Bakterien sind überall – aber nicht alle sind schädlich. Foto: dpa

Küsschen links, Küsschen rechts – wer das zu unhygienisch findet, sollte auf Wissenschaftler hören. Sie haben herausgefunden, dass Händeschütteln viel kritischer ist. Aber wie schützt man sich vor Bazillen und Keimen – und welche Regeln sind kompletter Unsinn?

London - Die Deutschen gehören nicht­ ­gerade zu den leidenschaftlichen Kussverteilern – jedenfalls bei der Begrüßung, die hierzulande meist per Handschlag erfolgt. Aus hygienischer Sicht ist das allerdings die schlechtere Option, wie aus einer britisch-amerikanischen Studie hervorgeht. Die Forscher sichteten die wissenschaftlichen Daten, die es zu den typischen Übertragungswegen von infektiösen Erregern gibt – und fanden heraus, dass beim Handschlag weitaus mehr Viren und Bakterien den Besitzer wechseln als beim Küssen. Der Grund: Die Hände berühren öfter als der Mund verschmutzte Oberflächen, zu denen auch problematische Zonen des eigenen Körpers gehören, wie etwa der Popo.

„Dieses Problem könnte man zwar in den Griff bekommen, indem man sich mit Seife die Hände wäscht“, erklärt Studienleiterin Val Curtis von der London School of Hygiene, „doch das passiert offenbar zu selten.“ Womit sie wohl – auch für Deutschland – durchaus recht hat: Laut einer Studie des internationalen Hygiene-Councils waschen sich weniger als die Hälfte der Kinder hierzulande regelmäßig die Hände, bevor sie zum Essen greifen.

Von wegen also sauberer Händedruck und hygienisch bedenkliches Bussi-Bussi! Und das ist nicht die einzige Vorstellung, die man im Hinblick auf unsere Hygiene korrigieren sollte. Die enormen Umsätze beim Verkauf von Desinfektionssprays und antibakteriellen Haushaltstüchern zeigen zwar, dass keimfreie Sauberkeit vielen wichtig ist, doch tatsächlich agieren wir im Alltag oft im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Hygieneforschung. So tragen die erwähnten Sprays und Tücher sogar dazu bei, dass sich die mikrobiologische Situation im Haushalt verschärft. „Der übermäßige Einsatz von Desinfektionsmitteln fördert die Resistenzentwicklung der Bakterien“, warnt der Infektiologe Christoph Fux vom Kantonsspital in Aarau.

Mikroben sind resistent

Der Grund: Auch beim flächendeckenden Einsatz von antibakteriellen Mitteln bleiben genug Mikroben übrig, die ihr „genetisches Überlebenswissen“ an ihre Nachkommen weitergeben können. Und diese resistenten Stämme können dann auch die Haut besiedeln, die eigentlich von Natur aus mit einer Vielzahl „eigener“ Bakterien bevölkert ist. „Man kann sich die mikrobiotische Situation dort vorstellen wie in einem voll besetzten Bus“, erklärt Fux. „Die durch den Einsatz von Desinfektionsmitteln frei gewordenen Plätze werden von neuen Gästen eingenommen, die wir möglicherweise gar nicht im Bus haben wollen.“ Besser also, man ­beschränkt sich bei der Handwäsche auf Seife und im Haushalt auf Essigreiniger und andere herkömmliche Putzmittel.

Wobei diese natürlich dort zum Einsatz kommen sollten, wo sie wirklich gebraucht werden. So legt man in vielen Haushalten zwar großen Wert auf die Sauberkeit im Klo, das ohnehin permanent vom Spülwasser gereinigt wird. „Doch in der Küche hapert es oft“, bemängelt Hygieniker Gero Beckmann vom Institut Romeis in Bad Kissingen. Hotspots der Keimentwicklung seien vor allem Geschirrtücher und Spüllappen sowie der Kühlschrank.

