Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Handicaps soll selbstverständlich werden. Foto: dpa

Beate Müller, Rektorin der Anne-Frank-Gemeinschafts-schule in Stuttgart berichtet über die ersten Erfahrungen mit Inklusionsklassen.

Stuttgart - Frau Müller, Ihre Schule ist seit diesem Schuljahr Gemeinschaftsschule und hat erstmals auch eine Inklusionsklasse. Wie sieht diese aus?
Von den 81 Fünftklässlern haben fünf Kinder Lernbehinderungen. Wir haben diese Kinder auf zwei der drei Klassen verteilt, um die Unterstützung durch die Sonderpädagogen gezielt einsetzen zu können. Alle fünften Klassen sind sehr gemischt. 25 Prozent der Schüler haben eine Empfehlung für das Gymnasium, 50 Prozent für die Realschule, 25 Prozent sind Hauptschüler oder Förderschüler.
Die allgemeinen Schulen erhalten für die Inklusionsklassen Unterstützung durch Sonderpädagogen. Wie sieht diese aus?
Für jedes der fünf Kinder mit sonder­päda- gogischem Förderbedarf stehen uns drei Stunden Sonderpädagogik zur Verfügung, insgesamt also 15 Stunden. Die sind vor allem nötig, um Unterrichtsmaterial für diese Schüler zu erstellen. Wir haben schon als Realschule Materialien erstellt, um Schüler auf unterschiedlichen Leistungsniveaus zu fördern – das Angebot erweitern wir jetzt.
Reichen diese Stunden denn aus?
Wir können gut inklusive Kinder aufnehmen, weil wir das von unserem sozialen Verständnis her können. Aber wir sind keine Sonderpädagogen. Gut für die Entwicklung der Kinder wäre, wenn sie zusätzlich zum allgemeinen Unterricht noch einzeln gefördert werden könnten, etwa mit Logopädie, feinmotorischem Training oder Physiotherapie. Schwierig ist auch, dass wir derzeit keine Extraräume haben, in denen wir mit einzelnen Kindern oder Gruppen arbeiten können und in die Kinder sich bei Bedarf ­zurückziehen können.
Wie haben Sie und Ihr Kollegium sich auf die neue Aufgabe vorbereitet?
Zusammen mit den Kollegen der benachbarten Heilbrunnenschule haben wir in den vergangenen zwei Jahren ein Fortbildungskonzept entwickelt. Wir haben versucht, so viel wie möglich von den Sonderpädagogen zu lernen. Auch haben wir schon vor den Sommerferien mit den Grundschullehrern ­darüber gesprochen, wie wir ihre ehemaligen Schüler mit Handicaps am besten unterstützen können.
Im Mittelpunkt muss das Wohl der Schüler stehen. Klappt das denn?
Die Kinder fühlen sich in ihren Klassen gut aufgenommen und kommen gut zurecht. Die Mitschüler wissen nicht, wer sonderpädagogischen Förderbedarf hat, die Vielfalt ist für sie selbstverständlich. Wir versuchen, bei allen die Lust am Lernen und den Ehrgeiz zu wecken. Und wir können ihn wecken, dank des großen Engagements der Kollegen.
Welche Rahmenbedingungen brauchen Schulen, damit alle Beteiligten von der Inklusion profitieren?
Zwischen den Sonderschulen und den allgemeinen Schulen gibt es in puncto Ausstattung und Personal große Unterschiede. Damit Inklusion gelingt, brauchen wir an den allgemeinen Schulen mehr Platz – und mehr sonderpädagogische Fachkräfte, die die Kinder einzeln fördern können. Von den Sonderschulkollegen habe ich gelernt, dass jedes Kind mit Behinderungen anders ist und jedes eine andere Förderung braucht.
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