Er ist Anwalt – und trotzdem ein Freund klarer Worte: Sportrechtler Michael Lehner kritisiert das IOC und dessen Präsidenten Thomas Bach. Foto: dpa

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich dagegen ausgesprochen, russische Athleten und Funktionäre komplett von den Sommerspielen in Rio de Janeiro auszuschließen – was der renommierte Sportrechtler Michael Lehner überhaupt nicht verstehen kann, wie er im Interview ausführt.

Heidelberg – Herr Lehner, sind Sie enttäuscht über die Entscheidung des IOC, das russische Team nicht komplett von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro auszuschließen?
Ja.
Warum?
Weil ein Staat, der nachgewiesenermaßen ein staatliches Dopingsystem wie zu DDR-Zeiten installiert hat und betreibt, bei Olympischen Spielen nichts verloren hat – auch wenn dies hart für die sauberen russischen Athleten ist, die es sicher auch geben mag.
Stellen sich einem Anwalt nicht die Nackenhaare auf, wenn er für eine Kollektivstrafe plädiert?
Aus meiner Sicht hätte ein kompletter Ausschluss nichts zu tun mit einem Generalverdacht oder einer Kollektivstrafe.
Sondern?
Das Nationale Olympische Komitee Russlands wäre dafür bestraft worden, dass in Russland Staatsdoping betrieben und damit massiv gegen die Regeln der olympischen Charta verstoßen wird. Sollte es Athleten geben, die nicht Teil des Systems waren, wäre es ihr Pech, einem Verband anzugehören, der bestraft werden muss. Das ist ähnlich wie bei einem Wirtschaftsembargo gegen ein Land – davon betroffen sind immer auch unschuldige Bürger.
Wie bewerten Sie das Vorgehen des IOC, die Entscheidung über die Zulassung russischer Athleten an die Fachverbände zu delegieren?
Das IOC drückt sich um seine Verantwortung, es führt die olympischen Werte ad absurdum. Statt Flagge zu zeigen im Kampf gegen Doping, wird herumlaviert, gezaudert und gezögert. Allen voran von IOC-Präsident Thomas Bach. Das ist leider typisch für ihn. Wie er hier agiert hat, ist peinlich.
Was werfen Sie ihm vor?
Feigheit vor dem Feind – aus Angst, individuelle Macht zu verlieren. Und natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen. Dieser krampfhafte Versuch, die eigene Macht zu sichern, ist unsäglich. Das Internationale Olympische Komitee unter Thomas Bach unterscheidet sich insoweit nicht vom Fußball-Weltverband unter Sepp Blatter.
Nach dem McLaren-Report über den perfiden Dopingbetrug in Russland . . .
. . . hat Thomas Bach ‚härteste Sanktionen’ angekündigt. Und was ist drei Tage später übrig geblieben? Nichts! Was in Russland passiert, ist brutal – ich habe keine Zweifel an der Belastbarkeit des Berichts von McLaren. Und trotzdem ist das IOC in ganz schlimmer Art und Weise eingeknickt. Das war ein Kniefall vor Russland.
Welche Rolle hat dabei die Männer-Freundschaft von Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin gespielt?
Das weiß ich nicht, aber ihr Verhältnis war sicher nicht ohne Bedeutung. Offenbar ist Russland für das IOC viel zu wichtig, um es anzugreifen.
Thomas Bach hat davon gesprochen, dass auch für alle russischen Athleten die Unschuldsvermutung gelten müsse.
Das ist doch nur noch lächerlich. Einerseits hebt Thomas Bach stets seine Null-Toleranz-Politik im Kampf gegen Doping hervor. Zudem ist er ein strikter Vertreter des Prinzips der ‚Strict Liability’, nach der jeder Sportler für die Stoffe verantwortlich ist, die in seinem Körper gefunden werden – also der Beweislastumkehr. Und jetzt soll plötzlich die Unschuldsvermutung gelten? Das alles ist nicht mehr logisch und so widersprüchlich, dass es Thomas Bach einmal mehr als großen Taktierer entlarvt. Es zeigt seine Falschheit. Insgesamt ist das IOC ohne klare Linie, das alles hat mit einem intelligenten Vorgehen nichts mehr zu tun.
Dabei lag sogar die rechtliche Grundlage für einen kompletten Ausschluss vor.
Stimmt. Thomas Bach hat ja extra auf das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs gewartet. Nachdem das Cas den Rio-Bann der russischen Leichtathleten bestätigt hatte, wusste er die obersten Sportrichter, die Welt-Anti-Doping-Agentur und die großen Nationalen Anti-Doping-Agenturen hinter sich. Er hatte die juristische Keule schon in der Hand, und trotzdem blieb der große Schlag im Kampf gegen Doping aus.
Stattdessen haben nun die Fachverbände den Schwarzen Peter.
In der Tat. Die mächtige Organisation, die über allem thront, gibt die Entscheidung an ihre Unterorganisationen weiter – obwohl sie genau weiß, wie fragwürdig deren Führungspersonal teilweise ist, und wie wenig Zeit bis zur Eröffnung der Sommerspiele bleibt, um Einzelfälle tatsächlich zu prüfen. Das lässt für mich nur einen Schluss zu.
Welchen?
Dem IOC ist bewusst, dass bei weitem nicht alle Fachverbände die Russen so hart angreifen werden wie die Leichtathleten, bei denen Präsident Sebastian Coe seinen Kopf retten musste. Die Entscheidung, alles den Fachverbänden zu überlassen, hat ein klares Ziel: Dass doch noch möglichst viele russische Athleten in Rio starten.
Eine Ausnahme gibt es.
Julia Stepanowa.
Richtig. Der Dopingkronzeugin wird der Start in Rio untersagt.
Und das ist ein Skandal. Wenn ich im Kampf gegen Doping Whistleblower so dringend benötige wie das IOC, darf ich sie nicht so herabwürdigend behandeln und abstrafen. Julia Stepanowa an den Sommerspielen teilnehmen zu lassen, wäre ein unheimlich starkes Zeichen an alle potenziellen Kronzeugen gewesen. So wurde völlig ohne Not deren Rolle im Weltsport beschädigt. Warum das getan wurde, ist mir völlig unverständlich.
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