Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, macht sich keine Sorgen um den etwas stärkeren Euro. Foto: Stoppel

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, übt scharfe Kritik an der Europäischen Zentralbank und der Dominanz der Südländer – und fordert einen Deutschen als Draghi-Nachfolger.

Frankfurt/Main - Der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik wird quälend langsam verlaufen, befürchtet der Volkswirt Jörg Krämer. Er rechne erst für Herbst 2019 mit einer vorsichtigen Zinserhöhung.

Herr Krämer, die deutsche Konjunktur läuft gut, die Preise steigen. Ist nun der Zeitpunkt für eine geldpolitische Wende der Europäischen Zentralbank gekommen?
Nicht nur die deutsche Wirtschaft brummt, auch die anderen Länder im Euroraum wachsen ordentlich. Außerdem haben sich die Deflationsängste der EZB nicht bewahrheitet. Es ist also höchste Zeit, die extrem lockere Geldpolitik zu beenden. Aber leider wird der EZB-Rat von Vertretern der hoch verschuldeten Südländer dominiert, deren Finanzminister kein Interesse an höheren Zinsen haben. Ich rechne deshalb erst für Herbst 2019 mit einer vorsichtigen Zinserhöhung, und zwar von -0,4 auf -0,3 Prozent beim EZB-Einlagensatz. Der Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik wird quälend langsam verlaufen.
Bundesbankpräsident Jens Weidmann mahnt zu einem raschen Ende der Staatsanleihenkäufe. Allein dadurch ist der Eurokurs schon gestiegen. Würde dies die deutsche Konjunktur dämpfen?
Natürlich verteuert der stärkere Euro die in Deutschland hergestellten Güter aus Sicht amerikanischer Kunden ein wenig. Aber die Aufwertung des Euro hat viel mit der wirtschaftlichen Erholung des Euroraums zu tun, von der die deutsche Wirtschaft aber profitiert. Alles in allem dürfte die Wirtschaft hierzulande in diesem Jahr um stolze 2,5 Prozent zulegen. Wir brauchen uns keine Sorge um den etwas stärkeren Euro zu machen.
Welche Nebenwirkungen der anhaltend laxen Geldpolitik sind schon zu spüren?
Diese Geldpolitik hat starke Nebenwirkungen. Erstens nimmt sie Druck von hoch verschuldeten Ländern wie Italien, endlich überfällige Reformen anzugehen und ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Zweitens treiben die Negativzinsen die Vermögenspreise. So könnte sich der starke Anstieg der Häuserpreise in Deutschland zu einer Blase auswachsen, deren Platzen die deutsche Wirtschaft schwer treffen würde. Drittens senken die niedrigen Zinsen die Anreize zum Sparen und Investieren, die aber Grundlagen des Wohlstandes sind.
Es wird schon über die Nachfolge von EZB-Präsident Mario Draghi spekuliert, obwohl seine Amtszeit erst 2019 endet. Wer ist Ihr Favorit?
Jetzt sollte mal ein Deutscher an der Reihe sein. Die Bundesbank hält den größten Anteil am EZB-Kapital und haftet entsprechend für mögliche Verluste etwa aus dem Anleihenkaufprogramm. Zudem ist Deutschland die größte Volkswirtschaft im Euroraum. Dazu passt der geringe Einfluss der Bundesbank nicht, deren Präsident wie der Vertreter von Malta nur eine Stimme im EZB-Rat hat und manchmal wegen des Rotationsprinzips sogar überhaupt nicht abstimmen darf. Darüber hinaus hat Deutschland anders als die Niederlande, Frankreich und Italien noch nie einen EZB-Präsidenten gestellt.

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