Jetzt im Vollbetrieb: die Hamburger Elbphilharmonie Foto: dpa

Hier stimmt alles: Mit dem ersten Konzert im kleinen Saal ist die umjubelte Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie abgeschlossen worden.

Stuttgart - „Ach“, sagt Christoph Lieben-Seutter, als er am zweiten Eröffnungsabend der Hamburger Elbphilharmonie seine ebenfalls zweite Rede hält, „wir wären auch ausverkauft, wenn bei uns auf dem Kamm blasende Putzfrauen aufträten.“ Der Intendant, der nach dem Riesentrubel um den Großen Saal erleichtert wirkt, darf mit den Lachern des Publikums rechnen. Und selbst wenn er sich nicht augenzwinkernd gewundert hätte, dass sogar die Tickets für „Blind Date“-Konzerte mit unbekannten Interpreten und Programmen in rasender Eile über den Ladentisch gegangen seien, hätte die Stimmung bei der klingenden Einweihung des kleinen, 550 Zuschauer fassenden Saals am Donnerstagabend kaum besser sein können.

Hier stimmt alles. Ganz in Holz – auf dem Boden helles Parkett, an den Wänden französische Eiche – ist dieser Raum gehalten. Während sich im Großen Saal nebenan die Dellen an der Wand nach innen wölben, wendet sich hier das Profil in gerippten Wellen nach außen, und im Zusammenwirken mit den Streichinstrumenten des Ensembles Resonanz entsteht ein Dialog der Materialien, der eben jene warmen, weichen Zwischentöne enthält, die man im gipsverkleideten Großen Saal tags zuvor vermisste.

Vermittelter wirkt im kleinen Saal die Akustik. Dass sie dennoch prägnant die produzierten Klänge überträgt, hört man schon, als man den Raum betritt. Dann haben die Streicher nämlich schon zu spielen begonnen: Die Musiker stehen auf der Galerie, die oben rund um den Saal läuft, und indem sich einer nach dem anderen nach unten auf die Bühne begibt, ereignet sich etwas Zeichenhaftes, nämlich die allmähliche Sichtbarwerdung von Kunst. Georg Friedrich Haas zelebriert mit seinem neuen Stück „Release“ mithilfe vieler Wiederholungen wundersam wirkungsvoller Glissandi sowie zahlreicher Septimakkorde die Kraft einer sich bündelnden Energie. Wer sich einlässt auf das dicht verwobene, mikrotonale Werden, wird verzaubert.

Emilio Pomárico oder Roberto Benigni?

Das liegt auch an Emilio Pomárico, der – auch wenn er immer wieder entfernt an Roberto Benigni erinnert – mit so klaren, schönen Gesten dirigiert, dass man sich selbst liebend gerne einmal von seiner freundlichen Strenge durch die Musik leiten ließe. In Alban Bergs „Sieben frühen Liedern“ führt er das Ensemble dicht mit der vor allem klangfarblich fein gestaltenden Sopranistin Sandrine Piau zusammen. Man wundert sich darüber, dass Johannes Schöllhorns Neubearbeitung der Stücke für Streichorchester nicht etwa zeitgenössischer, sondern eher spätromantischer wirkt als das pianistische Original, und man spürt, dass die stärkere Nähe der Streichinstrumente zur menschlichen Stimme die Lieder weicher und zerbrechlicher wirken lässt.

Eine interessante Repertoire-Erweiterung, die das künftige Residenzensemble im kleinen Saal der Elbphilharmonie mit einer temperamentvollen Darbietung von Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta abrundet. Wie die Xylofon-Schläge und das Pauken-Glissando zu Beginn und am Ende des dritten Satzes um den Saal sirren: Das wird man ebenso wenig vergessen wie die pathetische Affirmation am Schluss des Finales. Das ist dann so etwas wie Bartóks „Ode an die Freude“ – und tatsächlich haben sich wohl alle Menschen nach diesem Konzert ein bisschen wie Brüder gefühlt. Für manche Konzerte im kleinen Saal gibt es in dieser fast ausverkauften Saison noch Restkarten. Es lohnt sich.

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