Am Gipfelkreuz sind alle Strapazen vergessen: Die „Wanderglück”-Gruppe auf der Großen Schlicke. Foto: privat

Eine besondere und viel beachtete Initiative: Myriam Kopp gründete das Projekt „Wanderglück”. Einheimische und Geflüchtete bezwingen miteinander Berge – und das bringt Kulturen und Menschen näher.

Mit einer irakischen Familie im Jahr 2015 fing alles an. Myriam Kopp übernahm die Patenschaft für sie – und fragte sich, wie Integration von Geflüchteten gut gelingt. Mit den Dreien steuerten sie Gerichte zum Kochbuch „Miteinander kochen – Rezepte aus der Heimat von Geflüchteten und Wegbegleitern“ bei, gestaltete einen Multi-Kulti-Tanzabend mit – und machte eine Höhlentour auf der Schwäbischen Alb. „Ich merkte, wenn wir raus gehen, tauen die Menschen auf. Alle konnten besser reden beim Spazieren, alles war entspannter als drinnen.” Sprache sei das A und O für den Einstieg ins Berufsleben, der es ermögliche unabhängig auf eigenen Beinen zu stehen. „Da dachte ich, das mal im Großen zu machen”, sagt Kopp, die passioniert wandert, klettert und auf Berge steigt.

 

Foto: Mostbacher-Dix

Da kam zu pass, dass die Krankenhausfachwirtin just „neben dem Bürojob” eine Ausbildung zur Erlebnispädagogin machte und das Abschlussprojekt konzipierte. Konnte das nicht Wandern als Integrationsprojekt sein? Also machten sich an einem Augustwochenende 2018 junge Steinheimer und Geflüchtete, 18 bis 30 Jahre alt, auf in die Pitztaler Alpen zu einer dreitägigen Bergwanderung. „Gipfelglück“ nannte Kopp damals ihre „Herzenssache”, die nun „Wanderglück” heißt. Das Ziel: Integration, respektvolles Miteinander und dauerhafte Freundschaften fördern. „Nach Stunden des Wanderns kommt Müdigkeit, der Rucksack wird schwerer – dann motiviert das Miteinander. Zusammen schafft man es auf den Gipfel, steht ganz oben, genießt das grandiose Panorama. Alle Strapazen sind vergessen – das ist Gipfelglück.“

Glücklich war sie auch, dass ihre Anträge und Kalkulationen Früchte getragen hatten. Das Projekt, damals mit dem Freundeskreis Asyl Steinheim angeboten, förderte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Kosten wie Fahrt, Übernachtung und Verpflegung wurden für alle Teilnehmenden übernommen. Damit die gut vorbereitet waren und sich kennenlernten, hatte Kopp die Gruppe zuvor zu Vorbereitungswanderungen mitgenommen. Unter anderem ging es durch die Wieslaufschlucht bei Welzheim. Auf deren kleinen, rutschigen Trampelpfaden, Stegen und Brücken konnte sich Myriam Kopp auch über deren Trittsicherheit sowie Kondition einen Eindruck verschaffen. „Wanderungen und Bergtour liefen prima, alle achteten aufeinander, kamen ins Gespräch, teilten ihr Essen.”

Welche Bergtouren hat die Wandergruppe schon gemacht?

Selbstredend, dass letzteres verschiedene Kulturen vereinte – und dass das Pitztal erst der Startpunkt war. Andere Touren – nun von Spenden, Stadt Steinheim und einem Outdoorausrüster unterstützt – folgten. Etwa auf den Großen Krottenkopf – er ist mit 2656 Metern der höchste Berg der Allgäuer Alpen –, und ins Schwangau. Auch die nahe und fernere Region wurde erkundet, unter anderem die Burg Schaubeck, die Waldheide bei Heilbronn, die Sternwarte von Welzheim (Rems-Murr-Kreis) per Fackeln über den Planetenweg, der Hardtwald, die Unterirdische Schandtauer, die Hessigheimer Felsengärten. Im Herbst 2023 erklomm die Truppe die Rote Flüh und die Große Schlicke in den Tannheimer Bergen.

„Die urige Otto-Mayr-Hütte diente uns als Basis für unser Bergabenteuer”, sagt die quirlige Frau. Auch erlebnispädagogische Spiele und Übungen hat sie im Programm, um Mut, Motivation, Hilfsbereitschaft, Vertrauen und Respekt zu stärken. Jeweils zehn bis zwanzig Teilnehmende seien meist dabei, Stammwanderer und –wanderinnen sowie stets neue Gesichter. Sie kamen bisher unter anderem aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, Indien, Rumänien und Deutschland.

„Von sechs bis 66 Jahre alt”, sagt Kopp. Über eine WhatsApp-Gruppe findet man sich zusammen – und über den Blog „Puls-der-Freiheit.de”, in dem die 39-Jährige von den Wanderungen berichtet. Dieser wurde vom Outdoorunternehmen Campz zum „Top Outdoorblog” gewählt, 2020 kam Puls-der-Freiheit auf Platz zwei, 2022 auf Platz drei. Das Projekt selbst wiederum war unter den Top Ten der Integrationshelden aus Baden-Württemberg, des Radiosenders bigFM. Und die Deutsche Welle drehte einen Film über „Wanderglück“.

Dessen Initiatorin schwärmt von den Integrations-Wanderungen. „Ich liebe sie auch deswegen so sehr, weil ich jedes mal so viel Neues erfahre, über andere Kulturen, andere Sichtweisen – und über mich selbst.” Die Rückmeldungen zeigten, dass es auch so allen anderen erginge. Trotz unterschiedlichster Kulturen sei auch unproblematisch, dass in Berghütten Frauen und Männer auch mal zusammen in einem Raum nächtigen müssten. Das Freiheitsgefühl in der Natur sei der ideale Raum fürs Lernen und Kennenlernen, sagt Kopp. Als Kinder seien sie und ihr Bruder ständig draußen gewesen.

Woher stammt Myriam Kopp

Sie wurde in Bietigheim geboren, wuchs in Besigheim auf, zog als junge Frau nach Steinheim. „Wir waren oft bei unseren Großeltern. Mein Opa betrieb auch Weinbau in den Felsengärten – da war kein Tag ohne Bewegung oder Sport.” Das Bergwandern und Klettern entdeckte sie selbst vor mehr als zehn Jahren. In der Halle des Alpenvereins Ludwigsburg trainierte sie das Klettern, ging dann zu den Hochtouren, machte die Lizenz als Trainerin C Bergwandern. Ihre Begeisterung dafür gibt sie nun an die bunte Wandertruppe weiter. Und sie freut sich, dass sich auch längst ihr größter Wunsch erfüllt hat: „Auf dem gemeinsamen Weg sind bereits neue Freundschaften entstanden.“