Unter den von Covid-19 betroffenen Intensivpatienten sind viele Menschen mit Migrationshintergrund. Foto: dpa/Antonio Calanni

In der ersten Coronawelle sorgten die vielen Infektionen in Skigebieten für Schlagzeilen, in der zweiten die Infektionslage in Altenpflegeheimen. Heute leiden mehr Menschen mit einem Migrationshintergrund an schweren Covid-Verläufen. Das zeigt eine Umfrage bei Klinikträgern in der Region Stuttgart.

Stuttgart - In der dritten Coronawelle scheinen Menschen mit einem Migrationshintergrund stärker betroffen zu sein von schweren Krankheitsverläufen als andere gesellschaftliche Gruppen. Das legt eine Umfrage bei neun der großen Krankenhausträgern in der Region Stuttgart nahe. In den Kliniken wird das vor allem auf die tendenziell schwierigeren Lebensverhältnisse der Betroffenen zurückgeführt.

 

Seit die dritte Coronawelle Fahrt aufgenommen hat mit den inzwischen höchsten Inzidenzen seit Beginn der Pandemie, wächst in den Krankenhäusern wieder die Zahl der Coronapatienten. Insbesondere die begrenzten Kapazitäten auf den Intensivstationen erweisen sich einmal mehr als der empfindlichste Teil des Systems.

Intensivpatienten „erschreckend jung“

Übereinstimmend erklären die Krankenhausträger in der Umfrage unserer Zeitung: Das Alter der Patienten auf den Intensivstationen, die anders als in den vorigen Infektionswellen mitunter fast durchweg beatmet werden müssen, sei deutlich gesunken. „Die Patienten sind im Schnitt etwa zehn Jahre jünger, wir sehen mehr Patienten auch unterhalb des 50. Lebensjahres“, erklärte etwa Anja Dietze, die Sprecherin des Klinikums Esslingen. Ähnlich äußert sich Iris Weichsel, Sprecherin der Medius-Kliniken mit Standorten in Kirchheim/Teck, Nürtingen und Ostfildern-Ruit: Das Alter sei zum Teil „erschreckend niedrig“, man habe sogar Intensivpatienten mit Anfang 30, so Weichsel. Ebenfalls auffallend sei, dass manche Patienten anders als in der ersten und zweiten Welle gleich nach der Einlieferung in die Klinik beatmet werden müssten.

Vor dem Hintergrund einer bundesweit wieder anhebenden Debatte darüber, ob Menschen mit Migrationshintergrund stärker von Corona-Infektionen betroffenen sind, stellt sich die Frage, ob dies in den Krankenhäusern der Region feststellbar ist. Dazu freilich können oder wollen sich einige nicht äußern, offenkundig, weil manche das Thema für zu heikel erachten. Alle der angeschriebenen Träger verweisen grundsätzlich darauf, dass es keine klare Definition gebe, wann von einem Migrationshintergrund zu sprechen sei. Überdies, auch das betonen alle Träger, mache man zwischen den Patienten keinen Unterschied und behandle alle gleich.

Komplett andere Situation in der dritten Welle

Dennoch waren einige Klinikträger bereit, auf die Frage Tendenzaussagen zu machen. So etwa die RKH Kliniken mit Standorten in Ludwigsburg, Bruchsal, Mühlacker, Bietigheim, Markgröningen, Neuenburg und Bretten. In den ersten beiden Pandemiewellen habe man immer „auch einige Patienten mit Migrationshintergrund“ auf den Intensivstationen behandelt, insbesondere aus den Ländern Spanien und Italien, erklärt RKH-Sprecher Alexander Tsongas. In der aktuellen dritten Coronawelle gebe es nun „einen hohen Anteil an Patienten mit Migrationshintergrund vor allem aus den Ländern Türkei, Griechenland und den Balkanstaaten“, so Tsongas. Der Anteil liege „derzeit bei rund 60 bis 70 Prozent“, erklärte der Sprecher. Ähnlich äußert sich auch das Stuttgarter Marienhospital. Verglichen mit den vorigen Pandemiewellen sehe es „auf der Intensivstation seit der dritten Welle erstmals komplett anders aus“, sagt Sprecher Rainer Kruse. Davon abgesehen, dass der jüngste Patient auf der Intensivstation gerade einmal 34 Jahre alt und das Durchschnittsalter jetzt etwa 50 Jahre sei, hätten dort „neun von zwölf Patienten“ einen Migrationshintergrund, erklärt Kruse. Woran das liege, könne man nicht sagen. Im Stuttgarter Diakonie-Klinikum heißt es, „in der dritten Welle haben wir im Gegensatz zur ersten und zweiten deutlich mehr stationäre Patienten mit Migrationshintergrund“, erklärt der leitende Ärztliche Direktor, Rainer Meierhenrich. Geschätzt liege deren Anteil derzeit „über 50 Prozent“.

Überproportional viele Migranten

Auch im Klinikum der Stadt Stuttgart stellt man gegenwärtig bei den sehr schweren Covid-Verläufen eine stärkere Betroffenheit von Menschen mit Migrationshintergrund fest, auch wenn dies „nicht systematisch erfasst wird“, wie Jan Steffen Jürgensen betont. Auf den Covid-Intensivstationen des Klinikums längen derzeit „etwa 60 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund“, sagt der medizinische Vorstand. Angesichts der Tatsache, dass in Stuttgart etwa 45 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund hätten, handle es sich dabei um eine „überproportionale Betroffenheit“ dieser Gruppe, so Jürgensen.

Soziale und kulturelle Faktoren

Der Klinikumsvorstand ist darüber alles andere als überrascht. Schließlich hingen Gesundheit und Lebenserwartung „mit dem sozioökonomischen Status“ der Menschen zusammen, also mit dem Bildungsgrad, der beruflichen Position und dem Einkommen. So hätten Menschen „im oberen Viertel“ der Gesellschaft eine etwa zehn Jahre höhere Lebenserwartung als Menschen „im unteren Viertel“. Der sozioökonomische Status wiederum hänge mit dem Migrationshintergrund zusammen, erklärt Jürgensen. Während in der ersten Coronawelle „vermehrt Menschen aus privilegierten Verhältnissen, die sich typischerweise im Skiurlaub infiziert haben“, von Corona-Infektionen betroffen gewesen seien, habe sich die Entwicklung seither in die Richtung der „weniger privilegierten Menschen“ verschoben.

Die Gründe dafür liegen für den Klinikchef auf der Hand: Menschen aus diesen Schichten seien schon durch ihre Arbeit einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt, ebenso durch beengtere Wohnverhältnisse, eine höhere Bevölkerungsdichte in den Wohnvierteln, sie hätten schon wegen einer teils begrenzten Sprachkompetenz einen schlechteren Zugang zu Informationen, gerade auch in der Coronakrise. Zu diesen sozialen kämen kulturelle Faktoren wie größere Familien und engere soziale Beziehungen untereinander. Das alles sei aber „lange bekannt“, betont der Vorstand des städtischen Klinikums.