„Unter Hygienikern kursiert das Bonmot“, sagt Beckmann, „wer Angst vor der Klobrille hat, sollte nichts mehr aus dem Kühlschrank essen.“ Denn dort lagern verderbliche Lebensmittel, auf denen sich Keime wie die Listerien befinden können, die sich auch bei Temperaturen nahe der Null-Grad-Grenze noch vermehren können. Selbst frisch gekauftes Fleisch ist laut Untersuchungen in bis zu 80 Prozent der Fälle mit resistenten Bakterien belastet.

Doch davon weiß der Konsument meistens nichts. „Er wiegt sich vielmehr in der trügerischen Sicherheit, dass im Kühlschrank mit seinen niedrigen Temperaturen schon nichts passieren kann“, warnt Beckmann. Dabei findet ungefähr die Hälfte aller Lebensmittelinfektionen – trotz Kühlschranks und Tiefkühltruhe – im Privathaushalt statt, und hier vor allem durch unsachgemäße Verarbeitung von Fleisch. Ein typischer Fehler ist laut Fux, dass man auf dem gleichen Brett erst Fleisch und dann den Rohkostsalat schneidet. „Beim Durchbraten des Koteletts werden Keime abgetötet“, so der Schweizer Infektiologe, „doch in Rohkost eben nicht.“

In die Ellenbeuge niesen

Auch im zwischenmenschlichen Kontakt ließe sich durch mehr Aufmerksamkeit so manche Infektionsquelle ausschalten. Wie etwa beim Niesen, bei dem immer noch viele die Hand vor den Mund halten. Die bessere Alternative: Man prustet in die Ellenbeuge. „Dabei gehen die Keime in die Kleidung und nicht auf die Hand, wo sie sich dann beim nächsten Kontakt weiterverbreiten können“, erläutert Fux. Und wer danach die Textilie bei 60 Grad wäscht, sollte den Schnupfenviren endgültig den Garaus gemacht haben.

Äußerst fragwürdig ist die sogenannte Fünf-Sekunden-Regel, die im TV und in den sozialen Medien verbreitet wird. Demzufolge könne man Lebensmittel, die auf den Boden gefallen sind, wieder aufheben und verzehren, sofern nicht länger als fünf Sekunden vergangen sind. Donald Schaffner von der Rutgers University (USA) ließ im Labor unterschiedliche Lebensmittel auf unterschiedliche Böden fallen und stellte fest, dass der Grad der Kontamination vor allem vom Feuchtigkeitsgehalt der Speise abhängt. Eine Melone wird mikrobiologisch deutlich schneller bevölkert als ein Gummibärchen. Denn, so Schaffner, „Bakterien haben keine Beine, sie bewegen sich mit der Feuchtigkeit“.

In einer aktuellen Studie hat der Mikrobiologe zudem untersucht, worauf wir beim Händewaschen achten sollten. Das Ergebnis: Zehn Sekunden reichen völlig aus. Und man braucht etwas Seife, aber kein warmes Wasser, sondern nur kaltes.

Tipps für den Haushalt

Putzmittel In deutschen Haushalten kommen durchschnittlich 15 verschiedene Reinigungsmittel zum Einsatz. Doch Haushaltsexperten empfehlen in der Regel nur vier: Zitronen- oder Essigreiniger gegen Kalkablagerungen, Soda gegen Fett, Spiritus für den Glanz auf der Fensterscheibe und – ganz wichtig! – Wasser. Wobei man am besten das aus dem Kondensationstrockner nehmen sollte. Es ist nämlich frei von Salzen, die als Rückstände auf Oberflächen bleiben könnten.

Staubsauger Im Staubsauger können sich ebenfalls zahlreiche Mikroorganismen entwickeln. Dann nämlich, wenn feuchte Sachen mit eingesaugt wurden. Das fördert im Staubsaugerbeutel die Entwicklung von Pilzsporen, die dann bei den folgenden Putzrunden in den Zimmern verteilt werden. Das Risiko dafür ist in den letzten Jahren gestiegen, weil der Sauger mittlerweile auch in Feuchträumen wie Küche und Bad zum Einsatz kommt. Hier wäre ein Wisch-Mopp besser.

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