„Neben dem Kakaofeld“ heißt eine künstlerische Intervention im Stadtgarten. Sie setzt sich kritisch mit der Kolonialausstellung auseinander, die 1928 hier stattfand. Foto: LC/Lidia Chaves

„Ground-Breaking Stadtgarten“ ist das erste Projekt des IBA-Festivals. Studierende entdecken den Park von neuen Seiten – und lassen tief blicken.

Die internationale Bauausstellung (IBA), die 2027 mit einer zukunftstauglichen Idee von Architektur Stuttgart und die Region bespielen wird, wirft ihre Schatten voraus: mit einem Festival, das an diesem Freitag beginnt. Um 20.30 Uhr eröffnet das dazugehörige Zentrum in der Königstraße 1c; hier kann man sich in einer Ausstellung bis zum Kern der IBA und ihren bislang 17 Projekten vorarbeiten.

 

Schon etwas früher, nämlich um 14 Uhr, startet das Projekt „Ground-Breaking Stadtgarten“, das in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart sowie angehenden Architektinnen und Architekten diesen etwas vergessenen Park von neuen Seiten entdecken lässt. Am Eröffnungstag sind bis 22 Uhr Projektbeteiligte vor Ort und informieren, mit Musik klingt der Abend am Brunnen vor der Uni-Bibliothek aus. Weil es an 14 Stationen viel zu entdecken und von den Studierenden Überraschendes zu erfahren ist, sollte man den Festivalstart im Stadtgarten nicht verpassen.

Munition und andere Altlasten

Ein riesiges Loch wollte zum Beispiel ein Masterstudent hier graben, wie Projektleiterin Sandra Oehy bei einem ersten Rundgang erläutert. Weil Munitionsreste und anderes im Untergrund schlummern, war das nicht möglich. Doch in einem angrenzenden Gebäude, in dem das Institut für Darstellen und Gestalten Werkstätten betreibt, die sonst nicht zugänglich sind, nimmt die verrückte Idee eine comichafte Gestalt an und sind andere Masterarbeiten zu bestaunen - wie der zum Gefäß gewordene Abguss eines verknäulten Zwillingspaares.

Kolonialausstellung als schwieriges Erbe

Nicht so tief gebuddelt hat Lidia Chaves mit ihrem Team, und doch viel Material aus der Geschichte des Stadtgartens zu Tage befördert. Thema ist die Kolonialausstellung, die 1928 auch mit sogenannten Völkerschauen den Stadtgarten okkupierte. „Diese Ausstellung hat zehn Jahre nach dem Verlust der Kolonien stattgefunden und war ein nostalgischer Reflex“, sagt die Studentin. Bei ihrer Recherche ist sie im Führer der Kolonialschau auf ein Zitat gestoßen, das sie in die Wiese hinter der Bibliothek geschrieben hat. „Neben dem Kakaofeld gleich beim Eingang steht ein Geisterhaus“ ist da nun zu lesen. Die Buchstaben wurden aus Stahlblech für Rasenkanten geformt und in den Boden geschlagen, das aus den Hohlformen entfernte Gras lagert in Kaffeesäcken in der Bibliothek. Geschichte mit ihren Prozessen von Verletzungen und bewusstem Vergessen macht diese Installation anschaulich.

Gar nicht erst graben musste ein anderes Projekt, um in den Untergrund des Stadtgartens zu kommen: Das Öffnen einer Notausgangsklappe im Boden reicht aus, um die drei unterirdischen Stockwerke eines Parkhauses zu erkunden, das nach einer Sanierung das Klinikum nutzen wird. Jetzt führt ein inszenierter Rundgang hinab. Den Studierenden, die an dieser Metalltür gerüttelt haben, geht es darum, das Vorhalten von Parkraum zu thematisieren. „Er begünstigt die autogerechte Stadt“, sagt ein Student. „Ist genügend Parkraum verfügbar, lässt sich eine autofreie Stadt nicht umsetzen.“

Zu viel Spektakel in der Stadt?

Über die ungerechte Verteilung von Stadtraum wollen die Studierenden auch an anderen Stellen ins Gespräch kommen, die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums und eine „Festivalisierung“ der Stadt spricht das Projekt „Freizeitpark un(d)sichtbar“ an. Mit Ironie macht es sich zunutze, dass Spektakel dabei helfen kann, Sichtweisen zu ändern. Entsteht im Stadtgarten ein Freizeitpark? Ein Bauzaun mit Aufdrucken scheint beim Hörsaalprovisorium ein solches Vorhaben anzukündigen und macht mit Visualisierungen nachdenklich: Mit Freefall-Tower bei den Kolleggebäuden, Taubenschießen, Wildwasserbahn am stillgelegten Brunnen wäre hier wirklich viel los. „Wäre der Stadtgarten, der ja nicht so einen guten Ruf hat, mehr im Bewusstsein, wenn er ein pompöserer Ort wäre?“, stellt eine Studentin das Projekt vor.

Wie vernachlässigt der Stadtgarten über die Jahre wurde, zeigt die stillgelegte Brunnenanlage bei der Uni-Bibliothek. Zeitweise war sie mit Sand aufgefüllt. Nun macht sie eines der 14 „Ground-Breaking“-Projekte zur Bühne, um die zur Eröffnung auch das IBA-Festivals tanzt. Studierende haben über einer Unterkonstruktion eine Bühne gebaut, der Blick darauf von einem Podest aus ermöglicht eine Art optische Illusion.

Eingesperrt an einem Ort

Der öffentliche Raum nur ein Trugbild? Hier soll er tatsächlich den Menschen gehören und bespielt werden, drei körperbetonte Performances werden bis zum Ende der Stadtgarten-Bespielung am 19. Juli auf der Brunnenbühne stattfinden, auch die Studierenden selbst wollen sie mit Sartres Drama „Die geschlossene Gesellschaft“ erkunden: „Es geht uns um die Beziehungen, die entstehen, wenn wir an einem Ort gefangen sind“, erklärt Laura Plasser. Bei Sartre sind am Ende alle tot. Der Stadtgarten soll es nicht länger sein, vielleicht ist „Ground-Breaking“ ja der Spatenstich für eine bessere Zukunft.

Info

Termin
„Ground-Breaking Stadtgarten“ bespielt den Park vom 23. Juni bis zum 19. Juli an 14 Stationen. Zur Eröffnung an diesem Freitag gibt es von 14-22 Uhr Führungen, Gespräche und Musik. Über die vielen Performances und Führungen, die anschließend im Stadtgarten stattfinden, informiert die Internetseite des Projekts www.groundbreaking-stadtgarten.de

Orientierung
Eine virtuelle Karte ermöglicht das Auffinden der Installationen und Interventionen im Stadtgarten. Über QR-Codes bieten die einzelnen Stationen Hintergrundinformationen zu den studentischen Projekten.

Festival
Das IBA-Festival zieht vom 23. Juni vier Wochen lang bis zum 23. Juli eine erste Zwischenbilanz der internationalen Bauausstellung, deren Projekte bis 2027 in Stuttgart und der Region Gestalt annehmen sollen. Einen ersten Überblick ermöglicht eine Ausstellung im IBA-Zentrum in der Königstraße 1c, die über das Festival hinaus bis zum 23. September geöffnet bleibt. Das Festivalzentrum ist Mo-Fr von 10-20 Uhr geöffnet, samstags von 10-18 Uhr.