kaltental. Wenn er von der Möglichkeit spricht, dass Kaltental Sanierungsgebiet wird, leuchten die Augen des 38-Jährigen. Doch das ist nicht das einzige Thema, das den sozialdemokratischen Politiker beschäftigt hat.

Herr Grieb, Kaltental hat die Chance in das Sanierungsprogramm von Bund und Land aufgenommen zu werden. Falls das klappt und Kaltental Fördermittel erhält: Was wäre Ihre Idealvorstellung des Stadtteils?
Mir ist es ein Anliegen, dass Lösungen gefunden werden, wie in Kaltental die Höhenunterschiede überwunden werden. Sie stellen nicht nur für ältere Menschen eine Herausforderung dar. Um die Topografie zu überwinden, gibt es verschiedene Möglichkeiten – wie beispielsweise ein Bus, der von den Stadtbahnhaltestellen die Menschen in Kaltental weiter transportiert. Oder man errichtet E-Bike-Stationen, an denen sich die Kaltentaler Fahrräder ausleihen können. Man könnte auch zusätzliche Brücken bauen, die die beiden Hügel verbinden. Und immer wieder kommt auch die Idee einer Seilbahn auf. Sicherlich gibt es noch weitere Ideen, die man nun im Rahmen der gerade laufenden vorbereitenden Untersuchung prüfen kann.
Anfang Dezember fand die Auftaktveranstaltung statt, bei der die Kaltentaler über das Sanierungsprogramm informiert wurden und erste Ideen einbringen konnten. Wie lief der Auftakt?
Ganz ehrlich, ich hätte nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen zu der Veranstaltung kommen. Das hat mich sehr gefreut. Gefreut hat mich auch, dass trotz der verschiedenen Vorstellungen der Kaltentaler respektvoll miteinander umgegangen wurde. Jede Meinung wurde gehört, ganz gleich, ob sie der eigenen entsprach.
Wie geht es nun weiter?
Noch ist Kaltental kein Sanierungsgebiet – auch wenn die Chancen dafür gut stehen. Von Januar an werden spezifische Fragebogen an die Bürgerinnen und Bürger im abgesteckten Gebiet der vorbereitenden Untersuchung verschickt. Im Mai gibt es dann nochmals eine öffentliche Veranstaltung, bei der alle Kaltentalerinnen und Kaltentaler nach Ihren Wünschen gefragt werden, und im September 2017 werden die Ergebnisse der vorbereitenden Untersuchungen im Umwelt- und Technikausschuss des Gemeinderats sowie im Bezirksbeirat Süd vorgestellt. Im Oktober reichen wir beim Land den Antrag auf Aufnahme Kaltentals in das Sanierungsprogramm ein. Im Frühjahr 2018 erhalten wir dann die Entscheidung. Falls alles gut klappt, könnte im Jahr 2018 der Startschuss für die Sanierung Kaltentals erfolgen.
Viele Kaltentaler wünschen sich eine bessere Nahversorgung, doch es scheint zunehmend bergab zu gehen. Die Filiale der BW-Bank soll zu einem „Servicecenter“ werden, ohne die Möglichkeit eines persönlichen Beratungsgesprächs. Kurze Zeit vorher hat die Metzgerei Fais geschlossen . . .
Das stimmt, die Situation der Nahversorgung ist angespannt. Das ist eines der großen Themen in Kaltental. Die Schließung des Schalters der BW-Bank ist mehr als schade. Ich hatte das Gefühl, dass die alte BW-Bank vor Ort auch eine soziale Institution war. Der Leiter der Filiale, Dieter Hofmann, wusste immer genau, wie die Stimmung im Stadtteil gerade ist. Und dass weitere Einzelhändler ihre Läden aufgeben, ist sehr bitter.
Man hat den Eindruck, dass der Einzelhandel zwar überall kämpft, aber es in Kaltental besonders schwer hat. Woran liegt das?
Zu einem großen Teil an den geografischen Gegebenheiten vor Ort. Wenn beispielsweise ein Einzelhändler auf dem katholischen Hügel ein Geschäft eröffnet, müssen die Menschen vom evangelischen Hügel erst einmal ins Tal zur Böblinger Straße absteigen, diese überqueren und dann wieder den Berg hinauf laufen – und andersherum genauso. Für ältere Menschen oder Mütter und Väter, die mit Kinderwagen und einem Kleinkind unterwegs sind und dann auch noch Einkäufe transportieren müssen, ist das kaum möglich. Als Folge brauchen viele Kaltentaler auch dafür ein Auto– und damit fahren die meisten lieber nach Vaihingen oder nach Heslach, wo sie alle Einkäufe auf einmal erledigen können. Für den Einzelhandel vor Ort ist das natürlich eine schwierige Situation.
b>„Kaltental ist gefragt!“
Obwohl die Nahversorgung alles andere als ideal ist, ziehen immer mehr junge Familien in den Stadtteil. Was macht Kaltental so attraktiv?
Kaltental ist Teil der Großstadt Stuttgart und mit der Stadtbahn ist man in wenigen Minuten im Zentrum. Gleichzeitig hat Kaltental eher einen dörflichen oder vorortähnlichen Charakter. Viele Menschen schätzen das viele Grün und dass hier weniger Verkehr als im Zentrum herrscht. Ein weiterer Pluspunkt sind die niedrigeren Mieten und Eigentumspreise im Vergleich zu den anderen Stadtteilen in den Innenstadtbezirken. Das wird sich in den nächsten Jahren aber wohl ändern – auch wegen der Ansiedelung der Allianz in Vaihingen. Kaltental entwickelt sich zu einem teuren Pflaster – so wie leider ganz Stuttgart.
Was bedeutet dieser wachsende Zuzug von jungen Familien für Kaltental?
Für den Stadtteil ist es zunächst ein Segen. Kaltental ist gefragt! Gleichzeitig kann die Nachfrage an Kitaplätzen kaum mehr befriedigt werden, einige Eltern müssen ihre Kinder bereits in Kindertagesstätten in Vaihingen oder Heslach bringen. Auch die Grundschule platzt mit 193 Schülern aus allen Nähten. Die Schule benötigt dringend mehr Platz. Der Plan ist, dass im Schuljahr 2017/2018 Container auf das Schulgelände gestellt werden, in denen Klassen unterrichtet werden können.
Wie steht es um die Pläne, die Grundschule zur Ganztagsschule zu machen?
Die Rektorin Jutta Heisig will im Oktober 2017 einen entsprechenden Antrag stellen, sodass im Schuljahr 2018/2019 die Ganztagsschule auf jeden Fall für die Eingangsklassen in Betrieb gehen kann. Genauere Infos wird es für Kindergarten- und Schuleltern bei einer Infoveranstaltung der Schule im Februar 2017 geben.
Insgesamt betrachtet: War 2016 ein gutes Jahr für Kaltental?
Die Chance, in das Sanierungsprogramm aufgenommen zu werden, ist mit das Beste, was Kaltental und seiner weiteren Entwicklung passieren konnte. Außerdem brummt die Grundschule, deren Zukunft ist mehr als gesichert. Kaltental ist ein attraktiver Wohnort und erfährt einen großen Zuzug, das ist toll. Die problematische Nahversorgung liegt in der anderen Waagschale.
Was wünschen Sie sich für das Jahr 2017?
Ich wünsche mir, dass so viele Leute wie möglich ihre Ideen für Kaltental einbringen und sich bei den Befragungen für das Sanierungsprogramm beteiligen. Nur dann können die richtigen Schwerpunkte für die weitere Entwicklung erkannt werden. Außerdem hoffe ich, dass durch die Bürgerbeteiligung eine noch engere Gemeinschaft innerhalb Kaltentals entsteht – auch über die beiden Hügel hinweg.

