Die großflächigen illegalen Graffiti, die wohl über Nacht in den sanierungsbedingt gesperrten B 14-Tunneln angebracht worden sind, sollen bald verschwinden. Derweil laufen die Ermittlungen. Der Schaden ist gewaltig.
Das Bild, das sich den Arbeitern da vor zwei Wochen morgens bot, war eine gewaltige Überraschung. Im wahrsten Sinne des Wortes. In den derzeit wegen Sanierungsarbeiten nicht befahrbaren B 14-Tunneln Gäubahn und Viereichenhau zwischen Schattenring und Heslach waren großflächig illegale Graffiti aufgebracht worden. Wohl über Nacht hatten Unbekannte etwa 50 Prozent der Tunnelwände besprüht – in einer Aktion, die gut geplant und mit großem Aufwand umgesetzt worden sein muss. Und die nun weit reichende Folgen hat.
Das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart , das für die Belagsarbeiten in den Tunneln und die damit einhergehende stadteinwärtige Sperrung der B 14 verantwortlich ist, hat inzwischen Strafanzeige erstattet. Die Stuttgarter Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Wie der derzeitige Ermittlungsstand ist, verrät man dort nicht. Es scheint allerdings noch keine Beschuldigten zu geben.
Dafür gewährt man einige Einblicke in die Szene – zumindest so, wie sie sich aus Sicht der Ermittler darstellt. „Wir unterscheiden zwei Gruppen“, sagt Polizeisprecherin Kara Starke. Bei der einen handle es sich um die Street-Art-Szene mit künstlerischem Anspruch. Die agiere oft legal. Die zweite Gruppe sei die sogenannte Battle-Crew-Szene. „Sie setzt eher auf Aufmerksamkeit und verwendet häufig nur Tags.“ Darunter versteht man den hingesprühten Künstlernamen oder das Kürzel des jeweiligen Graffiti-Malers. Zur Größe der Szene insgesamt lasse sich schwer etwas sagen: „Da wird in wechselnder Besetzung und auch überregional agiert.“
In den Stuttgarter B 14-Tunneln findet sich allerdings beides: großflächige Bilder, die an Kunstwerke erinnern, ebenso wie scheinbar schnell an die Wand Gekritzeltes. Fachleute gehen davon aus, dass eine ausgefeilte Logistik notwendig gewesen ist, um in relativ kurzer Zeit unbemerkt derart große Flächen zu bemalen. Außerdem dürften zahlreiche Menschen und sehr viel Material im Einsatz gewesen sein.
Aufklärungsquote ist gering
Bei solchen Aktionen geht es auch darum, sich in den sozialen Medien zu präsentieren. „Dort wird darauf dann reagiert. Und es darf als Herausforderung an andere Gruppen verstanden werden“, sagt Kara Starke. Bisher ist allerdings nicht bekannt, dass irgendwo an anderer Stelle der Stadt von konkurrierenden Gruppen darauf reagiert worden wäre.
Ob die Täter gefunden werden, ist offen. Die Statistik macht da nicht allzu große Hoffnungen. 1062 gemeldete Sachbeschädigungen durch Graffiti hat es im vergangenen Jahr in Stuttgart gegeben. Das lag unter dem Vorjahreswert und auch unter dem Fünf-Jahres-Trend. Die Aufklärungsquote lag bei 16 Prozent und damit etwas über dem Schnitt der Vorjahre, der nur auf 11,4 Prozent kommt.
Wer doch erwischt wird, dem droht laut Strafgesetzbuch eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. Wenn eine Tat gemeinschaftlich begangen wird, kann sich das Strafmaß auf bis zu drei Jahre erhöhen. Allerdings kann eine zweite Strafe dazu kommen, die je nach Einzelfall deutlich schmerzhafter sein kann. „Es können zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht werden“, sagt Polizeisprecherin Starke. Und die können richtig weh tun.
Graffiti müssen entfernt werden
Im Fall der B 14-Tunnel geht das RPS von einem Schaden von bis zu 200 000 Euro aus. Diese Summe dürfte für die Entfernung notwendig sein, genau steht sie aber erst danach fest. Wer diese Kosten als überführter Täter tragen muss, hat ordentlich zu zahlen.
Einfach in den Tunneln bleiben können die Graffiti nicht. Viele Tunnelwände sind bis zu etwa drei Meter Höhe mit einer speziellen Farbe angestrichen worden, um den Grad der Reflexion und somit die Helligkeit zu erhöhen. „Aufgrund der großflächig aufgetragenen Graffiti ist das in beiden Tunneln nicht mehr der Fall“, sagt RPS-Sprecherin Stefanie Paprotka. Außerdem könnten die teils sehr auffälligen Grafiken und Schriftzüge die Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer ablenken und somit das Unfallrisiko erhöhen. Sie müssen also weg.
Reinigung Ende nächster Woche
Der Zeitpunkt für die Reinigung steht inzwischen fest. „Voraussichtlich Ende nächster Woche wollen wir durch eine Fachfirma, die unser Baureferat inzwischen beauftragen konnte, die illegalen Graffiti entfernen lassen“, sagt Stefanie Paprotka. Je nachdem, wie lange dies dauert und ob womöglich die Spezialfarbe neu aufgetragen werden muss, kann das Folgen für die Freigabe der Tunnel haben. Bisher war das Ende der Bauarbeiten auf Mitte September geplant. Durch die Reinigung „könnte sich die geplante Sperrung um ein paar Tage verlängern – dies lässt sich dann erst im Zuge der Entfernung final absehen“, sagt die Sprecherin.
Immerhin ist damit der noch schlechtere denkbare Fall vom Tisch, nämlich eine zweite Schließung der Tunnel. „Zwischenzeitlich ist klar, dass wir die Entfernung der illegalen Graffiti ans Sperrende legen können. So können wir die aktuell vorhandenen Sperrungen aufgrund der Maßnahme direkt für die Entfernung nutzen und müssen nicht nochmals zusätzlich sperren“, sagt Paprotka. Wenn es zu einer weiteren Sperrung gekommen wäre, hätte bis dahin aus Sicherheitsgründen in den Tunneln Tempo 40 gelten müssen.