Studierende im voll besetzten Hörsaal Foto: dpa/Oliver Berg

Mit einem Einser-Abi flutscht die Zulassung zum Studium in jedem Fall? Das denken viele. Warum die Annahme trügerisch ist.

Alle Jahre wieder bibbern im Frühsommer die Abiturienten um gute Noten und legen beim Lernen für die mündliche Prüfung noch einen Zahn zu. Dass seit Corona die Zahl der Einser-Abiture gestiegen ist, ändert daran wenig: Die Reifeprüfung ist nach wie vor der wichtigste, obwohl nicht der einzige Türöffner fürs Studium. Je nach Fach kommt es immer noch auf jedes Zehntel an – oder genauer genauer gesagt: auf jeden Punkt. Allerdings hat die hohe Zahl von Einser-Zeugnissen zwiespältige Folgen.

 

Wie hat sich die Zahl der Einser-Abis im Land entwickelt?

2021 hatten 35,5 Prozent der Abiturienten im Land einen Schnitt mit einer Eins vor dem Komma. Im Vorjahr hat sich die Inflation der Einser-Abis laut den Angaben des Statistischen Landesamts auf etwas abgeflachtem Niveau von 34 Prozent stabilisiert. Historisch betrachtet entwickeln sich die Abiturnoten in Sprüngen: Im Jahr 1980 hatte lediglich ein Fünftel der Abiturienten von allgemeinbildenden Gymnasien im Südwesten eine Eins vor dem Komma. In den 1990er Jahren pendelte sich das bei allen Abiturienten im Land bei etwa einem Viertel ein. Seit der Pandemie ist die Quote auf ein Drittel gestiegen. Dass damit jeder dritte Abiturient im Südwesten wegen seines Spitzenzeugnisses bessere Chancen bei einer Bewerbung um einen Studienplatz hat, ist daraus allerdings nicht so einfach zu schließen. Da ist die Sachlage laut Einschätzung von Experten komplizierter.

Thomas Puhl, Rektor der Universität Mannheim und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der neun Landesuniversitäten, zum Beispiel relativiert die These vom einfacheren Hochschulzugang durch die vielen Einser-Abis. Er verweist auf die Fächer ohne Zulassungsbeschränkung, in die sich jeder Schulabgänger mit bestandenem Abitur – oder einer anderen Hochschulzulassung – einschreiben kann. „Dabei spielt die Durchschnittsnote – ob vor oder während Corona erzielt – gar keine Rolle“, betont Puhl auf Anfrage unserer Redaktion.

Kommt es bei der Zulassung zum Studium überhaupt noch auf das Abitur an?

Die Zahl der frei zugänglichen Studienfächer, bei denen die Note irrelevant und „bestanden“ ausreichend ist, wächst seit einigen Jahren deutschlandweit stetig. Das hat unter anderem das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), in seinem Numerus clausus-Check vom Vorjahr ermittelt. Demnach galten im Wintersemester 2022/2023 bundesweit nur noch für knapp vierzig Prozent der Studienangebote Zulassungsbeschränkungen. Aktuell sind laut der Stiftung Hochschulstart, die die bundesweite Studienplatzvergabe zentral abwickelt, in ganz Deutschland nur noch zwanzig Prozent der Bachelor-Studiengänge zulassungsbeschränkt durch einen bundesweiten oder lokalen Numerus clausus (NC).

Allerdings ist die Lage im Land nicht ganz so günstig: Hier waren im vorigen Wintersemester laut CHE lediglich 44,2 Prozent der Studienangebote insgesamt frei von Zulassungsbeschränkung. Für die deutliche Mehrheit der Studienangebote (55,8 Prozent) spielen die Abiturnote und zunehmend auch andere Kriterien eine große Rolle.

Der Mannheimer Rektor Thomas Puhl ermuntert junge Leute ohne Spitzennoten ausdrücklich, sich für Ingenieurstudiengänge ohne Zugangshürden im Land zu bewerben. In diesen Fächern fehlt den Landesuniversitäten der Nachwuchs. Puhl ist überzeugt, dass auch ein flaues Mathe-Abitur kein Hindernis für ein erfolgreiches Studium sein muss. „Man kann hier nur sagen: Traut Euch! Unterstützung, gerade bei den Mathematikkenntnissen, bieten die Unis und auch die Hochschulen in vielen Formen an.“

Wieso sehen Experten die Einser-Inflation als Problem beim Hochschulstart?

Bei Studiengängen mit Zulassungsbeschränkungen sind die vielen Einser-Abis Fluch und Segen zugleich. Das hängt mit dem relativ komplexen Zulassungsverfahren in NC-Fächern zusammen. Tatsächlich werden nur dreißig Prozent der Studienplätze in Fächern mit Zulassungsbeschränkung nach der Bestnote im Abitur verteilt. Das Problem: Kommen immer mehr Bewerber mit der gleiche Spitzennote, werden die Plätze am Ende verlost, erklärt die Stiftung Hochschulstart. Dann tritt das Zufallsprinzip bei der Studienplatzvergabe an die Stelle des eigentlich gewünschten Leistungsprinzips.

Thomas Puhl sieht ein weiteres Manko: Um Studienplätze konkurrieren immer junge Menschen verschiedener Abiturjahrgänge. „In gewisser Weise ist es unfair gegenüber Bewerbern und Bewerberinnen, die ihr Abitur vor Corona erworben haben und mindestens im Durchschnitt schlechter bewertet wurden.“

Zulassung zum Studium

Durchlässigkeit
 Das Abitur ist längst nicht mehr die einzige Eintrittskarte zum Studium. Seit einigen Jahren ebnen auch die Meisterprüfung oder spezielle Eignungsprüfungen den Weg an die Hochschule. Außerdem: Auch bei Fächern mit Numerus clausus werden nur dreißig Prozent der Studienplätze nach der Abitur-Bestnote vergeben.

Zentrale Vergabe
 Zehn Prozent der Plätze werden unabhängig von der Note und überwiegend nach den einschlägigen Medizinertests und zusätzlichen Kriterien vergeben. Für sechzig Prozent der Studienplätze gelten Kriterien, die die jeweilige Hochschule bestimmt: Dabei können neben der Abinote zum Beispiel einschlägige Berufsausbildungen, gewonnene fachrelevante Wettbewerbe oder soziale Dienste gewichtet werden.

Problem-Einser
 Frustpotenzial sieht Thomas Puhl von der Landesrektorenkonferenz, wenn Super-Abiturienten im Studium nur noch Durchschnitt sind: „Bei den Jurastudierenden führt es durchaus zu Frustrationen, wenn sie feststellen, dass am Ende keinesfalls fast vierzig Prozent Einserexamen vergeben werden, sondern die durchschnittlichen Studierenden auch durchschnittliche Noten erhalten“, sagt er.