„Amphitheater der Tonkunst“ nennt Bundespräsident Gauck beim Eröffnungskonzert die Elbphilharmonie Foto: dpa

Nach knapp zehn Jahren Bauzeit ist die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet worden. Zu den 2100 Gästen in dem Prestigebau gehörten Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel – und es war auch eine Nagelprobe für die im Vorfeld viel gerühmte Akustik des Konzertsaals.

Hamburg - Endlich, endlich! Es ist fast wie früher an den Heiligabenden der Kindheit, als der Tag einfach kein Ende nehmen wollte: So lange hat man gewartet, so lange hat sich Spannung aufgebaut, und so lange hat man sich das Schönste herbeigeträumt. Vor der Elbphilharmonie, deren gezackte Wellen auf dem Dach schon von weitem über der Hafencity zu sehen sind, winden sich lange Menschenschlangen. Sicherheits-Check: Bombenstimmung ist gut, aber besser ohne Bombe. Prominenz hat sich angesagt, darunter die politische mit der Bundeskanzlerin, dem Bundespräsidenten, der eine Rede halten wird, dem Bundestagspräsidenten. Die lange Rolltreppe vom Eingang bis zur glasumsäumten Plaza, schick Tube genannt, macht auf der gewundenen Fahrt aber alle 2100 Gäste gleich: Gemeinsam rollen sie zwei Minuten lang ins Ungewisse. Ein sprechendes architektonisches Symbol, denn ins Ungewisse, Unsichere führt uns Kunst ja immer, wenn sie der Welt den Spiegel vorhält – oder sie sollte es zumindest.

Von der Plaza aus winden sich die Gänge: aufwärts links, aufwärts rechts. Holztreppen hinauf, entlang an weißen Wänden. Die Foyers drinnen sind eher eng; hier spürt man die Grenzen des verfügbaren Platzes, den der Backsteinsockel des auf Federn ruhenden Neubaus, ein ehemaliger Kaispeicher, vorgab. Drinnen im großen Saal ist das ganz anders. Dort umrahmen ausladende Balkone die Bühne in der Mitte, der Raum ist großzügig, weit und wirkt gleichzeitig intim. Für die akustische Ausstattung des Raums hat der Star-Akustiker Yasuhisa Toyota gesorgt: Eine weiße Gipswand voller kleiner, ungleichmäßiger Waben umhüllt den von Holztreppen und ansteigenden Besucherreihen durchsetzten Saal, fängt Klänge auf, mischt sie und wirft sie wieder zurück. Schon vorab ist diese Auskleidung, zusammen mit der flugs als „Weltwunder“ proklamierten imposanten Architektur der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron (auch dank eines exzellenten Marketings) so ausgiebig und so laut bejubelt worden, dass die Erwartungshaltung groß und die Fallhöhe sehr, sehr hoch war.

Gauck: Wahrzeichen einer weltoffenen Stadt

Es hätte also ein herber Absturz werden können – auch vor dem Hintergrund der Ausgaben, die das Bauwerk verursachte. Knapp 800 Millionen Euro: Kann man Geld hören? Ist der Bau diese Ausgaben wert? „Manche Risiken kann man kalkulieren“, kommentierte immerhin ironisch der Bundespräsident die Kostenexplosion beim Baum der Elbphilharmonie in seiner Festrede. Manchmal müsse man für visionäre Ideen aber auch Wagnisse eingehen und Widerstände überwinden. Und jetzt stehe das Haus, ein auf bürgerschaftliches Engagement gegründetes „Amphitheater der Tonkunst“, auch da als Verpflichtung – und als „Wahrzeichen einer weltoffenen, vielfältigen Metropole“. Kultur, hatte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz zuvor gesagt, halte „die zivilisierte Gesellschaft im Innersten zusammen“.

Im Eröffnungskonzert selbst konnte man dann erleben, wie die Musik ganz allmählich den Raum eroberte. Oboenklänge aus dem Foyer (Benjamin Brittens „Pan“ aus den Sechs Metamorphosen nach Ovid) eröffneten einen Abend, der sich zwischen Renaissance und Gegenwart, kleiner und großer Besetzung, regionaler Verankerung (mit Werken Hamburger Komponisten von Michael Praetorius über Johannes Brahms bis Rolf Liebermann) und Internationalität aufspannte. Das Programm war mit feinen Bezügen durchsetzt, allerdings auch ziemlich kleinteilig, und die Idee, die einzelnen Werke bzw. Einzelsätze bruchlos aneinanderzufügen, ging nicht ganz ohne ästhetische Kollisionen ab.

