Inger-Maria Mahlke wurde für „Archipel“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Foto: dpa

Inger-Maria Mahlke reist von der Spitze der Gegenwart in die Abgründe der Vergangenheit und bietet imposante Ausblicke auf ein historischen Großpanorama, findet unser Kritiker. Jetzt hat das Romanexperiment „Archipel" den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Frankfurt - Wir führen unser Leben auf einem Berg von ­Geschichte, der herausragt aus dem Meer der Zeit. Ahnungslos zieht man an der Oberfläche seine Kreise, doch unter der erstarrten Kruste pulst die Hexenküche des ewigen Werdens und Vergehens. Vielleicht ist es das Ineinander von schönem Erscheinungsbild und brodelndem Innenleben, das dem Archipel der ­Kanarischen Inseln gerade einen großen Auftritt in der deutschen Gegenwartsliteratur verschafft. Nach jedem Vulkanausbruch erscheine die Insel wie eine Gegend ohne Vergangenheit, heißt es in Juli Zehs aktuellem Roman „Neujahr“, kurz bevor der Midlife-Fluchtwinkel Lanzarote vom heftigen Beben einer aufstrudelnden Kindheitserinnerung erschüttert wird.

Betreibt Zeh mit den seismischen Energien des Gedächtnisses einen flotten Thriller, interessiert sich ihre Kollegin Inger-Maria Mahlke für die eingehende Betrachtung des Untergrundes, den ­zurückliegende politische ­Katastrophen und Eruptionen den darauf Lebenden ­bereitet haben. In ihrem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Archipel“ unternimmt die auf Teneriffa aufgewachsene Autorin von der Spitze der Gegenwart aus eine Wanderung in die zerklüfteten Schichten der Insel, immer weiter hinein in die Vorgeschichte der Gegenwart.

Die Leute erheben ihr Glas auf die Zukunft

Ausgangspunkt ist der 9. Juli 2015, 14 Uhr: „In La Laguna, der alten Hauptstadt des Archipels, beträgt die Lufttemperatur 29,1 Grad, um siebzehn Uhr siebenundzwanzig wird sie mit 31,3 Grad ihr Tagesmaximum erreichen. Der Himmel ist klar, wolkenlos und so hellblau, dass er auch weiß sein könnte.“ Günstige Bedingungen für einen ausgedehnten Spaziergang. Der meteorologische Beginn zitiert den Anfang eines der eindrucksvollsten Textgebirges der Moderne, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Um nicht weniger als um einen Jahrhundertroman ist es Mahlke zu tun. Das letzte Kapitel endet im Jahr 1919, als an unterschiedlichen Stellen der Insel die Leute ihr Glas auf die Zukunft erheben.

Was die Zukunft gebracht hat, weiß der sich in Gegenrichtung durch die Zeit bewegende Leser dieses konsequent rückwärts erzählten Buches nur zu gut: Er kennt die Gründe, weshalb der neugeborene Sohn des Apothekers seiner Berufung zu einem Ingenieursstudium in Madrid nicht folgen konnte; er weiß, was dessen Bruder in der Zeit des Bürgerkriegs bevorsteht; oder der Tochter des irischen Geschäftsmannes, der gerade dabei ist, den Grundstein für ein florierendes Firmenimperium zu legen; und er kann genealogisch nachvollziehen, weshalb der letzte Spross der insularen Adelsdynastie schließlich daran scheitert, die dunkle Geschichte seiner Familie von der Conquista über Kolonialismus und Faschismus aufzuarbeiten. Ziemlich am Anfang begegnet man ihm als gebrochenem Alkoholiker, der ­resigniert seinen Ahnen auf ihren Sieg zuprostet, als lebender Beweis dafür, dass niemand aus seiner Haut herauskann, weil die Geschichte den Einzelnen in ihrem Würgegriff hält.

An ein und demselben Ende zappeln mehrere Rollen

Man lebt vorwärts und versteht rückwärts, lautet eine Erkenntnis Kierkegaards. Es könnte die erzählerische Maxime Inger-Maria Mahlkes sein. Sie stürzt sich mitten hinein in das geschäftige Treiben eines ­gesellschaftlichen Wimmelbilds, dessen Verbindungslinien sich erst nach und nach herstellen, je weiter man es in der Zeit ­zurückverfolgt.

Die Fäden, an denen das Leben der Handelnden und Erleidenden hängt, der Reichen und Armen, der Täter und Opfer, der Profiteure und Ausgebeuteten, werden durch die großen und kleinen Krisen des Jahrhunderts gezogen. Und oft zappeln an ein und demselben Ende mehrere gegensätzliche Rollen gleichzeitig.

Dieses analytische Verfahren, das jeweils Aktuelle vor dem Hintergrund des bereits Geschehenen transparent werden zu lassen, bestimmt nicht nur den Aufriss des großen Ganzen, sondern organisiert jede einzelne Szene. Mahlkes atmosphärische Kunst, aus einer überwältigenden Fülle von Details erst nach und nach Muster und Zusammenhänge entstehen zu lassen, schafft Handlungsräume von großer Authentizität und Tiefenwirkung. Umso schmerzhafter empfindet man es als Leser, mit jedem neuen Zeitsprung daraus wieder vertrieben zu werden in ein anderes Stadium.

Es regiert, was war

Kaum hat man sich mit der Lebenssituation der verkrachten Kunststudentin aus gutem Hause vertraut gemacht, kaum durchblickt man die korrupten Machenschaften ihrer Mutter, einer konservativen Lokalpolitikerin, wird in unerbittlicher Konsequenz die Uhr zurückgedreht. Wie es vorwärts weitergeht, darauf wartet man vergebens – es regiert, was war. Und das hat durchaus klaustrophobische Züge. Der Bann der Vergangenheit verstellt die ­Offenheit der Zukunft. Mahlkes Figuren werden durch die Geschichte zwar verständlich, aber sie werden immer wieder von ihr verschluckt. Und der Neugier auf das, was sie einmal waren, begegnet auf halbem Weg die Enttäuschung, immer schon zu wissen, worauf alles zuläuft.

Das schmälert nicht die imposanten Ausblicke dieses historischen Großpanoramas. Aber es verleiht ihm etwas Insulares, jenseits der rein geografischen Bedeutung. Dem Leser bleibt es überlassen, den Weg zurück in die Gegenwart zu finden.

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