Auf den Intensivstationen steigt die Zahl der an Covid Erkrankten. Foto: dpa/Robert Michael

Auf den Intensivstationen in Stadt und Region fällt die Herkunft vieler Erkrankter auf. Daran hat sich durch die Impfkampagne nichts geändert. Das Thema ist heikel – doch es gibt Erklärungen.

Stuttgart - Die Coronazahlen steigen. In Stuttgart, aber auch in der Region füllen sich die Krankenhäuser. Dabei fällt ein Phänomen auf, das schon vor Beginn der Impfangebote beobachtet worden ist und sich auch durch die Möglichkeit zum schützenden Pieks nicht verändert hat: Gerade auf den Intensivstationen liegen auffällig viele Patienten, die einen Migrationshintergrund haben.

 

„Im Klinikum Stuttgart wird ein überproportionaler Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund auf den Covid-Intensivstationen und den Covid-Normalstationen versorgt“, sagt der Vorstandsvorsitzende Jan Steffen Jürgensen. Das gelte unabhängig von der Reisesaison. Im Robert-Bosch-Krankenhaus ist die Lage ähnlich: „Von zehn Covid-Intensivpatienten derzeit haben sieben einen Migrationshintergrund“, sagt der Medizinische Geschäftsführer Mark Dominik Alscher. Ähnliches ist auch von Kliniken in der Region zu hören.

Dafür gibt es Erklärungen. Und die zielen weniger auf die Nationalität ab als auf die Lebens- und Wohnumstände. Weltweit sei es so, dass Menschen aus sozial schwierigeren Verhältnissen stärker betroffen seien, sagt Jürgensen: „Aus meiner Sicht sind Bildungsgrad und wirtschaftliche Situation wichtiger als die Herkunft – beides korreliert aber oft.“ Menschen mit Migrationshintergrund leben oft auf engerem Raum und arbeiten in Berufen mit höherem Ansteckungsrisiko.

Auch kulturelle Unterschiede könnten eine Rolle spielen

Dazu kommen aber weitere Faktoren. Nach Beobachtung der Beteiligten könnten auch kulturelle Unterschiede, Sprachbarrieren und Heimatbesuche eine Rolle spielen. Speziell in den Balkanländern sind die Impfquoten niedrig und „die Inzidenzen explodieren“, heißt es beim Klinikverbund Südwest in Sindelfingen.

Das Thema ist während der Pandemie bundesweit schon mehrfach aufgekommen – und jedes Mal kontrovers diskutiert worden. Das liegt zum einen daran, dass bei solchen Beobachtungen schnell Rassismusvorwürfe im Spiel sind. Zum anderen aber auch daran, dass es gar keine offizielle Grundlage gibt, auf der eine Diskussion entstehen kann. Denn die Nationalität oder die Herkunft werden bei den Patienten in den Kliniken statistisch nicht erfasst.

Das hat sich auch mit der Impfkampagne nicht geändert. Während das Landesgesundheitsamt regelmäßig Infizierte nach Berufsgruppen oder Alter auswertet, gibt es zum kulturellen Hintergrund der Patienten nichts. „Das Landesgesundheitsamt hat keine Informationen über die Herkunft von Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen, da die Nationalität und Herkunft nach dem Infektionsschutzgesetz nicht meldepflichtig ist“, sagt eine Sprecherin des zuständigen Regierungspräsidiums Stuttgart. Und auch bei der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft heißt es: „Die Krankenhäuser erfassen die Herkunft der Covid-19-Patientinnen und Patienten in den Intensivstationen nicht. Daher gibt es unseres Wissens keine belastbaren statistischen Zahlen dazu.“

Mobile Impfangebote sind wichtig

Es bleibt also bei Beobachtungen in den einzelnen Kliniken. Was manchen verwundert. „Bei der Bekämpfung der Pandemie spielt es doch eine entscheidende Rolle, dass man weiß, wo es Impflücken gibt und wo mehr Anstrengungen notwendig sind“, sagt ein Mediziner. Insofern sei es unverständlich, dass man gerade die Herkunft der Patienten nicht offiziell erfasse.

Reagiert wird aber in einem gewissen Umfang trotzdem. Die Stadt Stuttgart schickt seit Monaten Impfteams speziell in Stadtviertel, die als weniger schick gelten und einen höheren Migrantenanteil haben als andere. „Das Phänomen ist ja bekannt: Auf dem Killesberg oder in Sillenbuch sind die Impfquoten hoch, während das anderenorts nicht immer gilt“, sagt Alscher. Deshalb seien niederschwellige Angebote wichtig: „Die Leute müssen einen einfachen Zugang haben.“ In der Hoffnung, dass sich die Intensivstationen dann weniger füllen.