Die akustische Klarheit hat auch Tücken

Und nicht ohne Enttäuschungen: Wagners „Parsifal“-Vorspiel zum Beispiel, mit ziemlich starrer Dramaturgie von Tempi und Dynamik dargeboten vom NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, bewies, dass die akustische Klarheit im neuen Saal auch ihre Tücken hat. Man hört die Musik hier sehr direkt, sehr differenziert (mit leichten Vorteilen für hohe Töne und für knalliges Blech) und dabei so exzellent miteinander vermischt, dass man manchmal kaum weiß, woher sie kommt. Dadurch wird aber eben auch jeden nicht optimal koordinierten Einsatz hörbar. Für ein Orchester unterhalb der Spitzenklasse ist das ziemlich tückisch, und das künftige Residenzorchester der Elbphilharmonie hat Schwächen. Außerdem hat es einen Dirigenten, der, von der alten Musik herkommend, starke Kontraste liebt und kultiviert. Das sorgte für eine nachhaltige Entzauberung (nicht nur) bei Wagner, und das knallte einem auch bei anderen Stücken in diesem Raum oft richtig um die Ohren. Auch der Applaus: so laut, dass man sich je nach Sitzposition und -nachbar die Ohren zuhalten muss.

Für leisere Töne sorgte der Countertenor Philippe Jaroussky, der harfenbegleitet vom Balkon aus von Klängen sang, die vom Himmel auf die Erde sinken. Und der Orchesterteil des bunten Programm-Patchworks enthielt mit den fein aufgefächerten Streicherfarben von Henri Dutillieux’ „Mystère de L’instant“, mit Bernd Alois Zimmermanns sich eindrucksvoll im Raum und (mit Wagner- und Beethoven-Zitaten) auch in der Zeit entfaltendem „Photoptosis“ und mit Rolf Liebermanns effektbewusstem, teilweise fast filmmusikalisch wirkenden „Furioso“ erfreulich viel Zeitgenössisches.

Wolfgang Rihms Uraufführung ist ein Klangfarbenrausch

Die Uraufführung des Abends selbst, besorgt von dem Komponisten, auf den sich in unseren Tagen irgendwie alle einigen können, der aber auch immer etwas Besonderes zu sagen hat, krönte diesen Schwerpunkt: Wolfgang Rihms „Reminiszenz“ auf und rund um Texte von Hans Henny Jahnn beginnt im Duktus Strauss’scher Orchesterlieder (was dem feinen Tenor Pavol Breslik mehr Dramatik abverlangt, als er geben kann) und spielt anschließend mit Alban-Berg-Anmutungen und vor allem mit Rihm selbst. Das Stück ist ein betörender Klangfarbenrausch, der (textlich wie musikalisch) in einen still verklingenden Epitaph mündet: beeindruckend auch deshalb, weil dieser Moment des Innehaltens im umgebenden Jubel des Eröffnungskonzertes der einzige blieb.

So schloss der Abend sehr passend mit dem Schlusssatz aus Beethovens neunter Sinfonie: Dem „Freude, schöner Götterfunken“ arbeitete das (eher uneinheitliche) Solistenensemble ebenso energisch zu wie die Chöre des Bayerischen und des Norddeutschen Rundfunks sowie das Orchester – mehr Musik als hier passte wirklich nicht hinein in den Saal. Und wenn, wie der Architekt Jacques Herzog beim Festakt betont hatte, die Architektur einer Stadt wirklich die „petrifizierte Psyche der Menschen“ darstellt und „geliebt werden muss, um identitätsstiftend zu sein“: Dann hat dieser Abend, dieser musikalische Marathon, den Anfang dieser Identitätsstiftung für das neue Wahrzeichen Hamburgs gemacht. Der Grund für alles ist die Liebe. Der Rest ist Zukunft – oder manchmal auch: Utopie. Es ist vollbracht.

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