Zur Person: Raiko Grieb wurde im Jahr 1978 in Sindelfingen geboren und ist dort auch aufgewachsen. Er besuchte das Stiftsgymnasium und absolvierte seinen Zivildienst an der Schule für geistig Behinderte in Sindelfingen. Anschließend studierte er Politikwissenschaft an den Universitäten in Bamberg und dem belgischen Louvain-La-Neuve. Nach seinem Studienabschluss als Diplom-Politologe im Jahr 2006 war Grieb als parlamentarischer Berater für Wirtschaftspolitik bei der SPD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg tätig. Seit 2011 übte er verschiedene Tätigkeiten im Ministerium für Finanzen und Wirtschaft, beziehungsweise seit der Landtagswahl im März 2016 im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau aus. Derzeit arbeitet Grieb als stellvertretender Referatsleiter im Bereich Fachkräftesicherung. Seit 2009 lebt er mit seiner Frau und einem eineinhalbjährigen Sohn in Stuttgart-Süd. Im Juli 2014 wurde Raiko Grieb im Gemeinderat zum ehrenamtlichen Bezirksbeirat für den Südenund damit auch für Kaltental gewählt; im September trat er das Amt an. Davor saß er für die SPD, bei der er seit 1998 Mitglied ist, im Bezirksbeirat.

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