Kevin Chlestil mit Spritzpistole. Foto: Peter-Michael Petsch

In fünf Ganztagesklassen werden Jugendliche an den Lebensrhythmus der Arbeitswelt herangeführt.

Backnang - Backnang - Sie gehören zu jenen, die Gefahr laufen, möglicherweise durch den Rost zu fallen. Es sind 86 Jugendliche, die keinen Hauptschulabschluss besitzen oder keinen Arbeitsplatz finden konnten. Seit September 2011 werden sie in fünf eigens hierfür gegründete Ganztagesklassen der Gewerblichen Schule in Backnang betreut. Eine beispielhaftes Konzept zur Integration, das Regierungspräsident Johannes Schmalzl und Rems-Murr-Landrat Johannes Fuchs kürzlich bei einem Besuch in Backnang kennenlernen durften.

Kevin Chlestil ist in seinem Element. Er zückt die Pistole. Die Herren in ihren feinen dunklen Anzügen weichen zurück ins hintere Eck des Raumes. Doch es droht keine Gefahr, jedenfalls nicht für Leib und Leben, sondern allenfalls für den edlen Zwirn: Denn der junge Mann gehört zur Klasse Vorqualifizierung Arbeit Beruf (VAB) und zeigt den Gästen, was er in der Lackiererei gelernt hat und wie man mit der Spritzpistole umgehen muss. Mit seinen 22 Jahren ist er quasi der Senior der Truppe. Seit acht Monaten ist er dabei, seine Kumpel in der Klasse sind meist drei oder vier Jahre jünger. „Da kommt schon mal ein dämlicher Spruch, aber das muss man bei den jungen Leuten nicht so ernst nehmen“, gibt es sich abgeklärt.

Er hält viel von seinem Mentor, dem Technischen Oberlehrer Frank Kaiser, der in seinem roten Poloshirt neben Schmalzl und Fuchs steht und Chlestils Spritzkünste beobachtet: „Der Chef ist cool“, sagt der 22-Jährige anerkennend. Sein bisheriges Leben ist nicht unbedingt „super erfolgreich“ verlaufen, gesteht er, „ich habe schon mehrere Ausbildungen abgebrochen, Kfz-Mechaniker, Lackierer oder Schreiner“. Nun will Chlestil in Backnang die Chance nutzen. „Bei mir ist Vernunft eingekehrt“, gibt es sich optimistisch und urteilt im Rückblick: auf manche eigenen Fehler: „Jung und dumm, diese Zeit ist vorbei.“

„Wir wollen Heimat bieten und Lebensbegleiter sein“

Es sind junge Menschen, die in der Regel keinen sozialen Rückhalt, oft kein Elternhaus haben, in Jugendeinrichtungen wohnen und die in den fünf Ganztagesklassen „auf die Reise hin zum ersten Arbeitsmarkt“ begleitet und an den Lebensrhythmus und die Zeitmuster der Arbeitswelt herangeführt werden sollen“, so Schulleiterin Isolde Fleuchaus. Übergeordnetes Ziel: „Wir wollen Heimat bieten und Lebensbegleiter sein und die Jugendlichen in ein Dasein führen, in dem sie würdig ihr Leben bewerkstelligen können.“ Und: „In unserem Leitbild steht der Mensch im Mittelpunkt, und das fordert von allen Respekt und Toleranz.“

Das Backnanger Projekt ist Folge einer Empfehlung der Enquete-Kommission „Fit fürs Leben in der Wissensgesellschaft“, speziell mit Blick auf die Einführung von Ganztagesangeboten an beruflichen Schulen. „Dass es hier gleich fünf Klassen sind und in den verschiedensten Sparten, das ist in der Region schon etwas Besonderes“, sagt Michael Vogt, Geschäftsbereichsleiter Schulen, Bildung und Kultur im Waiblinger Landratsamt. Zur Finanzierung trägt beispielsweise das Jugendbegleiterprogramm des Landes bei. Der Rems-Murr-Kreis ist mit einer jährlichen Pauschalunterstützung von 400 Euro pro Klasse dabei..

Zweimal pro Woche kocht jede Klasse mit ihrem Lehrer in der schuleigenen Küche

Wichtig ist das gemeinsame Mittagessen aller 86 Schüler: Zweimal pro Woche kocht jede Klasse mit ihrem Lehrer in der schuleigenen Küche, dann wird gemeinsam gespeist. Die Jugendlichen sollen dadurch lernen, wieder einen geordneten Tagesablauf mit bestimmten Ritualen als gut zu empfinden und Regeln der Gemeinschaft befolgen lernen. „Zudem kommen viele Jugendliche ausgehungert hier her, und die Aufgabe der Schule ist es, ihnen eine gesunde Ernährung und Getränke zu bieten“, sagt Fleuchaus.

Nach 90 Minuten ist die Stippvisite vorbei. „Ich bin beeindruckt, was Sie hier auf die Beine stellen, ein Riesenkompliment“, sagt Schmalzl anerkennend und beißt herzhaft in eines der Wurstweckle, das ihm die Schüler aus dem Berufsvorbereitungsjahr in ihrer Backstube zubereitet haben – und ein Blick hinunter zeigt, das der Anzug keinen Spritzer aus Chlestils Farbpistole abbekommen hat. Ein Kleiderwechsel für den nächsten Termin ist nicht erforderlich.

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