Was kann man gegen Arztphobie unternehmen? Foto: ARTFULLY PHOTOGRAPHER/Shutterstock

Lieber Schmerzen als zum Arzt zu gehen – das erdulden Menschen, die unter Iatrophobie leidern, der Angst vorm Arzt. Wir geben Tipps, was gegen das "Weißkittelsyndrom" hilft.

Angst vorm Arzt: Was ist Iatrophobie genau?

Wahrscheinlich geht niemand wirklich gerne zum Arzt, schließlich ist ein Arztbesuch oft ein Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Dennoch schaffen es die meisten Menschen, bei Schmerzen oder anderen Symptomen den Arzt aufzusuchen oder regelmäßig zur Vorsorge zu gehen.

Problematisch wird die Arztangst, wenn Arztbesuche trotz Schmerzen vermieden oder hinausgezögert werden. Dadurch kann es passieren, dass Krankheiten nicht (rechtzeitig) erkannt und nicht angemessen behandelt werden. Dann spricht man von einer Iatrophobie oder Arztphobie, einer langanhaltenden Angst vor Ärzten.

Es gibt verschiedene Phobien, die der Arztangst ähnlich sind bzw. ähnlich sein können, sich aber im Kern von ihr unterscheiden. Dazu gehören beispielsweise Phobien vor Erkrankungen (Nosophobie) oder vor spezifischen Krankheiten (z.B. Kanzerophobie als phobische Angst vor Krebs).

Außerdem kann die Angst vor dem Arzt in einer anderen Angst begründet sein. Wer unter Aphephosmophobie leidet hat Angst vor Berührungen. Dementsprechend fällt der Arztbesuch schwer, aber die Angst ist nicht allein auf den Arzt bezogen. Deswegen kann in solchen Fällen nicht von einer eigenständigen Arztphobie gesprochen werden.

Wie erkennt man eine Arztphobie?

Nicht jede Angst vor dem Arztbesuch ist als krankhafte Phobie einzustufen. Anspannung oder Angst vor einer ungewissen Diagnose oder vor einer Behandlung, die schmerzhaft sein könnte, sind vollkommen normal. Krankhaft wird die Arztangst jedoch, wenn sie so groß ist, dass Sie Termine vermeiden oder dass die Angst Ihren Alltag beeinträchtigt, beispielsweise indem Sie bereits Tage vor dem Termin darunter leiden. Das kann sich in folgenden Symptomen äußern:

  • Unkonzentriertheit
  • Gereiztheit
  • Appetitlosigkeit
  • Rückzug aus sozialen Situationen
  • Bauchschmerzen, Übelkeit, Schweißausbrüche
  • Herzrasen, bis hin zu Panikattacken

Oft steht die Arztphobie im Zusammenhang mit einer generalisierten Angst, das heißt, dass Sie nicht nur vor dem Arzt Angst haben, sondern auch vor vielen anderen Sachen.

Iatrophobie ist nicht so selten

Arztangst verspüren viele Menschen bei Zahnärzten, Gynäkologen, Urologen, Psychiatern sowie bei der Chirurgie und Neurologie. Die Angst vor dem Zahnarzt ist so weit verbreitet, dass sie mit „Dentophobie“ bzw. „Odontophobie“ eigene Namen hat und als psychische Krankheit anerkannt ist.

Wie viele Menschen in Deutschland an einer Arztphobie leiden, ist schwer zu erfassen. Erhebungen gehen von rund 2 Millionen in Deutschland aus. Vor allem Männer neigen dazu, Arztbesuche zu meiden. Keine Bevölkerungsgruppe geht seltener zum Arzt als Männer zwischen 20 und 24 Jahren (durchschnittlich 6,5 Behandlungstage im Jahr). Sicherlich sind junge Männer auch größtenteils gesund, dennoch wurden für Frauen im gleichen Alter doppelt so viele Behandlungstage abgerechnet (1).

Aus Studien weiß man außerdem, dass bis zu 30 % der Menschen am sogenannten „Weißkittelbluthochdruck“ leiden (2). Das heißt, sie sind so angespannt, dass ihr Blutdruck beim Arzt nachweisbar höher ist als im Alltag. Man kann davon ausgehen, dass diese Personen eine ausgesprochene Angst vor Ärzten haben.

Ursachen für die Arztphobie

Häufig ist der aktuell behandelnde Arzt gar nicht die Ursache für die Arztphobie. Die Angst kann verschiedene Ursachen haben, die für jeden Patienten individuell ergründet werden müssen. Mögliche Ursachen sind jedoch:

  • Schlechte Erfahrungen oder verzerrte Erinnerungen aus der Kindheit, z.B. durch stärker ausgeprägte Schmerzwahrnehmung
  • Ängstliche und überfürsorgliche Reaktion von Eltern (Vermittlung, ein Arztbesuch sei etwas Schlimmes)
  • Zu wenig Erfahrung mit Ärzten (Angst vor Unbekanntem)
  • Schlechte Erfahrungen mit falschen Diagnosen oder unsensiblen Ärzten
  • Angst vor negativen Auswirkungen einer Untersuchung oder Behandlung (Schmerzen, Medikamenten-Nebenwirkungen, Komplikationen etc.)
  • Angst vor Blut oder Spritzen
  • Angst vor Ansteckung mit weiteren Krankheiten
  • Schamgefühl z.B. durch Nacktheit, abstoßende Symptomatik oder bei Behandlung durch einen Arzt des anderen Geschlechts
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Angst vor Stigmatisierung (v.a. bei Psychiatrie und Psychotherapie)

Eine weitere Ursache für die Arztphobie sind hypochondrische Tendenzen, die durch Informationen aus dem Internet ausgelöst oder verstärkt werden. Diese können Ängste so weit schüren, dass sie zu einer manifesten Hypochondrie führen. Deswegen spricht man häufig auch von „Cyberchondrie“ oder „Morbus-Google“.

