Ein Bild aus Somalia: Vor allem Kinder leiden wieder unter der Dürre dort. Foto: AP

In vier Kriegsregionen der Welt, in Somalia, dem Südsudan, Nigeria und dem Jemen, ist wieder eine Hungersnot ausgebrochen. Die Welt darf dabei nicht einfach zuschauen, kommentiert Christoph Link.

Stuttgart - Erst stirbt das Vieh, dann stirbt der Mensch. Die Abfolge von Dürre- und Hungerkatastrophen in Afrika und anderswo folgt einem grausamen Zeitplan. Setzt nach Monaten wieder der Regen ein, ist das Leiden und Sterben noch nicht vorbei. Dann verwandeln sich ausgetrocknete Landschaften in Schlammwüsten, in Wohnquartieren vermischt sich Regenwasser mit Abwasser, und die bei Mangel­ernährung typischen Krankheiten wie Durchfall, Typhus oder Cholera raffen die geschwächten Menschen dahin. Bei der aktuellen Hungersnot in den afrikanischen Ländern Somalia, Südsudan und Nigeria sowie dem Jemen verschärft noch ein anderer Faktor die Katastrophe: der Krieg. Er macht jede Vorbeugung von Nahrungsknappheit zunichte, und er erschwert den Helfern den Zugang. Gerade im Jemen ist die Lage dramatisch. Die Hungernden sind faktisch alleingelassen. Aus Angst vor Entführungen durch islamistische Milizen traut sich kaum noch eine Hilfsorganisation dorthin – ein Trauerspiel.

In den Trockengebieten Afrikas oder Asiens rechnen die Bauern mit Dürren, sie beugen vor, sie legen Kornspeicher an oder sie haben Zugang zu entfernten Märkten. Mithilfe moderner Frühwarnsysteme kann heute vor drohenden Dürren gewarnt werden – und selbst Viehhirten in Afrika verfügen schon über Handys, so dass sie davon profitieren und früh reagieren können. In den Zeiten des Krieges greifen all diese Maßnahmen zur Vorbeugung nicht, Felder liegen brach, Speicher werden geplündert.

Der Jemen ist ein Staat im freien Fall

In Somalia und im Norden Nigerias führen islamistische Terrormilizen seit Jahren einen unerbittlichen Krieg gegen die Bevölkerung. Im Südsudan – dem jüngsten Staat der Welt – hat eine lediglich am eigenen Wohl interessierte Präsidentenclique einen Bürgerkrieg mit den politischen Rivalen einer anderen Ethnie angezettelt. Im Jemen wiederum sind nach dem Arabischen Frühling alte Konfliktlinien aufgebrochen: Der Präsident wurde von Rebellen verjagt, durch Luftangriffe versucht das benachbarte Saudi-Arabien, dem Ex-Präsidenten den Weg zurück an die Macht zu ebnen. Die für Hilfslieferungen wichtigen Häfen und Straßen werden weggebombt. Der Jemen ist ein Staat im freien Fall.

In keinem der vier Krisenherde zeichnet sich in absehbarer Zeit eine politische oder militärische Lösung ab. Somalia etwa ist seit einem Vierteljahrhundert ein zerrütteter Staat. Selbst einige Dutzend Friedenskonferenzen haben keine Lösung gebracht. Dennoch müssen weitere diplomatische Anläufe für einen Frieden unternommen werden – es gibt keinen anderen Weg. Gleichzeitig darf die Weltgemeinschaft nicht abwarten und beim millionenfachen Sterben zuschauen. Sie muss sofort Nothilfe leisten. Das tut die Staatengemeinschaft nur zögernd. Auf einen Mitte Februar erfolgten Hilferuf der UN nach vier Milliarden Euro, um 20 Millionen Menschen vor dem Hungertod zu retten, sind bisher nur zehn Prozent eingegangen – ein Armutszeugnis.

Der Hilfswille der Staaten fehlt

Die deutsche Welthungerhilfe hat festgestellt, dass die private Spendenbereitschaft durchaus vorhanden sei. Was fehlt, ist der Hilfswille der Staaten. Es sind Weltkrisen wie die in Syrien, die alle Aufmerksamkeit binden. Hinzu kommt der erklärte Wille von US-Präsident Donald Trump, die Zahlungen für humanitäre Hilfe zu reduzieren. Sollte dies wahr gemacht werden, würde sich die Lage verschlimmern, denn traditionell sind die USA der größte Geldgeber des UN-Welternährungsprogramms. Sie bestritten 2016 fast ein Viertel seines Budgets, wobei es kein Geheimnis ist, dass US-Farmer massiv von den Maisexporten in Hungergebiete profitieren. Die Augen vor der Hungerkatastrophe zu schließen ist moralisch inakzeptabel und politisch kurzsichtig. Krieg und Hunger gehören zu den wichtigsten Gründen, sich auf die Flucht nach Europa zu begeben.

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