Silvia Korkmaz vor ihrer Agentur für Ethnomarketing in Stuttgart. Die 35-Jährige kam mit 14 nach Deutschland, zuerst lebte sie in Calw, dann zog sie nach Sindelfingen. Foto: Gräfe

Unternehmen lassen sich Geschäfte mit Migranten im Südwesten entgehen, dabei liegt das Umsatzpotenzial bei 20 Milliarden Euro.

Stuttgart - Unternehmen im Südwesten vernachlässigen die Deutschtürken als Zielgruppe. „Die Firmen schöpfen das Potenzial nicht aus. Oft genügt es schon, ein Produkt für die türkische Zielgruppe zu modifizieren“, sagt Engin Ergün, Geschäftsführer einer der größten Ethnomarketing-Agenturen, den Stuttgarter Nachrichten. Wer zum Beispiel Suppen ohne Schweinegelatine oder Medikamente ohne Alkohol anbiete, könne seinen Umsatz bei Deutschtürken steigern. Das sogenannte Ethnomarketing wirbt bei den Minderheiten eines Landes für Produkte.

550.000 Deutschtürken wohnen in Baden-Württemberg, bundesweit sind es drei ­Millionen. Sie haben potenziell 20 Milliarden Euro zur Verfügung. Laut Handelsexperten entgehen Unternehmen in Branchen wie Pharmaindustrie, Einzel- und Möbelhandel beträchtliche Umsätze, weil sie die Konsumgewohnheiten der Deutschtürken ignorieren. „Die meisten Unternehmen in Deutschland bekommen gar nicht mit, was ihnen entgeht. 90 Prozent der deutsch-türkischen Haushalte kauft einmal die Woche in einem türkischen Supermarkt ein, weil sie nur dort bestimmte Produkte bekommen“, sagt Ergün.

In türkischen Medien werben

Branchenexperten zufolge werden die Deutschtürken künftig als Kunden eine noch größere Rolle spielen, da sie im Schnitt jünger und markenbewusster als deutsche Kunden und ihre Familien kinderreicher seien. „Wenn ein Unternehmer sich nicht jetzt damit auseinandersetzt, was sich Deutschtürken wünschen, hat er künftig das Nachsehen“, sagt Ethnomarketing-Spezialist Burhan Gözüakca. Um Deutschtürken als Zielgruppe zu erreichen, müsse man in türkischen Medien werben und auch den kulturellen Hintergrund beachten, heißt es bei der Gesellschaft für Kommunikationsforschung Data 4U. Nur jeder vierte Deutschtürke nutze beim Fernsehen oder Lesen deutschsprachige Medien.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: