Die AOK als mitgliederstärkste Krankenkasse in der Region präsentiert erstmals Zahlen zu den indirekten gesundheitlichen Folgen der Pandemie, die nicht unmittelbar mit Covid-19 zusammenhängen. Dabei zeigt sich ein beunruhigender Anstieg der psychischen Erkrankungen – nicht zuletzt bei Kindern und Jugendlichen.
Kreis Böblingen - Die Corona-Pandemie scheint derzeit ihren Schrecken verloren zu haben: Die Inzidenz-Zahlen sinken, und dank der Lockerungen kehrt in zaghaften Schritten die Normalität ins öffentliche Leben zurück. Doch nun wird auch langsam sichtbar, welche Spuren die Pandemie auf den Seelen der Nation hinterlassen hat. Erste aussagekräftige Studien dazu hat die AOK als größte Krankenversicherung der Region zusammengetragen.
Fast 70 Prozent der Erwachsenen fühlen sich emotional belastet, weil sie sich um die Gesundheit von Angehörigen sorgen. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums und des Forschungsinstituts IZA, die der AOK vorliegt. 55 Prozent leiden demnach unter der Unsicherheit, wie es in den nächsten Monaten weitergeht. Auch der Verlust sozialer Kontakte, die Einschränkung des Handlungsspielraums und Sorgen um die eigene Gesundheit belasten einen großen Teil der Bevölkerung. Immerhin noch 15 Prozent nennen finanzielle Schwierigkeiten als Bürde. Außerdem nahm bei Menschen, die wegen psychischer Erkrankung einen Arzt aufsuchten, die Länge der Krankschreibungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sprunghaft zu. Um mehr als drei Tage – von 25,9 Tagen auf 29,3 – stieg die Dauer des durchschnittlichen psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfalls bei den AOK-Mitgliedern.
Homeoffice belastet jeden Zehnten
Die fehlende Trennung von Arbeit und Privatleben im Homeoffice belastet etwa jeden Zehnten. War Homeoffice vor der Pandemie noch ein Nischenthema, ist die Arbeit am Arbeitsplatz zuhause mittlerweile aus dem Alltag vieler Menschen auch in der Region nicht mehr wegzudenken. „Heute sehen wir: Das Arbeiten zuhause kann Segen und kann Fluch sein“, sagt AOK-Gesundheitsexperte Alfred Bauser. Die Flexibilität und Zeitersparnisse schätzen viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Gleichzeitig stehen sie vor Herausforderungen wie: Wie strukturiere ich meinen Tagesablauf? Wie gelingt Zusammenarbeit im Team auf Distanz? Was kann ich tun, damit meine Gesundheit nicht unter der neuen Arbeitssituation leidet?
Denn: „Das Arbeiten im Homeoffice kann für die körperliche und seelische Gesundheit eine zusätzliche Belastung darstellen“, so Alfred Bauser. Viele Heimarbeitende klagen in zunehmender Weise über Rückenprobleme; auch psychische Leiden haben im Zeitraum des letzten Jahres zugenommen. Das zeigen auch die Auswertungen der AOK Stuttgart-Böblingen zum Krankenstand der Arbeitnehmer im Landkreis: „Deswegen haben wir mittlerweile auch mehrere Gesundheits- und Präventionsangebote aufgeschient, die auf die Arbeit im Homeoffice abzielen. Das traditionelle betriebliche Gesundheitsmanagement vor Ort läuft unter Corona-Vorzeichen natürlich nur eingeschränkt.“
Gesundheitsvorsorge im Homeoffice: Mit wenigen Tipps kann viel erreicht werden
Wichtig sei es, die Menschen zunächst einmal für Gesundheitsthemen im Homeoffice zu sensibilisieren und ihnen gleichzeitig ganz einfache Übungen und Abläufe zu zeigen, die ihnen im Alltag schnell und wirksam helfen. Gemeinsam mit der Kreiszeitung hat die AOK daher die Serie „Gesund im Homeoffice“ auf die Beine gestellt, um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erste hilfreiche Tipps für die neue Lebenssituation an die Hand zu geben. Als Experten standen dabei Fachkräfte der Krankenkasse selbst, aber auch Psychologen wie Professor Ansgar Thiel zur Verfügung und gaben im Videoformat ihr Wissen weiter.
Mit diesem niederschwelligen Angebot wollte die Krankenversicherung erste Hinweise auf die Problematik geben. Schließlich scheuen sich viele nach wie vor, über psychische Probleme zu sprechen. In einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums und des Forschungsinstituts IZA waren es 50 Prozent der Befragten, die sich schwer tun, über ihre seelischen Probleme zu sprechen oder sich Rat beziehungsweise Hilfe bei anderen zu suchen. „Dabei ist klar: Darüber reden kann helfen, einen angemessenen Umgang mit psychischen Belastungen zu finden und sie zu reduzieren“, sagt AOK-Experte Bauser. „Und während wir hier nur auf die Situation der Arbeitnehmer blicken, dürfen wir die Situation der Kinder und Jugendlichen nicht vergessen.“
Studien zeigen Belastungen bei Kindern
Tatsächlich ist für Kinder und Jugendliche die Corona-Pandemie eine große Belastung, wie Studien zeigen. Laut der aktuellen COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hat sich deren Lebensqualität und psychische Gesundheit im Laufe des letzten Jahres verschlechtert. Fast jedes dritte Kind leidet seit Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Besonders Sorgen und Ängste haben zugenommen. Auch in ihrer Lebensqualität fühlen sie sich stark eingeschränkt. Zudem berichten die Kinder und Jugendlichen über mehr Streit in der Familie, vermehrte schulische Probleme und ein schlechteres Verhältnis zu den Freunden.
Die COPSY-Studie wurde von Mai bis Juni 2020 das erste Mal durchgeführt. Die Ergebnisse, die nun vorliegen, wurden in den Folgebefragung zwischen Dezember 2020 und Januar 2021 erfasst. Die Folgen von Corona auf die Verfasstheit der Menschen in der Region werden erst mittelfristig abzusehen sein. „Als AOK Stuttgart-Böblingen beobachten wir die Entwicklung sehr genau und wollen passende Gesundheitsangebote und -hilfen entwickeln“, sagt Alfred Bauser abschließend.