In den vergangenen sieben Tagen fielen mehr als 150 Coronatests im Rems-Murr-Kreis positiv aus. Foto: dpa/Moritz Frankenberg

Der Anstieg der Infektionszahlen führt zu Einschränkungen – etwa bei Hochzeitsfeiern. Weitere Verbote hat der Landrat Richard Sigel schon in der Schublade – auch wenn er den Rems-Murr-Kreis gut für die Pandemie gerüstet sieht und vor Panik warnt.

Rems-Murr-Kreis - Wegen des gravierenden Anstiegs der Corona-Infektionszahlen sind nun auch im Rems-Murr-Kreis erste Einschränkungen geplant. So sollen etwa Hochzeiten oder Jahrgangsfeiern in vermieteten Räumen verboten sein, wenn mehr als 50 Personen teilnehmen. Wird in privaten Räumen gefeiert, dürfen nicht mehr als 25 Personen dabei sein. Das hat der Rems-Murr-Landrat Richard Sigel am Mittwoch bekannt gegeben. Die mit dem Schutz vor der Ausbreitung des Virus begründete Verfügung soll am Donnerstag in Kraft treten. In der Schublade hat das Landratsamt noch weitere Maßnahmen, über die bei einem Anstieg der Infektionszahlen nachgedacht wird.

Auch Zuschauer- und Alkoholverbot sind möglich

Neben einer Ausweitung der Maskenpflicht und einem mit Blick auf volle Schulbusse entzerrten Unterrichtsbeginn könnten im Rems-Murr-Kreis auch ein Verkaufsverbot von Alkohol, die Verbannung von Zuschauern bei Sport-Events oder auch ein generelles Verbot von öffentlichen Veranstaltungen drohen. „Die Lage spitzt sich zu, wir müssen damit rechnen, dass die kritische Marke bei den Neuinfektionen auch im Rems-Murr-Kreis überschritten wird“, sagte Sigel bei einem im Fellbacher Rathaus angesetzten Pressegespräch über die Entwicklung.

Nach monatelang eher verhaltenen Zahlen ist inzwischen auch im Landkreis die gelbe Corona-Ampel erreicht. Die so genannte Sieben-Tage-Inzidenz bei den Neuinfektionen liegt an Rems und Murr mit 151 Fällen jetzt bei 35,3 – exakt der Wert, an dem verschärfte Maßnahmen in die Tat umgesetzt werden müssen.

Mittlerweile sieben Kommunen liegen auf die Einwohnerzahl umgerechnet sogar im roten Bereich von mehr als 50 neuen Infektionen innerhalb von einer Woche. Neben Waiblingen trifft das nach Zahlen des Landratsamts auf Kernen, Welzheim, Remshalden, Korb und Althütte zu. Besonders deutlich ist der Anstieg der Infektionszahlen allerdings in Fellbach. Unterm Kappelberg befinden sich aktuell 71 Menschen in Quarantäne, weil sie sich nachweislich mit dem Corona-Virus angesteckt haben. Für momentan 336 weitere Personen gilt eine Kontaktsperre, weil sie sich bei einer infizierten Person angesteckt haben könnten.

Fellbach über der kritischen Marke

Besorgnis erregt beim Blick auf die Fellbacher Zahlen, dass 48 Virusinfektionen nicht älter als eine Woche sind. Die zur Einstufung der Ansteckungsgefahr wichtige Sieben-Tage-Inzidenz ist deshalb in einen dreistelligen Bereich geklettert – nach 87 am Dienstag stieg der Wert am Mittwoch auf 104,3. Zum Vergleich: Im wie Köln, Berlin und Frankfurt als Hotspot geltenden Stuttgart liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell bei 69,6. Für den Nachbarlandkreis Esslingen wird ein Wert von 77,6 neuen Infektionen pro 100 000 Einwohner errechnet, auch Ludwigsburg hat die 50er-Schwelle überschritten.

Dass Fellbach weit jenseits dieser Warnmarken liegt, hängt nicht allein an einer in den Flüchtlingsunterkünften grassierenden Corona-Welle. Eine Reihenuntersuchung in den Wohncontainern auf dem früheren Freibadareal an der Esslinger Straße hatte eine ganze Reihe von Infektionen ans Tageslicht gebracht, durch Besuche in der Gemeinschaftsküche hat sich das Coronavirus wohl auch in zwei andere Unterkünfte im Stadtgebiet verbreitet. Im Roncalli-Haus in Oeffingen und in einem Hotel in der Ringstraße wurde deshalb ebenfalls getestet, Ergebnisse liegen voraussichtlich erst an diesem Donnerstag vor. Allerdings sind die Ansteckungen in den Unterkünften nur für die Hälfte der aktuellen neuen Fälle verantwortlich. Die andere Hälfte lässt sich laut Fellbachs OB Gabriele Zull auf Infektionen im Familienkreis und private Feiern zurückführen. Unter anderem gilt ein Junggesellenabschied als Schwerpunkt für neue Infektionen. Das Team im Ordnungsamt zur Nachverfolgung der Kontakte sei deshalb stark aufgestockt worden, kreisweit bemühen sich jeweils fünf Kräfte pro 20 000 Einwohner um die Abarbeitung der Infektionsketten.

Zull: Verhalten der Menschen jetzt entscheidend

Den Schulterschluss zwischen Kreis und Kommunen, aber auch Polizei, Ärzteschaft und Schulbehörden sieht Landrat Sigel auch als Plus bei der Bewältigung der Infektionszahlen. „Wir haben den Sommer genutzt, um uns für eine zweite Welle zu wappnen“, sagte er und bezeichnete den andernorts diskutierten Einsatz der Bundeswehr als Aktionismus. Er sprach beim Modell für den Rems-Murr-Kreis von einem „Sonderweg, von dem wir wissen, dass er funktioniert“. Fellbachs Rathauschefin Zull appellierte an die Bevölkerung: „Wenn jeder mitmacht, schützen wir uns alle! Das Verhalten der Menschen entscheidet, wohin die Reise geht.“

Für die Rems-Murr-Kliniken wies der ärztliche Direktor Ralf Rauch auf den coronakonform umgebauten Eingangsbereich in Winnenden und die auf den Weg gebrachte Infektionsstation hin. Aktuell würden neun Covid-Patienten in den Kliniken behandelt, davon werde ein Patient beatmet. „Ich fände es hilfreich, wenn jeder abends vor dem Zähneputzen kurz überlegt, mit wem er den Tag über Kontakt hatte und sich das notiert. Dieses Tagebuch würde den Behörden die Nachverfolgung deutlich erleichtern“, sagt er.

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