Staatschef Recep Tayyip Erdogan kommen die wirtschaftlichen Turbulenzen höchst ungelegen Foto: AFP/Adem Altan

Die Teuerungsrate in der Türkei beträgt 65 Prozent, der Leitzins liegt bei 42,5 Prozent. Das bringt Firmen wie Bürger in Bedrängnis – und bald sind Wahlen.

Für die Menschen in der Türkei wird das Leben immer teurer. Die Inflation zehrt an den Einkommen. Steigende Zinsen bringen immer mehr Unternehmen in Schwierigkeiten und könnten zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. Staatschef Recep Tayyip Erdogan kommen die wirtschaftlichen Turbulenzen höchst ungelegen. Denn in drei Monaten muss er sich wichtigen Wahlen stellen.

 

Die Teuerungsrate in der Türkei erreichte im Dezember 65 Prozent, nach 62 Prozent im Vormonat. Ökonomen erwarten weitere Preissteigerungen. Die Rate könnte im Frühjahr 70 Prozent und mehr erreichen. Ohnehin gibt es Zweifel an den offiziellen Zahlen, die von der staatlichen Statistikbehörde Türkstat verbreitet werden. Nach Berechnungen der regierungsunabhängigen Forschungsgruppe Enag belief sich die Inflation im Dezember auf 127,2 Prozent.

Befeuert wird der Preisanstieg vom Wertverlust der türkischen Lira, die 2023 gegenüber dem Dollar 37 Prozent einbüßte. Die Abwertung verteuert Importwaren und führt zu steigenden Energiekosten.

Der Mindestlohn steigt um 49 Prozent

Zu einem weiteren Preisschub könnte die Erhöhung des staatlich festgelegten Mindestlohns führen. Arbeitsminister Vedat Isikhan hatte zum 1. Januar eine Anhebung um 49 Prozent auf 17 002 Lira angekündigt, umgerechnet 523 Euro. Die Lohnerhöhung könnte auch zu Jobverlusten führen, warnte jetzt Hakan Aran, der Chef der Isbank, bei einer Pressekonferenz.

Probleme dürfte der höhere Mindestlohn in der lohnintensiven Textilindustrie verursachen, einer wichtigen Exportbranche des Landes. Viele Betriebe laufen Gefahr, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, wenn die Löhne weiter steigen.

Die Probleme sind hausgemacht. Bis zu den Präsidentenwahlen im Mai flutete Erdogan das Land mit billigem Geld, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Auf seine Weisung musste die Zentralbank die Zinsen trotz steigender Inflation weiter senken. Die Zinssenkungen ließen die Lira gegenüber Dollar und Euro abstürzen, was in der Folge den Inflationsdruck weiter erhöhte – ein Teufelskreis.

Schmerzhafte Rosskur für die türkische Wirtschaft

Erst nach der geglückten Wiederwahl warf Erdogan das Ruder herum. Als neue Notenbankchefin engagierte Erdogan Hafize Gaye Erkan, eine türkische Bankerin aus den USA. Sie hat seit Ende Mai die Leitzinsen in mehreren Schritten von 8,5 auf 42,5 Prozent erhöht. Finanzexperten erwarten im Januar einen weiteren Zinsschritt auf dann 45 Prozent.

Es ist eine schmerzhafte Rosskur für die türkische Wirtschaft. Die Erhöhung der Leitzinsen zeigt bisher bei der Inflationsbekämpfung wenig Wirkung.

Aber die negativen Wirkungen sind bereits spürbar: Immer mehr Unternehmen haben Schwierigkeiten, ihre Kredite zu bedienen. Die Schmerzgrenze ist bald erreicht: „Eine Erhöhung der Leitzinsen auf 45 Prozent könnte zu Verlusten von Arbeitsplätzen in einigen Branchen führen“, warnt Isbank-Chef Aran.

Nun bekommt Erdogan die Quittung für seine verfehlte Geldpolitik. Eine Rezession und steigende Arbeitslosigkeit sind das Letzte, was er gebrauchen kann. Ende März stehen wichtige Kommunalwahlen an. Für Erdogans Regierungspartei AKP geht es darum, Großstädte wie Istanbul, Ankara, Antalya, Adana und Bolu, die sie 2019 an die Opposition verloren hatte, zurückzuerobern. Vor allem Istanbul will Erdogan wieder unter seine Kontrolle bringen. Das ist für den Staatschef eine Sache der persönlichen Ehre. Denn mit der Wahl zum Oberbürgermeister der Bosporusmetropole begann 1994 sein politischer Aufstieg.