Tim Kelley sagt, ihm sei der Kontakt zu anderen Schulen im Bezirk wichtig. Foto: Tilman Baur

Wer an die Internationale Schule in Stuttgart-Degerloch denkt, landet schnell bei reichen Familien. Doch ist das auch so? Der Schulleiter Tim Kelley erklärt, wofür das Schulgeld verwendet wird – und was an der ISS anders läuft als an anderen Schulen.

Degerloch - Seit 20 Jahren gehört die Internationale Schule zum Stadtbezirk Degerloch. Dass es sich bei der Privatschule um eine Einrichtung für Reiche handelt, will der Leiter Tim Kelley nicht so stehen lassen. Warum und was er in Zukunft vorhat, erzählt er im Interview.

Die Internationale Schule gehört heute selbstverständlich zu Degerloch – aber wie kam es damals überhaupt dazu, dass die Schule in den Stadtbezirk zog?

Eigentlich gab es die Schule ja zuerst in Sindelfingen als Ergebnis einer Kooperation von IBM und Hewlett-Packard. Dann zogen wir nach Möhringen, und schließlich vor 20 Jahren nach Degerloch. Zum einen hatte die Stadt damals hier Platz für uns. Zum anderen schwebte den Behörden in Degerloch die Vision dieser „kleinen Ecke“ mit all den benachbarten Schulen vor.

Sehen Sie sich heute als Teil Degerlochs und Stuttgarts?

Ich bin ja ein Amerikaner, der nicht an Mauern glaubt. Wir sind die International School of Stuttgart, verstehen uns als Teil der kommunalen Gemeinschaft. Wir haben einen engen Bezug zu den Industrieunternehmen vor Ort mit ihren vielen internationalen Mitarbeitern. Im Grunde sind wir eine öffentliche Schule für internationale, weltweit mobile Familien, die nach Stuttgart kommen. Wir sind keine Oase, sondern tun alles dafür, die Familien hier zu integrieren. Wir machen zum Beispiel viel mit den anderen Schulen, die Schüler stellen Bilder im Bezirksrathaus aus und wir veranstalten Sporttage mit der Albschule.

Beruht diese Wertschätzung denn auf Gegenseitigkeit?

Ja, das Gefühl habe ich. Letztlich wissen die Menschen zu schätzen, welchen Beitrag wir für den Standort Stuttgart, die Region und das Land leisten. Dabei haben wir auch eine gewisse Vorreiterrolle. Oft kommen Vertreter von staatlichen Schulen vorbei, um sich anzuschauen, wie wir unterrichten.

ISS, das sind die gleichen Initialen wie die der Internationalen Raumstation. Ist nicht auch die Stuttgarter ISS etwas abgehoben, vielleicht sogar elitär?

Das Etikett ist zu simpel. Elitäre Privatschulen selektieren meistens streng. Wir nehmen jeden Schüler auf, dem wir weiterhelfen können. Oft zahlen die Unternehmen ja die Schulgebühren. Eigentlich sind wir das Gegenteil von elitär. Viele denken das trotzdem, weil sie wissen, dass die ISS Geld kostet. Dabei zahlt man hier 30 Prozent weniger als an allen anderen internationalen Schulen in Deutschland, und auch weniger als an jenen im Ausland. Und 80 Prozent unserer Schüler stammen aus Familien der Mittelschicht und sind keineswegs besonders privilegiert. Wir bieten den Familien also ein gutes schwäbisches Geschäft an: exzellente Leistung für wenig Geld – das geht in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht etwas unter

Das Schuldgeld liegt zwischen 10 000 und 17 000 Euro pro Schuljahr, das erscheint auf den ersten Blick trotzdem üppig. Wo investieren Sie es eigentlich?

Man muss zunächst einmal wissen, dass wir im Gegensatz zu den staatlichen Schulen sehr wenig Geld bekommen für Infrastruktur, Einrichtung und so weiter. Das vergisst man leicht. Wir investieren vor allem in die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Fachliche Fähigkeiten sind wichtig, aber genauso wichtig ist, dass die Lehrer die Schüler auf Augenhöhe fördern und coachen. Deshalb investieren wir stark in die pädagogische Weiterbildung der Lehrer. Gleichzeitig setzen wir auf digitale Bildung, nicht weil es in Mode ist, sondern weil es dem Anspruch an ein Leben als globaler Bürger entspricht.

Die Eltern nehmen viel Geld in die Hand. Da haben diese doch sicher konkrete Erwartungen daran, was die Schule den Kindern bieten muss, oder?

Ja, das haben sie natürlich. Ich sage den Eltern immer: Ihr gebt uns Geld, wir geben euch unsere Professionalität. Wir sind in engem Kontakt mit den Eltern, sie wissen sehr genau, was wir tun. Wir sehen uns außerdem als Brücke für die Eltern in die Gesellschaft: nach Degerloch, nach Stuttgart. Wir nehmen Familien mit in den Supermarkt und erklären ihnen, wo das Waschmittel steht, oder vermitteln japanischen Eltern Deutschkurse.

Lassen Sie uns 20 Jahre in die Zukunft blicken: Wo sehen Sie noch Potenzial für Ihre Schule?

Wir besprechen derzeit intensiv, was in den nächsten Jahren besonders wichtig sein wird. Dabei geht es viel darum, das Gleichgewicht im Leben zu halten, sei es im Umgang mit der digitalen Welt oder mit der eigenen Ernährung. Die Welt verändert sich schnell, und die Kinder müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu kennen. Schulen müssen flexibler werden. Wir können den Kindern nicht beibringen, was sie zu denken haben, sondern wie sie äußere Einflüsse verarbeiten und Dinge aktiv selbst gestalten.

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