Die Pflege soll durch Gründung einer Landespflegekammer eine Lobby bekommen. Nun müssen sich die Pflegekräfte registrieren. Foto: dpa// Pleul

Im Klinikum Schloss Winnenden wird die Gründung einer Interessenvertretung für die Pflege befürwortet und vorangetrieben. Kammerbotschafterin Cornelia Cantiani leistet Überzeugungsarbeit und bekommt dabei Rückenwind – zumindest im eigenen Haus.

Ronny Brosende ist gelernter Altenpfleger. Und auch wenn er nach Abschluss der Ausbildung in Trägerverbänden tätig war, ist ihm die Pflege immer noch nahe – so nahe, dass er sich jetzt als Geschäftsführer des Gründungsausschusses Pflegekammer Baden-Württemberg genau an der richtigen Stelle sieht. „Ich habe immer gespürt, dass die Pflege als Interessenvertretung in allen Gremien fehlt. Da hat man als gelernter Altenpfleger gleich ein Störgefühl, wenn die größte Berufsgruppe nicht vertreten ist. Deshalb habe ich bei der Stelle als Geschäftsführer für die Gründung einer Pflegekammer sofort gewusst, dass das genau zu mir passt, und wir das mit der Pflegekammer hinkriegen müssen“, sagt Ronny Brosende.

 

Der Gesetzesentwurf bekam überwiegend Zustimmung

Der baden-württembergische Landtag hat in seiner Sitzung Ende Mai in zweiter Lesung das Landespflegekammergesetz verabschiedet. Mit der geplanten Gründung einer berufsständischen Vertretung aller Pflegefachkräfte im Land sollen diese mehr Selbstverantwortung bekommen. Nach der Verbändeanhörung und Veröffentlichung auf dem Beteiligungsportal im Dezember 2022 und Januar 2023, wo der Gesetzentwurf überwiegend Zustimmung fand, kommt der Gesetzgebungsprozess nun zu seinem Ende.

Pflegekammerbotschafterin Cornelia Cantiani engagiert sich

Dass es nun vorangehen soll, freut im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Winnenden nicht nur Ronny Brosende, sondern auch den dortigen Pflegedirektor Klaus Kaiser sowie die Pflegekammerbotschafterin im Klinikum Schloss Winnenden, Cornelia Cantiani. Sie ist Pflegeexpertin und Leiterin des betrieblichen Pflege-Ausbildungswesens im ZfP. Im Gespräch machten die drei Fachleute mehr als deutlich, dass es höchste Zeit für die Errichtung einer Pflegekammer sei und dass sie dafür alle Hebel in Bewegung setzen wollen – und wohl auch müssen, denn nach wie vor sind nicht alle betroffenen Berufsgruppen und Verantwortlichen überzeugt von der geplanten Gründung. „Wir sind jetzt gerade in der Errichtungsphase, in der es auch darum geht, dass sich alle Menschen, die in der Pflege arbeiten, registrieren, damit ein Überblick möglich wird“, erklärt der Pflegedirektor im Klinikum Schloss Winnenden, Klaus Kaiser, und betont, dass heutige Pflegekräfte selbstbestimmt in einem anerkannten Beruf arbeiten wollen, der auch Aufstiegschancen und die Möglichkeit eines Studiums bietet. Und Cornelia Cantiani ergänzt, dass langfristig die Pflegekammer Aufgaben zur Fort- und Weiterbildung übernehmen solle. „Stand jetzt muss sich jemand 20 Jahre lang nicht fortbilden, aber wer will von so jemandem gepflegt werden? Da müssen Möglichkeiten und Anreize geschaffen werden.“

Die Pflege muss in ein anderes Licht gerückt werden

Es sei dringend nötig, dass die Pflege in ein anderes Licht gerückt werde, betonte die ZfP-Botschafterin für die Landespflegekammer, Cornelia Cantiani. „In Italien gibt es so eine Vertretung schon. Da berichten die Pflegenden hocherhobenen Hauptes von ihrem Beruf.“ Wer hier erzähle, dass er in der Pflege arbeite, müsse ein respektvolles Nicken und nicht ein mitfühlendes Kopfschütteln erleben, waren sich die Pflegekammer-Verantwortlichen im Klinikum Winnenden einig.

Berufskammern sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, die die Interessen der Gesellschaft beziehungsweise der Bevölkerung zu deren Wohl stellvertretend für den Staat wahrnehmen. Die Berufsangehörigen wiederum verpflichten sich, ihre Aufgaben gewissenhaft und verantwortungsvoll zu erfüllen. Die Pflegekammer hat die Aufgabe, die beruflichen Belange der Pflegenden zu fördern und unter Beachtung der Interessen der Bevölkerung zu überwachen. „Verkammerte Berufe werden in der Öffentlichkeit und in der Politik stärker wahrgenommen. Dies erhöht die Wertschätzung des Berufs und macht pflegerische Expertise in der Politikberatung und Gesetzgebung verfügbar.“

Doch dafür müssen Hürden genommen und Aufklärungsarbeit geleistet werden. „Viele Pflegende haben nach einem anstrengenden Tag keine Lust, sich mit Pflegepolitik auseinander zu setzten“, sagt Cornelia Cantiani und fügt an, dass die Pflichtmitgliedschaft für Pflegekräfte mit dreijähriger Ausbildung gelte und es auch einen Mitgliedsbeitrag geben werde. „Die Pflege ist zersplittert, hat ein schlechtes Image, und die Ausbildungszahlen sind erstmals rückläufig. Das muss sich dringend ändern“, sagt der Pflegedirektor am Zentrum für Psychiatrie Winnenden, Klaus Kaiser.

Pflegekammer Baden-Württemberg

Ansehen erhöhen
 Ziel der Pflegekammer ist es, die Attraktivität des Berufsstands zu erhöhen. Der Pflegekammer sollen schrittweise Aufgaben übertragen werden. Perspektivisch soll die Pflegekammer Aufgaben zur Weiterbildung und Fortbildung übernehmen. Ziel ist, Pflegekräften dadurch eine starke berufliche Selbstbestimmung zu geben.

Weg zur Gründung
 Um der Landespflegekammer von Beginn an eine starke Grundlage zu geben, sieht der Gesetzentwurf vor, dass die Wahl zur ersten Vertreterversammlung nur stattfinden darf, wenn mindestens 60 Prozent der zukünftigen Pflichtmitglieder registriert wurden. Mit dem erstmaligen Zusammentreten der Vertreterversammlung wird die Kammer gegründet. Dies soll Ende 2024 der Fall sein.