Schlechte Erfahrungen in der Kindheit können eine Arztphobie begünstigen. Bild: Dragon Images/Shutterstock

Darum ist die Arztphobie so gefährlich

Wer aus Angst vor dem Arzt Vorsorgeuntersuchungen meidet und selbst mit Schmerzen nicht in die Praxis geht, riskiert seine Gesundheit. Diagnose und Behandlung können gar nicht oder erst verspätet stattfinden, sodass sich manche Krankheiten verschlimmern können. Schlimmere Symptome und eine versäumte Behandlung führen bei Phobikern häufig zu Scham, wodurch ein Arztbesuch erneut vermieden wird. Darüber hinaus ist es möglich, dass die unbehandelte Krankheit ansteckend ist und somit andere Personen infiziert werden.

Was hilft gegen die Angst vorm Arzt?

Wenn Sie Angst vor dem Arztbesuch haben, nehmen Sie sich folgende Tipps zu Herzen:

1. Machen Sie sich bewusst, warum Sie zum Arzt gehen. Denken Sie nicht bloß an den Termin selbst, sondern auch an die Zeit danach. Voraussichtlich werden Sie sich nach dem Arzttermin besser fühlen. Planen Sie als Belohnung und Entspannung nach dem Arztbesuch etwas Schönes ein, beispielsweise den Besuch in Ihrem Lieblingscafé.

2. Sprechen Sie den Arzt oder das Personal auf Ihre Angst an. Sagen Sie am besten schon bei der Terminvereinbarung, dass Sie Angst vor dem Termin haben. Das Praxispersonal wird Sie freundlich und hilfsbereit empfangen, es ist in solchen Dingen geschult.

3. Lenken Sie sich während der Wartezeit ab. Nehmen Sie ein Buch mit, ein Rätselheft oder auch eine tragbare Spielkonsole – was auch immer Ihnen die Wartezeit angenehmer macht.

4. Nehmen Sie eine Vertrauensperson mit zum Arzt. Weihen Sie jemanden ein, der Ihnen nahesteht und bitten Sie die Person, Sie zum Termin zu begleiten. Die Person kann Sie ablenken, Sie ermutigen und sich gegebenenfalls auch Informationen des Arztes merken, die Sie in Ihrer Aufregung vergessen könnten.

5. Notieren Sie sich mögliche Fragen. Es ist nicht verwerflich, vor dem Termin Fragen aufzuschreiben, die Sie dem Arzt stellen möchten. So vergessen Sie nichts und bekommen alle Informationen, die für Sie wichtig sind. Falls Sie zu gehemmt oder schüchtern sind, können Sie dem Arzt so auch einfach den Zettel reichen.

6. Vermeiden Sie es, zum Notdienst zu gehen. Zögern Sie nicht so lange, bis Sie am Wochenende oder in der Nacht mit Schmerzen als Notfall zu einem fremden Arzt müssen. Dieser Arzt kennt Sie nicht und hat häufig wenig Zeit, sich um Sie zu kümmern. Dies könnte zu einer schlechten Erfahrung werden, die Ihre Angst verschlimmert.

7. Suchen Sie einen Arzt, dem Sie vertrauen. Manchmal stimmt die Chemie zwischen Arzt und Patient einfach nicht. Aber gerade wenn Sie Angst vor Ärzten haben, ist es wichtig, eine Praxis zu finden, in der Sie sich wohlfühlen. Lesen Sie nun: Tipps für den Arztwechsel.

Falls diese Tipps nicht helfen und Sie oder ein Angehöriger Arztbesuche trotz Schmerzen meiden, gerät die Gesundheit in Gefahr. Dann sind psychotherapeutische Maßnahmen sinnvoll und effektiv. Studien haben gezeigt, dass zum Teil über 90 % der Patienten, die ein Verhaltenstherapie bei Zahnarztangst machten, danach regelmäßig zur Vorsorge und Behandlung gehen konnten (3). Welche Therapieform die richtige für Sie ist, hängt davon ab, welche Ängste Sie genau haben und wie sich diese äußern.

Das Problem: Für eine Psychotherapie muss natürlich ebenfalls ein Arzt aufgesucht werden. Ein Teufelskreis, der nicht einfach zu durchbrechen ist.

Wenden Sie sich an eine Vertrauensperson, die Sie dabei unterstützen kann. Machen Sie sich bewusst, dass es keinen Grund gibt, sich für Angst zu schämen. Angst ist eine natürliche Reaktion, die bei manchen Menschen etwas ausgeprägter ist. Über diese Angst zu sprechen und sich Hilfe zu holen, ist mutig. Am Ende werden Sie und Ihre Gesundheit davon profitieren.

Hier weiterlesen: Stress abbauen – 21 Dinge, die bei Stress helfen

Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient nur zu Informations- und Bildungszwecken und ersetzt keine Therapie oder irgendeine Form von Behandlung. Wenden Sie sich im Krankheitsfall an einen Arzt. Wenn Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie im Notfall telefonisch den Rettungsdienst (112) oder einen psychiatrischen Notdienst, andernfalls den ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117) oder anonym und kostenlos rund um die Uhr die Telefonseelsorge (0800-111 0 111).

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